Die aussergewöhnliche Frauenquote der Stadt Zürich

Gestern hat der Zürcher Gemeinderat eine Mindestfrauenquote von 35 Prozent für Kaderpositionen der Verwaltung gefordert. Ist sie überhaupt nötig? Im städtischen Kader ist die Quote bereits viel höher.

Die Frauenquote variiert je nach städtischem Departement zwischen 9 und 71 Prozent.

Die Frauenquote variiert je nach städtischem Departement zwischen 9 und 71 Prozent. Bild: Nigel Treblin/dapd

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit 64 zu 51 Stimmen hat das Stadtparlament gestern Mittwochabend eine Motion von SP und GLP überwiesen mit dem Auftrag an den Stadtrat, in «Kaderpositionen der städtischen Verwaltung» eine Frauenquote von mindestens 35 Prozent anzupeilen. Wie siehts denn heute aus?

Der städtische Geschäftsbericht 2011 liefert erstaunliche Zahlen. Gemäss Aufstellung werden 4057 von 27'324 Angestellten als Führungskader definiert. Das sind 15 Prozent des städtischen Personals. Und davon sind 1765 Frauen, was eine Quote von 43,5 Prozent ergibt. Die Tendenz ist steigend, wie der noch unveröffentlichte Geschäftsbericht 2012 zeigen wird. 2008 waren noch 41,6 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt.

Männerbastion Polizei

Nicht unerwartet gibt es grosse Unterschiede zwischen den verschiedenen Departementen. Die tiefste Frauenquote erreichten 2011 das Polizei- sowie das Tiefbau- und Entsorgungsdepartement mit 9,1 beziehungsweise 9,3 Prozent. Die höchste Quote trifft man im Schul- und Sportdepartement an, in dem sieben von zehn Führungspersonen weiblich sind. Im Gesundheits- und Umweltdepartement sind es sechs von zehn. Am nächsten an die Durchschnittsquote kommt das Sozialdepartement mit knapp 50 Prozent Frauen in Führungspositionen.

Den beiden Motionärinnen Min Li Marti (SP) und Isabel Garcia (GLP) ist klar, dass die 35-Prozent-Quote nicht in allen Abteilungen erreicht werden kann. Bei der Polizei oder im Abfuhrwesen würde es sehr schwierig. Es geht um eine Gesamtschau. Deshalb: Hat nun die Stadt die Forderung der beiden Politikerinnen bereits übererfüllt? Ja und nein. Marti und Garcia erwähnen in Titel und Text ihres Vorstosses nur das Wort «Kaderposition». In diesem Sinn ist die Forderung erfüllt.

Topkader im Visier

In der Begründung wiederum beklagen sie, dass in den Funktionsstufen 16–18 nur 10,3 Prozent Frauen sind (Stand 2009). Das sind die Dienstchefinnen und -chefs. Die Politikerinnen zielen also spezifisch (auch) aufs oberste Kader, wo ihrer Ansicht nach Handlungsbedarf besteht.

Man sieht: Die Weiterverarbeitung der Motion wird einiges an Definitionsarbeit erfordern. Auch weil die städtische Verwaltung sehr heterogen ist. Als Führungskader gelten jene Frauen und Männer, die andere Leute unter sich haben. Das kann eine Gruppe Pflegerinnen, Putzfrauen, Ingenieure oder Buschauffeure sein. Allerdings: «Es gibt in den städtischen Departementen keine einheitliche Definition von Führungskader», erklärt Ursula Hess, Sprecherin von Human Ressources Zürich.

Frauenförderer Vollenwyder

Interessant ist auch die Entwicklung der Frauenquote pro Departement. Nur in drei von neun Departementen stieg die Frauenquote innert vier Jahren um mehr als 1 Prozent. Spitzenreiter ist Martin Vollenwyders (FDP) Finanzdepartement mit plus 7,6 Prozentpunkten auf 26 Prozent. Es folgen Corine Mauchs (SP) Präsidialdepartement mit plus 2,5 auf 38,7 Prozent Frauen und – auf deutlich tieferem Niveau – Andres Türlers (FDP) Industrielle Betriebe mit plus 1,5 auf 11,6 Prozent.

Zwischen 2008 und 2011 nur ganz leicht gestiegen ist die Frauenquote in Gerold Laubers (CVP) Schul- und Sportdepartement, Claudia Nielsens (SP) Gesundheits- und Umweltdepartement, André Odermatts (SP) Hochbaudepartement und Daniel Leupis (Grüne) Polizeidepartement. Gar rückläufig ist die Quote bei Ruth Genners (Grüne) Tiefbau- und Entsorgungsdepartement (minus 1,4 Prozent) und Martin Wasers (SP) Sozialdepartement. Dort sank die Frauenquote um 3,6 Prozentpunkte.

In der allgemeinen Verwaltung stieg die Quote mit plus 7,5 Prozent übrigens mit am stärksten – und erfüllt heuer die Quote exakt: 35 Prozent der Kader sind Frauen.

Erstellt: 04.04.2013, 14:23 Uhr

Artikel zum Thema

Die Stadt Zürich führt eine Frauenquote ein

Wer bei der Stadt Zürich arbeitet, hat künftig wohl öfters eine Chefin. In den Kaderpositionen der Verwaltung sollen Frauen mit mindestens 35 Prozent vertreten sein. Mehr...

Stadtrat gegen Frauenquote

Die Winterthurer Grünliberalen verlangen eine «zeitlich befristete Frauenquote» von 40 Prozent für das obere Kader der Verwaltung. Der Stadtrat findet die Forderung übereilt, sieht aber Handlungsbedarf. Mehr...

«Eine Frauenquote von 50 Prozent ist angebracht»

Interview Unter Micheline Calmy-Rey wurden jeweils gleich viele Frauen wie Männer für den diplomatischen Dienst rekrutiert. Dies ist nun nicht mehr der Fall. Was sagt sie dazu? Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Feueralarm: Ein Lufttanker lässt Flammschutzmittel auf die Brände in den Gospers Mountains in New South Wales fallen. Durch die hohen Temperaturen und starke Winde ist in Australien die Gefahr von Buschfeuer momentan allgegenwärtig. (15. November 2019)
(Bild: Dean Lewins) Mehr...