Analyse

Die heimliche Siegerin heisst SVP

Der Fall Mörgeli hat eklatante Führungsschwächen an der Universität Zürich offengelegt. Sie haben es den Kritikern der Uni aus der Politik ermöglicht, die Hochschule in Misskredit zu bringen.

Die Strategie der SVP ist aufgegangen: Putzequipe in den Räumen der Universität Zürich.

Die Strategie der SVP ist aufgegangen: Putzequipe in den Räumen der Universität Zürich. Bild: Sophie Stieger

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Mit dem Rücktritt von Rektor Andreas Fischer hat der Streit an der Uni Zürich eine Eskalationsstufe erreicht, die Wissenschaftler aus der halben Welt in Alarmstimmung versetzt und die grösste Hochschule der Schweiz in ihren Grundfesten erzittern lässt.

Begonnen hat alles vor einem Jahr mit einem Arbeitskonflikt am Medizinhistorischen Institut – es war eine unerfreuliche Geschichte, aber eine, wie sie in grossen Betrieben immer wieder vorkommen kann: Ein Mitarbeiter mit ungenügendem Leistungsausweis verhält sich ungebührlich, verliert seine Stelle und wehrt sich gegen seine Entlassung.

Wie konnte es aber passieren, dass dieser Brandherd aus einer Ecke der Hochschule zu einem solchen Flächenbrand geworden ist? Zugegeben, dieser Fall war besonders heikel, da die Hauptfigur einer der bekanntesten und streitbarsten Politiker des Landes ist. Doch eine Entschuldigung ist dies nicht. Die Universität Zürich steht als Vorzeige-Hochschule der Schweiz mehr im Fokus als andere. Das Krisenmanagement müsste hier speziell professionell sein. Das Gegenteil ist aber der Fall. Die Universität hat im Fall Christoph Mörgeli versagt. Zuvorderst Andreas Fischer und sein Rektorat, aber auch Regierungsrätin Regine Aeppli (SP) als Fischers Vorgesetzte und Präsidentin des Unirates.

Gefährliche Entwicklung

Fast durchwegs musste die Universität aus der Defensive heraus agieren. Das Timing der Kommunikation stimmte nie. Am Anfang blieben Fischer und Aeppli so lange auf Tauchstation, bis Mörgeli seine Vorwürfe längst platziert hatte. Dann trat Aeppli überhastet im Fernsehen auf und stiftete neue Unruhe mit einer verwirrenden Aussage über die mögliche Entlassung von Mörgeli. Das Problem der ungenügenden Kommunikation zeigte sich zuletzt: Die Gründe für seinen Rücktritt liess Andreas Fischer andere verlesen.

Der Fall Mörgeli zeigt: Ein guter Unirektor muss heute auch Aussenminister sein und dazu eine intern anerkannte Persönlichkeit, die mit Bedacht handelt und Entscheide später verantworten kann. Nicht wie zuletzt, als die Uni wie aus dem Nichts die stellvertretende Chefin des Medizinhistorischen Instituts, Iris Ritzmann, entliess. Zu keiner Zeit konnte der konfliktscheue Fischer diesen Entscheid schlüssig begründen, und er musste ihn nur wenige Tage später teilweise zurücknehmen. Das machte nicht nur Fischer untragbar, es wirft auch ein schlechtes Licht auf die Rechtsabteilung der Universität. Wie konnte sie übersehen, dass Lohnentzug und sogar Lohnrückforderungen arbeitsrechtlich kaum durchsetzbar sind?

Eine gefährliche Eskalationsstufe hat der Fall Mörgeli aber vor allem erreicht, weil sich in der Unileitung ein generelles Misstrauen gegen die eigenen Forscher aufgebaut hat. Wissenschaftler, die Kontakt mit Journalisten haben, sind an der Uni Zürich verdächtig und müssen mit verdeckten Kontrollen rechnen. Das ist tödlich für eine Hochschule. Wenn eine Universität die Leitungen ihrer Mitarbeiter zu den Medien kappt, schadet sie sich selber am meisten. Der Rückzug in den Elfenbeinturm bedeutet am Ende Bedeutungsverlust. Und das schadet dem Kanton und dem ganzen Land. Das Wissen von Forschern ist nicht Eigentum der Universität. Hochschulen sind die Denkfabriken des Volkes.

Versteckte Freude

Gestern sagte Christoph Mörgeli, in der ganzen Geschichte gebe es nur Verlierer. Stimmt – auf den ersten Blick. Mörgeli, Ritzmann und Fischer haben ihre Jobs verloren, und Mörgelis Ex-Chef, Flurin Condrau, hat die Institutsleitung abgegeben. Die Uni muss Hunderttausende von Franken für Untersuchungen und Lohnausfälle zahlen. Dennoch gibt es eine Siegerin: die SVP. Sie hat Mörgelis Entlassung geschickt genutzt, um die Uni zu diskreditieren. Sie polemisierte, forderte Strafen, Kontrollen und Rücktritte, und als Fischer tatsächlich aufgab, hatte die Zürcher Alma Mater für die SVP «ihren Tiefpunkt erreicht». Aus diesem letzten Communiqué ist die heimliche Freude über das Erdbeben an der «linken Uni» zu spüren. Die Strategie der SVP ist aufgegangen. Sie hat mit ihren Ablenkungsmanövern vergessen lassen, was eigentlich die Ursache der Aufregung ist: Das berufliche Scheitern von SVP-Stratege Christoph Mörgeli. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.11.2013, 07:36 Uhr

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