«Die Zuzüger müssen spüren, dass sie hier willkommen sind»

In Zürcher Primarschulen sollte in Deutsch und Englisch unterrichtet werden, um Zuzügern die Integration zu erleichtern, findet die kantonale Integrationsbeauftragte Julia Morais.

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Es ziehen vermehrt gut ausgebildete Ausländer in den Kanton Zürich, die sich schlecht integrieren. Weshalb soll ihnen der Staat bei der Integration helfen?
Gemäss Ausländergesetz hat die Fachstelle Integration einen Informationsauftrag. Dieser gilt auch für gut gebildete Migranten. Die Angebote für diese Gruppe umfassen beispielsweise Infoanlässe für Neuzuzüger.

Sie plädieren für eine bessere Willkommenskultur. Was erwarten Zuzüger, was brauchen sie?
Neuzuzüger brauchen vor allem Informationen über das schweizerische Gesundheits- und Sozialversicherungssystem, das Schul- und Ausbildungssystem sowie Tipps zur Wohnungssuche und Möglichkeiten zu Sprachkursen. Um ihnen die soziale Integration zu erleichtern, werden sie über Vereins- und Freizeitangebote orientiert.

Sind das nicht zentrale Lebensbereiche, die sich gerade gut Gebildeten einfach erschliessen?
Um sich in einem neuen Land zurechtzufinden, ist es hilfreich und zeitsparend, die relevanten Informationen von Beginn an zu erhalten. Das Schweizer Schul- und Ausbildungssystem z. B. ist auch für sehr gut Gebildete neu und teilweise erklärungsbedürftig.

Inwiefern unterscheiden sich die Bedürfnisse gut Gebildeter von weniger gut Gebildeten?
Weniger gut Gebildete benötigen vor allem Angebote, die ihnen die Integration in der Arbeitswelt und den sozialen Aufstieg ermöglichen. Bei bildungsfernen Familien ist auch die frühe Förderung der Kinder relevant, damit sie die gleichen Chancen wie Schweizer Kinder haben. Gut Gebildete möchten beispielsweise wissen, welche Betreuungsmöglichkeiten sie für ihre Kinder haben, wie das Steuersystem funktioniert und wie die Schweizer ticken.

Ein Befund einer gerade erschienenen Studie (siehe Box) ist: Viele Ausländer nehmen die Schweiz als geschlossene Gesellschaft wahr. Was ist damit genau gemeint?
Wir hören immer wieder, dass die neu zugezogenen Migranten Schwierigkeiten haben, Schweizer Freunde zu finden. Sie nehmen die Schweizer als sehr verschlossen wahr und kapseln sich als Folge unter Ihresgleichen ab.

Wo liegen die Hauptprobleme, das Leben im Kanton Zürich neu aufzugleisen?
Eine passende Wohnung zu finden, einen Freundeskreis aufzubauen und für Fremdsprachige der Spagat zwischen Hochdeutsch in der Schule zu lernen und Schweizerdeutsch im Alltag verstehen zu müssen.

Brauchen wir an Bank-, Post- und Einbürgerungsschaltern mehr Englisch sprechendes Personal?
Ich bin sehr dafür, dass sich Migranten, die vorhaben, mehrere Jahre in der Schweiz zu leben, genügend Deutschkenntnisse aneignen, um auf der Post eine Einzahlung machen zu können. Dennoch ist es gerade in der Anfangsphase für Zuziehende hilfreich, wenn Schalterangestellte Englisch und weitere Sprachen beherrschen.

Zugezogene bleiben laut Studie immer häufiger im Kanton Zürich. Was macht sie so wertvoll für den Kanton Zürich?
Rund 80 Prozent der in den letzten fünf Jahren Zugezogenen haben einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Fast 60 Prozent dieser Gruppe verfügen über einen Hochschulabschluss. 30 Prozent sind Facharbeiter. Diese Menschen leisten wertvolle Arbeit im Kanton Zürich, zum Beispiel im Spital, bei Versicherungen oder im Dienstleistungssektor.

Was braucht es, damit noch mehr gut gebildete Zuzüger hier sesshaft werden?
Einerseits muss natürlich die Wirtschaft weiterhin florieren, andererseits müssen die Migranten aber auch zu spüren bekommen, dass sie hier willkommen sind und für den Mehrwert, den sie dem Kanton Zürich bringen, auch geschätzt werden.

Bloss etwa 4000 Expats leben im Kanton Zürich, das entspricht gerade einmal zwei Prozent der Migrationsbevölkerung hier. Wie kommt es, dass diese Randgruppe so in den Fokus der Öffentlichkeit geraten ist?
Das liegt daran, dass der Begriff Expat nicht im eigentlichen Sinn verwendet wird. Seit einigen Jahren werden alle gut Qualifizierten als Expats bezeichnet, nicht nur jene, die nach kurzer Zeit wieder weiterziehen. In den Medien wurde teilweise von bis zu 200'000 Expats im Kanton Zürich gesprochen. Ich hoffe, diese Studie trägt nun zu einer besseren Differenzierung bei. Sie zeigt ganz klar, dass im Gegensatz zu anderen Zuzügern keine spezifischen Integrationsangebote für Expats nötig sind. Wir empfehlen dieser Gruppe dennoch, sich Sprachkenntnisse anzueignen, dass sie sich – auch wenn es nur für zwei, drei Jahre ist – hier gesellschaftlich engagieren können.

Welche Aufgaben könnte man an die Arbeitgeber der Zuzüger delegieren, wo steht der Kanton in der Pflicht?
Wenn wir in Betracht ziehen, dass in der Zwischenzeit die grosse Mehrheit wegen der Arbeit in die Schweiz kommt und auch 80 Prozent der Zuziehenden über einen unbefristeten Arbeitsvertrag verfügen, nehmen die Arbeitgeber eine wichtige Rolle ein. Gerade im Bereich der Information und Vernetzung können sie einen grossen Beitrag leisten. Unsere Fachstelle führt derzeit das Pilotprojekt Magnet durch, das zum Ziel hat, Arbeitgeber bei der Integration ihrer ausländischen Arbeitnehmerschaft gezielt zu unterstützen.

Gibt es Anstrengungen der Arbeitgeber, beispielsweise bei der Kinderbetreuung einen Part zu übernehmen?
Das ist sehr unterschiedlich und richtet sich natürlich auch nach den Möglichkeiten eines Arbeitgebers. Eine kleine Gärtnerei wird kaum einen Kinderhort zur Verfügung stellen können, ein grosser Betrieb wie zum Beispiel ein Spital jedoch schon. Wie oben schon aufgeführt unterstützen und beraten wir Unternehmen in Integrationsfragen.

Sie plädieren für einen zweisprachigen Unterricht (Deutsch/Englisch) bereits für Primarschüler. Was erhoffen Sie sich davon?
Das wäre ein Mehrwert für alle, sowohl für Schweizer wie auch für fremdsprachige Kinder. Ausserdem würden mehr Englischsprachige ihre Kinder in der öffentlichen Schule einschulen, und dies entspricht wiederum dem Integrationsgedanken.

Für wie realistisch halten Sie diesen Wunsch?
Im Moment ist er nicht mehrheitsfähig, längerfristig werden alle die Vorteile erkennen.

Lernen Zuzüger mit Kindern nicht automatisch Zürcher Eltern kennen?
Wenn die Kinder in die Internationale Schule gehen, die Eltern kein Deutsch können und der Bekanntenkreis auch nur aus ausländischen Freunden besteht, bestehen wenige Berührungspunkte.

Die Studie glaubt, viele Zuzüger wären Vereinen oder Freiwilligenarbeit zugetan. Warum will es doch nicht so recht klappen mit dem Austausch mit der lokalen Bevölkerung?
Hier braucht es noch mehr Tipps und Informationen. Im Bereich der Erstinformation sind hier noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft. Wir werden das in Zusammenarbeit mit den Gemeinden und Vereinen angehen, damit Zuziehende direkt nach dem Zuzug über die lokalen Vereine und Quartiertreffpunkte informiert werden.

Der Bund unterstützt das kantonale Integrationsprogramm mit 6,5 Millionen Franken. Wie viel davon soll in Angebote für Hochqualifizierte fliessen?
Die Fachstelle Integration führt nur im Bereich «Erstinformation» Angebote, die sich auch an gut Qualifizierte richten. Das sind die Begrüssungs- und Informationsveranstaltungen zum Beispiel für deutsche Neuzuzüger. Im Jahr 2014 setzen die Gemeinden gemäss Planung circa 900'000 Franken Bundesbeiträge für Erstinformation ein. Diese Angebote richten sich jedoch nicht spezifisch an Hochqualifizierte, sondern an alle Neuzuzüger.

Erstellt: 07.03.2014, 14:33 Uhr

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«Zugezogene haben Schwierigkeiten, Schweizer Freunde zu finden », sagt Julia Morais, kantonale Beauftragte für Integrationsfragen. (Bild: zvg)

Migration im Kanton Zürich

Die neuen Zuwanderer sind jung, erwerbstätig und gut qualifiziert

Die neu veröffentlichte Studie zur Migration im Kanton Zürich zeigt: Nicht nur bildungsferne Migrantinnen
und Migranten brauchen Hilfe bei der Integration in der Schweiz, sondern auch hoch qualifizierte. Das Forschungsunternehmen Infras hat die Studie im Auftrag der Integrationsfachstelle des Kantons durchgeführt. Häufig werde vorausgesetzt, dass gut qualifizierte Zuwanderer sich die nötigen Informationen selbst beschaffen könnten, heisst es in der Studie. Doch auch diese Menschen hätten vor allem
am Anfang einen hohen Informationsbedarf. Das betrifft etwa Wohnungssuche, Anmeldeformalitäten, Steuern oder Sozialversicherungen. Die Studie empfiehlt Kanton und Gemeinden, ihr Angebot an Erstinformationen gezielt auf
diese Fragen auszurichten. Aber auch Arbeitgeber seien wichtige Ansprechpartner in Integrationsfragen. Einen weiteren grossen Informationsbedarf macht die Studie bei Eltern von Schulkindern aus: Sie sind mit dem hiesigen,
durchlässigen Bildungssystem in der Regel überhaupt nicht vertraut. In vielen Ländern existierten überhaupt keine oder keine vergleichbaren Berufslehren. Heute verfügen fast 60 Prozent aller Zuzüger über einen Hochschulabschluss,
weitere 30 Prozent haben eine abgeschlossene Berufsausbildung. (leu)

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