Die einzige Konstante im Kreis 4 ist der Wandel

Aussersihl hat sich den Charakter des Stadtlabors bewahrt, in dem wild kreiert und improvisiert wird.

Wie an der Enthüllung zu vernehmen war, hätten die Gestalter dem Sozial-Zwingli als besonderes Zeichen gern noch eine Pfarrer-Sieber-Mütze aufgesetzt. Foto: Sabina Bobst

Wie an der Enthüllung zu vernehmen war, hätten die Gestalter dem Sozial-Zwingli als besonderes Zeichen gern noch eine Pfarrer-Sieber-Mütze aufgesetzt. Foto: Sabina Bobst

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In Aussersihl eine Grenzerfahrung zu machen, ist horizont­erweiternd.

Ich tat das einst mit einem Kollegen, an einem milden Herbsttag, für ein Buchprojekt. Ausgestattet mit Velos, Kilometerzähler und Stadtplan, radelten wir die Quartiergrenze entlang. Startort war die Baubaracke bei der Postbrücke, auf der Südseite des Hauptbahnhofs. Von da ging es zur Stauffacherbrücke, weiter zur Manessestrasse, von dort zum Tramdepot Kalkbreite, weiter zum Lochergut, die Badenerstrasse entlang via Albisrieder- und FC-Zürich-Platz, Herdern- und Baslerstrasse zum Schlachthof, bald darauf vorbei am Konzertbunker Komplex 457 bis zur Hohlstrasse 440, dem äussersten Punkt des Kreises 4, und danach ennet der Gleise via Bahnhof Hardbrücke, Geroldstrasse und Langstrassenunterführung zurück zur Baracke.

Wir begegneten umstrittenen architektonischen Legenden wie der Lochergut-Überbauung und den Hardau-Hochhäusern. Passierten notdürftig verhinderte Imageschäden wie das Letzi­grundstadion. Fuhren vorbei an verwelkten Etablissements wie der Pattaya-Bar oder dem Nova-Park-Hotel (heute: Crowne Plaza), die in ihrer Blütezeit für manch brisante Schlagzeile gesorgt hatten. Bestaunten den «Stinkefinger des unbekannten Vegetariers», wie der Hochofen des Schlachthofs in Tierschutzkreisen angeblich genannt wird. Und belächelten die viel diskutierte baumlose Allee, die noch unfertiger schien als dieses Europa, das ihr den Namen gab.

Am Ende wussten wir vier Dinge. 1. Der Kreis 4 ist gar kein Kreis, sondern eine Art Rechteck mit angebautem Kamin. 2. Die zurückgelegte Strecke hatte eine Länge von 9,86 Kilometern. 3. Die damit umfasste Fläche betrug 2,9 Quadratkilometer. 4. Darin lebten damals etwa 27'500 Menschen. Heute, gut acht Jahre später, sind es bereits 29'000 – also nur knapp weniger als in der Stadt Zug, jedoch auf einem Zehntel der Fläche eingepfercht.

Der «Dichtestress» ist aber ein eher kleines Zipperlein, an dem der Patient Aussersihl leidet. Fragt man bei Leuten nach, die seit langer Zeit im «Vieri» wohnen oder arbeiten, wiegen die «Wohlstandskrankheiten» erheblich schwerer. Also Phänomene wie die Gentrifizierung und Trendisierung und Projekte wie die nun fertige (und mit Ginkgos bestückte) Europaallee oder die hart an der Grenze liegende Genossenschaft Kalkbreite.

Weil deswegen Schulhäuser, in denen traditionell viele Kinder und Jugendliche mit nicht deutscher Erstsprache unterrichtet wurden, den Status «Qualität in multikulturellen Schulen» (Quims) verlieren. Weil deswegen zuerst Cabarets verschwanden und bis heute Lädeli sterben. Weil inzwischen die einzige Konstante der ewige, sich immer rascher akzentuierende Wandel sei. Weil deswegen der Chräis Chäib seinen früheren, oft störrischen Dorfcharakter noch mehr zu verlieren droht und endgültig zum «Chräis Hype» mutiert.

«Nein, da haut es mir den Nuggi raus!» Franco Taiana, Präsident des Quartiervereins Aussersihl, über die Partymeile Langstrasse

Besonders arg sei es derzeit an der Partymeile Langstrasse, weiss Franco Taiana, Präsident des Quartiervereins Aussersihl, dessen Tauffeier in der legendären Lugano-Bar stattfand, der also quasi zum Kreis-4-Inventar gehört: «Wild ging es hier schon immer zu und her. Doch anders als heute behandelten jene, die früher von auswärts herkamen, unseren Lebensraum mit einem gewissen Anstand und Respekt.» Auf die Frage, ob es ihm da den Hut lupfe, lacht er und sagt: «Nein, da haut es mir den Nuggi raus!»

Dass Grossmünster-Pfarrer Christoph Sigrist am regnerischen Nachmittag des 4. Oktober zusammen mit Stadtrat Raphael Golta auf dem Kanzlei-Areal dann einen knallroten Sozial-Zwingli enthüllte, hatte sicher seine Richtigkeit – schliesslich strapazieren alle oben genannten Probleme früher oder später die Solidarität und das Zwischenmenschliche.

Will verhüllt bleiben: Der Kreis-4-Zwingli. Video: thw

Sigrist, Schirmherr der Aktion, bei der von August bis November in Kunststoff gegossene Stellvertreter des Reformators den Quartieren und ihren Bewohnern den Unruhepuls fühlen sollen, ging mit Sozialvorsteher Golta einig, dass nur ein Hand-in-Hand von Kirche und Stadt künftige soziale Herausforderungen wird meistern können. Er äusserte aber auch den bemerkenswerten Satz, dass eine Überforderung die Menschen auch stärken könne, «so führt sie immer wieder zu erstaunlicher Kreativität».

Der Gestalter und Grafiker Daniel Soldenhoff, der mit seiner Firma Eyeworks seit über einer Dekade im «fordernden, aber eben auch inspirierenden» Quartier tätig ist, geht gar noch einen Schritt weiter, indem er sagt: «Ich sehe Aussersihl als Stadtlabor für ganz Zürich. Hier wird getestet, versucht, improvisiert – und selektiert. Frei nach Frank Sinatra: ‹If you can make it there, you can make it anywhere›.»

Bruno Kammerer sieht das punktuell anders. Das temperamentvolle Kreis-4-Urgestein, dessen Vater einst Genosse Lenin beherbergte und das zwischen 1970 und 1998 insgesamt 26 Jahre im Zürcher Gemeinderat politisierte und sein «Revier» da bisweilen wie ein Löwe verteidigte, sagt: «Im improvisierten Wandel zeigt sich die Vitalität des Quartiers.» Ohne Leitplanken aber ermögliche gerade dies auch eine noch stärkere Kommerzialisierung aller Lebensbereiche.

Auch darum störe ihn, dass die Stadtbehörden die in langjähriger praktischer Kommunalpolitik erarbeiteten Gestaltungswerkzeuge zur möglichen Beeinflussung der Entwicklung dieses heterogenen Quartiers nicht zur Kenntnis nehmen würden. Ergo lautet Kammerers Fazit: «Das Positive des Kreises 4 liegt in den Widersprüchen seiner Vitalität. Das Negative des Kreises 4 liegt in der Bürokratie der übergeordneten Stadtverwaltung im Umgang mit diesen Widersprüchen.»

Fasst man letztlich alles Erlebte, Gesagte und Gehörte zusammen, kann man eigentlich nur zu einem Schluss kommen: Der Kreis 4 IST eine horizont­erweiternde Grenzerfahrung!

Erstellt: 16.10.2019, 17:54 Uhr

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Sozialführung Kreis 4

Am Donnerstag, 24. Oktober, findet ab 17.30 Uhr eine Sozialführung durch Aussersihl statt. Besammlungsort ist die Zwingli-Statue auf dem Kanzlei-Areal (17.30 Uhr). Zum Programm gehören unter anderem der Besuch des Sozialzentrums Helvetiaplatz, eine Visite bei Netz4 sowie ein Aufenthalt bei der Streetchurch an der Badenerstrasse. Wichtig: Anmeldung bis 20. Oktober auf www.stadt-­zuerich.ch/sozialfuehrung. (thw)

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