Die doppelte Anne-Sophie

Zürichs grösste Frau steht neuerdings auf dem Areal Hardturmpark. Modell für die über fünf Meter hohe Chromstahlfigur stand die 20-jährige Geigerin Anne-Sophie Bereuter.

Anne-Sophie Bereuter ist die Frau rechts. Die links aber auch. Foto: Sabina Bobst

Anne-Sophie Bereuter ist die Frau rechts. Die links aber auch. Foto: Sabina Bobst

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Sie ist ein Blickfang. Wer sie sieht, bleibt stehen, staunt, denn ihr Auftritt vor dem 25 Hours Hotel an der Pfingstweidstrasse ist zweifelsohne glamourös. Als drei Touristen von ihr ein Foto schiessen, gesellt sich eine junge, blonde Frau hinzu und schmunzelt. «Sie heisst übrigens Anne-Sophie wie ich. Ich war das Modell für die Figur», sagt sie bescheiden. Die Touristen zögern kurz, dann lachen sie los, nehmen die junge Frau in ihre Mitte und fotografieren erneut. «Incredible, thanks a lot», sagen sie und ziehen davon. Anne-Sophie Bereuter bleibt zurück und strahlt. «Das passiert einem ja nicht alle Tage, dass man sein Abbild übergross sieht und auch noch mit ihm auf ein Bild kommt.»

Pure Neugierde und Entdeckungslust verleiteten Geigenstudentin Anne-Sophie Bereuter aus Lörrach und eine Studienkollegin vor zwei Jahren dazu, sich beim Casting der ZHDK für das Kunstprojekt zu melden. Damals suchte der St. Galler Künstler Alex Hanimann ein Vorbild für eine 5,2 Meter hohe Plastik aus Chromstahl, die er speziell für Zürich herstellen wollte. Ziel war eine Anlehnung an die Plastik der Gymnasiastin Vanessa, die im Rahmen der «Art and the City» 2012 auf dem Steinfelsplatz zu sehen war und die heute in Heerbrugg steht.

Hanimann suchte ein Modell, das die Generation der 20-Jährigen und der Studenten in der nahen Kunsthochschule ZHDK widerspiegelt. Die beiden Studentinnen rechneten sich am Casting wenig Chancen aus, hofften allenfalls auf einige gute Fotos für ihre Portfolios als Musikerinnen. Schliesslich überzeugte den Künstler Anne-Sophie Bereuters gesamtes Auftreten. «Sie hat einfach eine super Ausstrahlung», sagt er. Bereuter wird ob dieser Worte ganz verlegen. Muse zu sein, steht ihr fern. «Ich möchte bei allem, was ich tue, nach aussen zeigen, dass es Spass macht.»

Posieren für den 3-D-Scan

Zusammen mit dem Künstler wurden Kleidung, Accessoires – Sichtmappe und Tasche – und Gestik festgelegt. Die Idee, Bereuter allenfalls mit der Geige abzubilden, scheiterten schliesslich an der Umsetzung. Mittels 3-D-Bodyscanner nahm Hanimann in der Kunstgiesserei St. Gallen die Masse seines Modells, vom Kopf, des Ober- und Unterkörpers sowie der Füsse. Da waren Bereuters Posierkünste gefragt. «Ich musste über eine Stunde in der absolut gleichen Position verharren, denn ich wusste, nur eine ­Minibewegung mit einem Finger würde den ganzen Scan zerstören», sagt sie. Mittels der Daten skalierte der Künstler die Figur auf fünf Meter und fräste ein 1:1-Modell aus Styropor. Im Partnerwerk in Shanghai stellten Arbeiter die Figur aus Chromstahlblech her. Dazu teilten sie die Form in 700 Einzelteile auf, die sie einzeln trieben. Die einzelnen Teile verschweissten und polierten sie anschliessend. Hanimann sagt: «Das Werk ist damit auch eine Synthese aus altem und neuem Handwerk.»

Ähnlich auf den zweiten Blick

Bevor Anne-Sophie Bereuter ihr fertiges Abbild am Mittwochabend zum ersten Mal gesehen hat, war ihr schon etwas mulmig zumute. Seit letztem Winter studiert sie nicht mehr an der ZHDK, sondern in Berlin, weil ihre Dozentin dort mehr unterrichtet und um öfter mit ihrem Zwillingsbruder, einem Klavierstudenten, zu konzertieren. Doch dann leuchtete ihr die Plastik in der Abendstimmung so glänzend entgegen, dass sie gar nicht anders konnte, als sich darüber zu freuen. Obwohl, wirkliche Ähnlichkeiten mit sich selbst entdeckt sie auf den ersten Blick nicht. Zu grob sind die Gesichtszüge. «Trotzdem, ich hoffe, dass ich als Modell des schönen Kunstwerks etwas zur positiven Entwicklung dieses Stadtgebietes als kreativer Ort beitragen kann.»

Gestern Abend haben die Hardturm AG und die Halter AG die Skulptur offiziell der Stadt als Geschenk übergeben. Bereuter spielte dazu Geige. «Ich spiele immer Geige, weil mir das so viel Spass macht.» Seit sie mit sieben Jahren ein Konzert einer jungen Geigerin gehört hatte, ist sie vom Instrument fasziniert. Ihre Eltern, ebenfalls Musiker, liessen sie Unterricht besuchen, und Bereuter übte täglich mit viel Freude. Als Teen­ager entschied sie sich, die Musik zum Beruf zu machen. In Berlin will sie den Master machen und danach ab und zu auf der Bühne stehen, vorzugsweise in kleinen Besetzungen. Etwas anderes hätte man von ihr auch nicht erwartet, trägt sie doch den gleichen Vornamen wie die grosse Geigerin Mutter. Bereuter jedoch beteuert: «Purer Zufall.»

Erstellt: 23.10.2014, 21:10 Uhr

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