Die auferstandene Passerelle vom Bahnhofquai

Beim Beatenplatz weckt eine Baustelleninstallation Erinnerungen an eine Fussgängerpasserelle, die vor 50 Jahren zum Globus-Provisorium führte.

Gestern und heute: Die Fussgängerpasserelle samt Liftturm um 1960 ...

Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

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Quer über das Bahnhofquai beim Coop-Provisorium verläuft derzeit eine auffällige Bauinstallation. Es handelt sich um eine Versorgungsleitung für den Bau der Durchmesserlinie der SBB, über welche die Bauplattform in der Limmat mit Strom, Wasser und Bentonit, einer Stützflüssigkeit für den Tunnelvortrieb, beliefert wird. Die Leitung über die Strasse bleibt laut den SBB voraussichtlich bis Mitte 2012 bestehen. Die – nicht begehbare – Bauinstallation befindet sich am genau gleichen Ort, wo vor rund fünfzig Jahren bereits ein ähnliches Brückenbauwerk stand: eine Fussgängerpasserelle samt Treppen- und Liftturm, die vom Beatenplatz zum damaligen Globus-Warenhaus führte, dem heutigen Coop Bahnhofbrücke. Dabei handelte es sich um ein markantes Bauwerk mit eingenwilliger, futuristisch anmutender Formensprache, wie Fotos aus dem Baugeschichtlichen Archiv der Stadt Zürich zeigen. Schriftliche Aufzeichnungen über die Passerelle sind bei der Stadt dagegen kaum vorhanden, wie es im Hochbaudepartement heisst.

Bekannter Architekt

Immerhin weiss man dort so viel: Gebaut hat die Fussgängerverbindung die Firma Globus 1960 zusammen mit dem Provisorium neben der Bahnhofbrücke, abgerissen wurde sie 1967, als Globus ins heutige Warenhaus am Löwenplatz umzog. Die Passerelle stammt aller Voraussicht nach wie das Provisorium vom renommierten Zürcher Architekten Karl Egender (1897–1969). Dieser entwarf auch das heutige Warenhaus Globus, das Hallenstadion, das Kunstgewerbemuseum und das Albisriederhaus. Egender gilt als bedeutender Vertreter der Moderne.

Geschichtsträchtiges Areal

Bei Globus selber sind laut Mediensprecher Jürg Welti ebenfalls keine Aufzeichnungen mehr über die Passerelle greifbar. Das Bauwerk sei aber ein Zeuge der wechselvollen Geschichte rund um Globus in Zürich. Das 1961 fertiggestellte Laden-Provisorium an der Bahnhofbrücke diente als Ersatz für das erste Globus-Warenhaus, das bis 1950 auf der damaligen Papierwerd-Insel in der Limmat stand; Globus wollte auch dort bleiben und plante einen Neubau, doch verhinderten die Zürcher Stimmberechtigten diese Pläne, als sie 1951 die Motion für eine «Freie Limmat» annahmen. Darauf musste Globus an einen andern Standort ausweichen und erhielt das heutige Grundstück beim Löwenplatz; im Tausch sicherte sich die Stadt das Papierwerd-Areal. Damit dieses während der Errichtung des Neubaus nicht leer stand, durfte Globus dort ein Provisorium beziehen.

Als das Warenhaus im Herbst 1967 das Provisorium verliess, forderte die damalige Jugendbewegung von der Stadt, das leer stehende Gebäude bis spätestens Mitte 1968 für ein autonomes Jugendzentrum zur Verfügung zu stellen. Im Juni 1968 erteilte die Stadt dem Ultimatum eine Absage und verwies auf Mietverträge mit dem Lebensmittelverein Zürich. Darauf kam es zu einer Kundgebung, die schliesslich im «Globuskrawall» mündete, dem Höhepunkt der damaligen Zürcher Jugendunruhen.

Investitionen in den «Schandfleck»

Das Globus-Provisorium steht noch immer, seit vielen Jahren betreibt Coop darin eine grosse und stark frequentierte Filiale. Vor einem Jahr wurde das der Stadt gehörende Gebäude für 6,3 Millionen Franken renoviert, der Mietvertrag mit Coop bis 2015 verlängert. Dies rief prompt Kritiker auf den Plan, welche die Investitionen in den «Schandfleck» an prominenter Lage kritisierten.

Langfristig möchte die Stadt das Papierwerd-Areal anders nutzen, wie sie angekündigt hat. Ein Ende des Provisoriums wird auch aus dem Stadtparlament gefordert. Weil aber bisher die zwingende Idee für diesen Ort ausgeblieben ist, lässt sich der Stadtrat Zeit. Erste Konzepte hat er für Ende 2011 in Aussicht gestellt.

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Erstellt: 01.10.2010, 20:20 Uhr

... und die Versorgungsleitung für die Baustelle der SBB-Durchmesserlinie. (Doris Fanconi)

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