Die aussergewöhnlichste 1-Zimmer-Wohnung von Zürich

Zentrale Lage, herrliche Aussicht, 40 Quadratmeter Wohnfläche: Traumverhältnisse für Zürich. Warum dort trotzdem niemand lebt im zweiten Teil unserer Serie «Was hinter verschlossenen Türen steckt».

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Hoch über den Dächern von Zürich ertönen die Glocken des St. Peter. Es ist 11 Uhr. Turmwart Beat Lingenhag – seine offizielle Berufsbezeichnung ist Objektmanager Kirche St. Peter – verschafft Tagesanzeiger.ch Eintritt in sein Reich. Kaum ist die erste Türe offen, geht es in einem Anbau des Turms auch schon steil hinauf. Eine Etage weiter oben muss bereits die zweite Türe aufgeschlossen werden. Der Eingang zum eigentlichen Kirchturm.

Dahinter liegt ein grosszügiger, quadratischer Saal, der mehrere Meter hoch ist. Der Duft von Holz und feuchtem Sandstein liegt in der Luft. An den Wänden entlang schraubt sich eine Treppe in schwindelerregende Höhen. Bei jedem Tritt knarrt es unter den Füssen.

«Wenn die Uhr schlägt, sollten wir nicht hier sein»

Im nächsten Zwischengeschoss stehen und liegen die Überbleibsel der letzten Glocken und des mechanischen Uhrwerks, noch eine Etage weiter oben ist das mittlerweile stillgelegte Räderwerk der ehemaligen Turmuhr zu sehen – eine Ansammlung aus Zahnrädern, Schrauben und Metallfedern. Noch bis in die 50er-Jahre sorgte es dafür, dass der Böögg am Sechseläuten pünktlich um 18 Uhr in Brand gesteckt werden konnte.

Über dem Uhrwerk befindet sich die grösste Turmuhr Europas. Aus unmittelbarer Nähe wirken die Zeiger noch gewaltiger. Die Länge des Minutenzeigers von der Achse aus beträgt knapp 4 Meter. Der Zeiger ist 92 Kilogramm schwer. Gleich daneben hängen die fünf Glocken des St. Peter. Alle zusammen wiegen 11 Tonnen. Lingenhag blickt auf seine Armbanduhr. «Es ist besser, wenn wir nicht mehr in diesem Raum sind, wenn die Uhr schlägt.»

Einsame Arbeit

Es geht also zügig weiter in die nächste Etage – zur Feuerwächterstube. Hier befindet sie sich, die wohl aussergewöhnlichste 1-Zimmer-Wohnung der Stadt. Im Turmzimmer auf 42 Metern Höhe lebte der letzte Feuerwächter von Zürich. Seine Aufgabe war es, die Stadt von oben zu beobachten und die Bevölkerung zu warnen, wenn ein Feuer ausbrach oder Gefahr drohte.

«Es war eine einsame Arbeit», sagt Lingenhag. «Der letzte Turmwächter verbrachte seine Zeit damit, Vögel zu züchten und Schuhe zu flicken.» Immerhin war die Kartause unter dem Dach des Turms komfortabel eingerichtet. Ein Ofen wärmte das Schlafzimmer, es gab sogar ein Telefon. Und schliesslich bietet die Feuerwächterstube die wohl schönste Aussicht auf die Stadt. Der letzte hauptberufliche Feuerwächter von St. Peter, Hermann Heinrich Esslinger, räumte seine Stube allerdings bereits 1911. Mit der Einführung des Telefonalarms wurde seine Aufgabe überflüssig.

Turmwart Lingenhag ist stolz auf seine Aufgabe, die er 2009 übernommen hat. Beim Gang durch den Turm prüft er die Balken und das Gemäuer aufmerksam auf Veränderungen. Alles ist in Ordnung – und so soll es auch bleiben. Deshalb wird er die Türen auf dem Weg nach unten auch wieder alle hinter sich schliessen. Der Turm und seine Geschichte sollen auch für die kommenden Generationen in bestem Zustand erhalten bleiben.

Erstellt: 08.08.2011, 11:01 Uhr

Das Schlafzimmer des Turmwächters: Auf 42 Metern Höhe beobachtete er die Stadt. (Bild: Tina Fassbind)

Die Kirche St. Peter

Die Serie

«Was steckt dahinter? Was liegt darunter?» Unter diesem Motto öffnet Tagesanzeiger.ch Türen, die allen anderen verschlossen bleiben, und blickt in Gewölbe, die sonst niemand zu sehen bekommt.

Welche Räume möchten Sie gerne einmal virtuell betreten? Welche Orte besuchen, zu denen Sie keinen Zutritt haben? Melden Sie sich bei uns unter zuerich@newsnetz.ch. Die Redaktion trifft eine Auswahl.

Folgendes gilt es dabei zu beachten:


  • Der gewünschte Ort sollte sich im Kanton Zürich befinden.

  • Die genaue Adresse, die Koordinaten müssen angegeben werden.

  • Wenn möglich, sollte ein Foto von der Tür oder dem Eingang zum verborgenen Ort mitgeschickt werden.

  • Der Absender muss eine Telefonnummer angeben, unter der er oder sie tagsüber erreichbar ist.

Bereits erschienen ist Wie die Rettungsleute auf den Einsatz warten.

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