Die acht fiesesten Agglo-Fallen

Nicht-Zürcher haben es schwer in der Stadt: Das Tram fährt ihnen vor der Nase ab, in Szene-Bars gibt es keine Bedienung, und beim Baden werden sie von der Limmat in ein Eisengitter geschoben.

Der Rechen am Unteren Letten: Geübte machen Entenfüsse, Anfänger werden vom Fluss gegen die Eisenstäbe gedrückt.

Der Rechen am Unteren Letten: Geübte machen Entenfüsse, Anfänger werden vom Fluss gegen die Eisenstäbe gedrückt. Bild: Sophie Stieger

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Man kann noch so cool tun mit der dunkelsten Sonnenbrille und den ausgelatschtesten Flipflops – Agglo und Landei lassen sich nicht verbergen. Den Opel Kombi mit dem Aargauer Nummerschild zu Hause lassen und den Zug nehmen ist zwar lufthygienisch löblich, birgt aber für die Auswärtigen, die nicht als solche erkannt werden möchten, schon am Hauptbahnhof die erste Gefahr.

1. Sanität rufen am HB

Dort, in der Querhalle, ist nämlich oft eine alte Frau zu sehen, die vornübergebeugt in einem Rollstuhl sitzt und jeden Moment auf den Boden zu fallen scheint. Ohnmacht? Übelkeit? Schlaganfall? Niemanden kümmerts, alle hasten ungerührt vorbei – eiskalte Stadt, warum hilft denn niemand, denken die Zürich-Ungeübten. Weil der Frau nicht geholfen werden soll. Sie braucht keine Hilfe, und sie will auch nicht angesprochen werden. Sie segnet. Sie segnet die Vorübergehenden mit Blicken und versucht möglichst viele kurz anzuschauen. Wie anstrengend das sein muss, erkennt man daran, dass sie zwischendurch oft einschläft und immer wieder wochenweise gar nicht zu sehen ist. Das heisst aber nicht, dass jede alte Frau, die in der Stadt aus dem Rollstuhl zu kippen scheint, am Segnen ist. Aber das ist für Auswärtige schwierig auseinanderzuhalten. (jr)

2. Die Knopfdrücker

Allen fährt das Tram vor der Nase weg, den routinierten Zürchern wie den Anfängern. Das ist ein Zürcher Verhängnis oder wie der Philosoph Heidegger sagen würde: Zürichs Geworfenheit. Entscheidend ist, wie man damit umgeht. Die Einheimischen nehmens als Schicksal wie einen Regenguss; es ist nicht ihre Schuld, es ist niemandes schuld, also bleiben sie gelassen. Die Unkundigen und Neulinge dagegen, die Möchtegernurbanisten und Stadtstreber, die drücken auch dann noch wild auf dem Türknopf herum, wenn dieser längst erloschen ist und das Tram zum Zeichen der Abfahrt gelb blinkt. Sie drücken, schauen nach vorn zum Rückspiegel des Chauffeurs, drücken, schauen, drücken – ein plumpes, zweckloses und selbstsüchtiges Tun, das die Eingeborenen peinlich berührt: Sie wissen, dass jedes Tram einmal abfahren muss, sonst könnte ja nicht bald das nächste kommen. Nur die Auswärtigen meinen, sie hätten ein Recht auf genau dieses Tram – und es komme kein anderes mehr. (jr)

3. Verräterische Glocken

Im Tram drinnen wartet auf Auswärtige schon die nächste Falle: die Glocke im Heck, dieser kleine, fiese Tretknopf, auf den man automatisch tritt, wenn man sich hinten im Wagen lässig in Pose stellt. Eine kleine Berührung genügt, und laut erklingt das Glockenzeichen und verkündigt: Hier ist ein Anfänger, ein Unkundiger. Darum heisst dieser Tretknopf im Volksmund «Agglo-Falle». Die neuen Cobra-Trams haben diese Glocke nicht mehr. Aber auch in der Cobra verraten sich die Neulinge, indem sie entsetzt um sich schauen, wenn die Cobra beschleunigt und zu rumpeln beginnt. Die Habitués wissen längst, dass ihr Cobra-Tram eckige Räder hat. (jr)

4. Im Auto am Paradeplatz

Meist merken sie rasch, dass etwas nicht stimmen kann. Und doch ist es schon zu spät. Vor ihnen steht ein Tram, hinter ihnen nähert sich ein anderes, und sie, die ortsunkundigen Autofahrer, befinden sich an der Tramhaltestelle plötzlich im Sandwich. Eine unangenehme Situation: Meist warten dort viele Fahrgäste, und die schauen halb belustigt, halb spöttisch ins Auto, um zu sehen, welcher Depp da am Steuer sitzt. Dabei ist es so schnell passiert – die Ortsunkundigen sind voll damit beschäftigt, sich in der Stadt zurechtzufinden, übersehen ein Fahrverbot, und schon fahren sie am Paradeplatz vor. Sollen sie. Aber wenn sie schon das Tramtrassee benutzen, könnten sie auch gleich ein paar Wartende nach Hause fahren. (jho)

5. Bockiges Kästchen

Sie sind fies. Die gelben Kästchen bei Zürcher Fussgängerübergängen. Sie sehen aus wie die gelben Kästchen mit rotem Knopf, auf die Passanten drücken können, damit die Ampel schneller auf Grün schaltet. Kein Wunder drückt der Zürich-Banause auf das Kästchen ein und sucht verzweifelt nach dem Knopf. «Haben ihn Vandalen weggerissen?», denkt er. Nein. Die gelben Kästchen haben keinen Knopf zum Drücken. Sie sind für Blinde, die an der Vibration fühlen können, dass sie die Strasse überqueren können. Übrigens: Diese Falle ist so gut, dass man auch alteingesessene Zürcher immer wieder darauf hereinfallen. (gg)

6. Verzweifeltes Winken

In sogenannten Szene-Bars der Kreise 3, 4 und 5 werden Gäste nicht bedient, sondern müssen alles selber an der Bar holen. Wer aus dem gastroverwöhnten Umland kommt, setzt sich trotzdem an einen Tisch und wartet selbstverständlich auf die Bedienung. Nach mehrminütiger Missachtung verdüstern sich die Mienen der Neugäste. Sie beginnen, mit ihren Armen zu fuchteln, gaffen den Nachbarn auf den Kaffee und vermuten eine persönliche Kränkung. Nun sind mehrere Szenarien möglich. 1. Ein Stammgast erbarmt sich und verweist den Winkenden auf die Vergeblichkeit seines Tuns. 2. Meistens erbarmt sich niemand. Und ein genervter Kellner, der während des Abräumens angestupft wird, befiehlt dem Unwissenden, gefälligst an die Bar zu kommen. 3. Der Kellner hat Mitleid und nimmt die Bestellung auf. Was ihm böse Blicke der Stammgäste einträgt, die keine Privilegien für Fremde dulden. Viele Lokale bevorzugen mittlerweile eine präventive Lösung: Auf den Tischchen weisen Schilder darauf hin, dass nur an der Bar bedient wird. (bat)

7. Die angeketteten Stühle

Man versteht die Verlockung. Ein Sommerabend, der Xenix-Kiesplatz überquillt vor Publikum, fast alle Sitzplätze sind besetzt. Nur da, zwei Tische weiter entfernt, wartet ein freier Stuhl. Natürlich, man will ihn holen. Doch leider bockt der Stuhl, er ist, kaum sichtbar, an den dazugehörigen Tisch gekettet. Dafür grinsen alle rundherum, weil man im Weggehen vom gefesselten Stuhl zurückgerissen wird. Wer mehr als zwei Mal im Xenix war und nicht unter Gedächtnisschwund leidet, kennt die Kettenfalle. Trotzdem trampen jeden Abend mehrere Opfer hinein. Nur selten werden sie gewarnt. Wenn sie die Rundherumsitzenden fragen, ob der Stuhl noch frei ist, nicken diese lächelnd. Obwohl sie wissen, dass der Stuhl eben nur an diesem Tisch frei ist. Aber wer will sich schon einen Running Gag auf Kosten eines Neulings versauen? (bat)

8. Der Schrecken im Rechen

Sich so richtig treiben zu lassen, ist in Zürich nur im Flussbad Unterer Letten möglich. Beim Wasserwerk beginnt die Reise: Die Limmat fliesst hier mit idealer Geschwindigkeit, Fortkommen ist ohne Anstrengung möglich. Abtauchen und sich dabei wie Superman vorkommen. Oder sich an einem der Äste festhalten und als Fels in der Brandung beinahe die Badehosen verlieren – ein himmlisches Vergnügen. Ach, endete es doch nie. Aber es endet. Und das Ende ist für Uneingeweihte ein Ende mit Schrecken. Der Untere Letten mag eine hübsche Holzkonstruktion sein, am Ausgang steht aber ein fieses Eisengitter. In diesem Rechen bleibt hängen, wer den Ausstieg über eine der Treppen verpasst. Geschieht es, weiss der Geübte, dass er mit den Beinen voran, die Füsse dabei abgespreizt und ganz entspannt, am Gitter andocken soll. Den Nicht-Zürcher hauts in die Stäbe. Zuerst holt er sich blaue Flecken, dann presst ihn die Strömung an den Rost. In dieser verrenkten Schockstarre verweilt er einen Augenblick und zieht sich, wenn er sieht, dass die Badmeisterin für seine missliche Lage nur ein müdes Lächeln übrig hat, mit letzter Kraft Zentimeter um Zentimeter aus der Limmat. Als er später den Einheimischen von seinem Nahtoderlebnis berichtet, antworten die ihm bloss: «Muesch Äntefüessli mache, Mann!» (pa)

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch

(jr, jho, gg, bat, pa)

Erstellt: 07.08.2010, 15:56 Uhr

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