Die Zürcherin trägt wieder Zopf

Mit Boxer Braids zum Sport, mit Bauernkranz in den Ausgang: Trendige Zürcherinnen setzen neuerdings auf Flechtfrisuren. Was hat das zu bedeuten?

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Die Frau mit blauem Haar flicht ihrer Kundin einen Bauernzopf, diese verzieht das Gesicht. Es zieht. «Das muss sein, damit es besser hält», sagt die Blauhaarige. Mit denselben Worten hatte sie Salzwasserspray («vegan!») in die Haare gesprüht.

Zopfchopf heisst das mobile Flechtstudio zweier Zürcherinnen, das derzeit in einem Kleiderladen am Limmatquai haltmacht. Junge Frauen lassen sich hier Frisuren flechten. Zeitaufwand: 20 bis 30 Minuten. Kosten: ab 20 Franken. Zöpfe sind der Trend.

Lange dachte man bei Zöpfen nicht an Fashion Blogs und Streetstyle, sondern an gute Noten oder Oktoberfest, Pippi Langstrumpf oder den Bund Deutscher Mädel. Die Renaissance der Flechtfrisur kommt aus den USA. Stars posieren gezopft auf dem roten Teppich, Kim Kardashian, Kylie Jenner oder Katy Perry posten Zopf-Selfies auf Instagram. Tausende junger Frauen eifern ihnen nach. Alle wollen Heidi sein.

Eben, rund 20 Minuten dauert das Flechten bei Zopfchopf. Zeit, darüber nachzudenken, was die Rückkehr der Zöpfe zu bedeuten hat.

Zuerst ein Blick auf die Köpfe der weiblichen Vorfahren. Die letzte Frau in der Familie, die als Erwachsene einen Zopf trug, war die Urgrossmutter, Jahrgang 1906. Ihre langen, weissen Haare waren stets sorgsam zu einem Zopf geflochten und mit Haarnadeln zu einem Dutt aufgesteckt. Die Mutter hingegen, Jahrgang 1961, trug nur noch als Primarschülerin zwei Zöpfe, die sie aber bald - welch Befreiung! - durch einen wuscheligen Kurzhaarschnitt ersetzte.

Zu straff, zu brav

Anfang der 1970er-Jahre zeigten sich nur noch einige Primarschülerinnen gezopft in der Öffentlichkeit. Moderne Frauen setzten auf offenes Haar. Die Frauenbewegung beeinflusste die Haarmode. Der weibliche Körper sollte befreit werden - die alten Zöpfe mussten ab.

Die Frisuren der Zürcher Politik-Pionierinnen spiegeln das neue Frauenbild. Emilie Lieberherr, die 1970 erste Stadträtin Zürichs wurde, trug kurzes Haar. Auch Hedi Lang, die es 1983 als erste Schweizerin in eine kantonale Exekutive, nämlich den Zürcher Regierungsrat, schaffte, hatte einen unkomplizierten Kurzhaarschnitt. Corine Mauch, die 2009 zur ersten Zürcher Stadtpräsidentin gewählt wurde, mit Flechtfrisur auf Staatsempfang? Unvorstellbar.

Um eine bekannte Zürcherin mit Zopf zu finden, muss man weiter zurückgehen in der Geschichte. Zöpfe galten seit dem Mittelalter als Frisur der Bäuerinnen, Mägde und Unverheirateten. Das scheint Johanna Spyri (1827 bis 1901), Schöpferin von Heidi und Ehefrau des Zürcher Stadtschreibers, nicht gestört zu haben. Sie trug stets Bauernkranz, sogar auf der Briefmarke zu ihren Ehren.

Moderne Zöpfe sind nicht perfekt frisiert

Für diese Frisur, mit der sich übrigens auch Frida Kahlo häufig zeigte, wird ein hüftlanger Zopf wie ein Kranz ums Haupt gelegt. Dass diese Zopfvariante heute jeder kennt, ist aber nicht Spyri, sondern Julija Timoschenko, der zweimaligen Ministerpräsidentin der Ukraine, zu verdanken. Der Zopf wurde zu ihrem Markenzeichen. Einen Siegeszug trat der Zopf à la Timoschenko dennoch nicht an. Zu straff, zu brav.

Zurück ins Flechtstudio von Zopfchopf. Der Zopf ist fertig, die Kopfhaut spannt. Carla Opetnik, die Blauhaarige, steckt das Ende des Zopfes mit Spängelchen fest. Reflexartig denkt man an Heidi. Und doch wirkt der Bauernzopf nicht altmodisch. Woran liegt das? «Das Coole ist, dass man mit dieser ursprünglich eher konservativen Frisur spielt und sie nicht mehr perfekt frisiert», sagt Opetnik, die nicht nur Haare flicht, sondern auch als selbstständige Designerin arbeitet.

«Zerstrubbelt wirken Zöpfe peppiger, als wenn sie schön glatt sind»Marc Menden, Inhaber Mad Hairstyling

Der moderne Zopf ist zerzaust statt züchtig. Wie zufällig hängen Strähnchen heraus, oder die geflochtenen Haare sind zu unordentlichen Vogelnestern aufgerollt. Kreatives Chaos auf den Köpfen. «Zerstrubbelt wirken Zöpfe peppiger, als wenn sie schön glatt sind», sagt Marc Menden, Inhaber des Zürcher Coiffeurgeschäfts Mad Hairstyling. Er hat vor einigen Monaten in seinen Salons das Angebot «Flechtwerkstatt» eingerichtet. Zöpfe gibt es hier, wie bei Zopfchopf, ohne Voranmeldung und ab 20 Franken.

Die Nachfrage sei gross, sagt der Coiffeur, fast tausend Flechtfrisuren haben er und seine Mitarbeitenden dieses Jahr bereits gemacht, immer passend zur Saison: Badibesuch, Oktoberfest, Skitag. Aus einem «Flecht-Menü» können die Kundinnen Anzahl und Art der Zöpfe auswählen. Da gibt es die Fischgrat- und die Wasserfalltechnik, den Sidecut-Zopf oder «so viele Zöpfe, wie Platz haben», als Optionen.

Ein Renner sind die sogenannten Boxer Braids, bei denen die Haare in zwei bis drei Strängen den Kopf entlang geflochten werden. «Das gilt als praktische Sportfrisur», sagt Menden.

Bei richtiger Handhabung hält die Flechtfrisur zwei Tage. Carla Opetniks Tipp: Zum Schlafen einen Nylonstrumpf über den Kopf ziehen. In der Nacht wird aus Heidi eine Bankräuberin.

Erstellt: 16.12.2016, 12:00 Uhr

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