Die beste aller Städte wird noch besser

Zürich verschickt die Codes für die Steuererklärung, bevor man sie verwenden kann. Dahinter steht ein innovatives Konzept, das unser Leben besser macht.

Morgen verfasst, schon gestern angekommen: Der Brief vom Zürcher Steueramt. Bild: TA

Morgen verfasst, schon gestern angekommen: Der Brief vom Zürcher Steueramt. Bild: TA

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Erfolg geht ganz einfach. Man muss nur innovativ sein. Und um innovativ zu sein, muss man sich immer wieder Fragen stellen wie die folgende: «Welche neuen Kundensegmente würde Robin Hood an meiner Stelle erschliessen?» Das behauptet jedenfalls ein hoher Kadermann von PricewaterhouseCoopers, der die neue Innovationsfibel der Hochschule St. Gallen gelesen hat.

Grübeln Sie jetzt nicht zu lange darüber nach, wie sich barmherzige Waldräuberei in marktwirtschaftlichen Kategorien fassen lässt. Darum geht es nicht. Es geht hier um das, was Leute wie der PwC-Mann gerne «thinking outside the box» nennen. Wir möchten wetten: Irgendjemand bei der Zürcher Stadtverwaltung hat kürzlich genau dasselbe Buch verschlungen – mindestens bis Seite sieben. Bis zum Ratschlag: «Sei paranoid!» So wie Steve Jobs. Jederzeit mental auf den Untergang vorbereitet, den eigenen Erfolg hinterfragend, auch wenn man Spitzenerträge erzielt.

Weil das erfolgsverwöhnte Zürich auch in Zukunft die beste Stadt im Universum bleiben möchte, ist man hier mal so richtig heftig paranoid und innovativ geworden. Das Resultat: ein Brief, der auf den 31. Januar datiert ist, der aber bereits am 29. Januar im Briefkasten lag. Sein Inhalt: ein Code, mit dem man die Steuererklärung online ausfüllen kann, der aber erst in einer Woche aktivierbar sein wird.

Was ist besser als rechtzeitig sein?

Kleingeister werden nun einwenden, dass man diesen Code erst dann hätte verschicken sollen, wenn ihn die Leute auch verwenden können. Aber Sie verstehen sicher: Pünktlich war die Zürcher Verwaltung schon immer, und das Gute ist der Feind des Besseren. Was also ist besser als rechtzeitig sein? Vorzeitig sein! Dieses innovative Konzept der Vorzeitigkeit wird Zürich seine Stellung in den Städterankings auf Jahre hinaus sichern. Das zeigt der folgende Ausblick auf kommende Dienstleistungen, durch die das Leben frappant an Qualität gewinnt.

  • Die Zürcher Trams stehen künftig immer erst drei Minuten an der Haltestelle, bevor sie die Türen öffnen. So gewinnt man die beruhigende Gewissheit: Ja, dieses Tram ist da, ich werde es auf keinen Fall verpassen. Und natürlich schliessen sie ihre Türen auch drei Minuten vor der Abfahrt, damit man sich mit dem Gedanken versöhnen kann: Dieses Tram habe ich nicht erwischt.
  • Die rot-grüne Stadtregierung dankt den Stimmberechtigten schon eine Woche vor der Abstimmung, dass sie den Millionenkredit für die autofreie Alterssiedlung für Veganer demnächst mit überwältigenden 80 Prozent angenommen haben werden. Und die bürgerliche Opposition gesteht ihre Niederlage ein, bevor sie die Parole fasst. Total entspannend.
  • Die Freibäder öffnen die Türen schon einen Monat, bevor das Wasser eingelassen wird. Und die Sanitäter bringen übermütige Jugendliche ins Spital, bevor sie auf den Sprungturm klettern können. So bleibt die Saison unfallfrei – und das Triemli schreibt endlich schwarze Zahlen.

Das städtische Konzept lässt sich natürlich auch aufs Gesellschaftliche übertragen:

  • Am Sechseläuten brät man friedlich eine Wurst, weil der Böögg schon zur Weihnachtszeit in der Werkstatt detoniert ist, unter vorzeitigem Abblasen des Sechseläutenmarschs. So können die Pferde, am 6. Dezember vorsediert, die ganze Adventszeit lang in Ruhe ihr High geniessen.
  • Der FC Zürich vergibt schon 90 Minuten vor dem Klassiker gegen Basel alle seine Torchancen und geht dann duschen. (Schuld bleibt der Schiedsrichter.)

Und zum Schluss noch zwei Anwendungstipps für Individualisten:

  • Stehen Sie an die Kreuzung und rufen Sie laut «Du Vollidiot!» – an die Adresse jenes Velofahrers, der Ihnen dort dereinst die Vorfahrt nehmen wird. Erledigt ist erledigt.
  • Ziehen Sie einen üblen Kater vor auf den Abend, bevor Sie in den Ausgang gehen. So können Sie sich behutsam auf Ihre Dummheit einstellen und müssen mit der Selbstverachtung nicht bis zum Morgen warten. Dafür ist diese Tageszeit zu schön.

Der eine oder andere kommt jetzt sicher wieder mit dem Steueramt und behauptet: «Aber wenn ich den Code für die Steuererklärung eine Woche zu früh bekomme, verliere ich ihn bloss.» Liebe Skeptiker: Der Trick besteht natürlich darin, den Code zu verlieren, bevor man ihn erhält, damit man ihn hat, wenn man ihn braucht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.01.2018, 15:22 Uhr

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