Die junge Altersforscherin

Heike Bischoff-Ferrari will Zürich zu einem europäischen Zentrum der Altersforschung machen. Sie setzt dabei auf Vitamin D und seine Auswirkungen auf den menschlichen Organismus.

«Auch ich nehme täglich Vitamin D»: Heike Bischoff-Ferrari in der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich.

«Auch ich nehme täglich Vitamin D»: Heike Bischoff-Ferrari in der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich. Bild: Reto Oeschger

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Heike Bischoff-Ferrari musste ihren Lebensentwurf mehrmals ändern: Sie wollte in Ulm Hausärztin werden und ist nun in Zürich hoch spezialisierte Professorin für Geriatrie und Altersforschung. Am liebsten hätte sie neben der Arbeit in Australien surfen gelernt, stattdessen entschied sie sich für klinische Forschung an der Harvard-School of Public Health in Boston.

Nun ist Heike Bischoff-Ferrari weit oben auf der Karriereleiter angekommen. Der Spitalrat hat sie kürzlich zur Klinikdirektorin Geriatrie des Unispitals ernannt. Vor wenigen Tagen erhielt sie ferner den ersten Lehrstuhl für Altersforschung an der Universität Zürich zugesprochen. Zudem ist sie Leiterin des Zentrums Alter und Mobilität der Universität Zürich und des Stadtspitals Waid. Dabei ist die verheiratete Frau gerade mal 45 Jahre alt und Mutter eines achtjährigen Sohns: «In der Geriatrie ist es noch möglich, die Medizin zu beeinflussen», sagt sie. «Wir wissen viel darüber, wie Medikamente im mittleren Alter funktionieren. Wie es im Alter aussieht, ist noch grösstenteils unerforscht.» In diese Lücke ist Heike Bischoff-Ferrari gesprungen.

«Eine banale Erkenntnis»

Besonders der Rolle von Vitamin D widmet sie ihre Aufmerksamkeit. Schon früh, genauer 1994 in ihrer Assistenzzeit in Basel, ist sie auf den wundersamen Wirkstoff gestossen. Eigentlich ist Vitamin D gar kein Vitamin, sondern eher ein Hormon. Der junge Körper produziert es automatisch, wenn er der Sonne ausgesetzt wird. Bei älteren Menschen funktioniert das nicht mehr so gut.

Das hat fatale Konsequenzen, denn gerade der ältere Körper ist auf Vitamin D angewiesen. Wer die richtige Dosierung einnimmt, verhindert jeden dritten Sturz und jeden dritten Hüftbruch, weil es Muskeln und Knochen stärkt und die Lebensqualität von älteren Menschen verlängert. Gleichzeitig hilft Vitamin D, Gesundheitskosten zu sparen. «Es ist eine banale Erkenntnis», sagt Bischoff-Ferrari, «aber in ihrer Wirkung fast unschlagbar. Sie kostet kaum etwas, trägt aber wesentlich zu einer Verbesserung der Volksgesundheit bei.»

2005 nach Zürich gekommen

Gesunde alte Menschen sind auch für die Gesellschaft von wachsender Bedeutung. 2030 wird in Europa einer von drei Menschen über 65 Jahre alt sein. Das hoch spezialisierte Wissen von Heike Bischoff-Ferrari ist daher sehr begehrt. Wie ist sie dazu gekommen? «Glück hat eine grosse Rolle gespielt», bekennt die Professorin ohne Umschweife. «Ich habe Glück gehabt, dass meine Förderer mir Vertrauen entgegenbrachten, mich unterstützten, dass ich nach Harvard als Fellow eingeladen wurde. Und ich habe Glück gehabt, dass ich dort für meine Forschungsarbeiten auf dem Gebiet von Vitamin D ein Stipendium und eine Auszeichnung erhalten habe.»

Wer in Harvard ausgezeichnet wird, ist in der ganzen Welt begehrt. 2005 kam Heike Bischoff-Ferrari nach Zürich und begann als Assistenzärztin in der Rheumaklinik des Universitätsspitals (USZ). Daneben widmete sie sich weiterhin intensiv ihrer Vitamin-D-Forschung. Dabei erwies sie sich nicht nur als ausgezeichnete Wissenschaftlerin, sondern auch als effiziente Beschafferin von bisher 24 Millionen Franken Forschungsgeldern.

In mehreren klinischen Studien haben sie und ihr Team vom Zentrum Alter und Mobilität der Universität Zürich nachgewiesen: Nur wenn Vitamin D tatsächlich in ausreichender Menge eingenommen wird, entfaltet es eine schützende Wirkung. Diese Erkenntnisse waren so überzeugend, dass sie im «New England Journal of Medicine» publiziert wurden, der weltweit renommiertesten medizinischen Fachzeitschrift überhaupt.

Zürich - Zentrum für Altersforschung

Das Herzstück von Bischoff-Ferraris Forschung ist jedoch das sechsjährige Projekt «Do Health». Es handelt sich dabei um die umfangreichste Studie zum Thema «Gesund älter werden», die in Europa je durchgeführt wurde. Neben der Universität Zürich und einem Netzwerk von Forschern am USZ sind sechs verschiedene europäische Universitäten sowie 2100 über 70-jährige Senioren daran beteiligt. Das Projekt wird von der EU mit 6 Millionen, von andern Partnern mit 8 Millionen Euro unterstützt.

«Es geht darum abzuklären, ob und wie Vitamin D, Omega-3 sowie ein Bewegungsprogramm die biologische Alterung verschiedener Organe wie Herz, Gehirn, Magen-Darm, Knochen, Muskeln und Immunsystem verzögern und damit die gesunde Lebenserwartung verlängern», erklärt Heike Bischoff-Ferrari. «Dieses Projekt wird die Schweiz und insbesondere Zürich europaweit zum Zentrum der Altersforschung machen.» Wie hält sie es selbst mit dem Wundermittel? «Auch ich nehme täglich Vitamin D und versuche mich täglich zu bewegen.»

Grosseltern weckten Interesse

Ist es überhaupt erstrebenswert, das Alter zu verlängern? «Unser Körper ist nicht für die Ewigkeit gemacht», sagt Bischoff-Ferrari. Wie ein Auto zeige er Verschleisserscheinungen, auch bei sanfter Fahrweise. Die moderne Altersforschung habe aber zum Ziel, die gesunde Lebenserwartung zu verlängern. Die Schweiz weist neben Schweden mit 74 Jahren weltweit die längste mittlere Gesundheitserwartung auf, die USA befinden sich mit 69 Jahren recht weit unten auf der Liste.

«Könnte man die gesunde Lebenserwartung um 7 Jahre verlängern, würde man damit alle chronischen Erkrankungen um die Hälfte reduzieren», erklärt Bischoff-Ferrari. Als Klinikdirektorin für Geriatrie verfügt sie am USZ über keine eigene Bettenstation. Macht das überhaupt Sinn? «Bisher existierte am USZ keine Geriatrieabteilung. Deshalb müssen wir neue Strukturen entwickeln.»

Warum hat sich Bischoff-Ferrari so früh für das Alter interessiert? «Ich habe vier wunderbare Grosseltern gehabt», sagt sie. Einer der Grossväter habe für jedes Problem eine praktische Lösung gefunden. «Als ich wieder einmal nach einem Kinderfest weinend nach Hause kam, weil ich nicht wie die anderen einen Kletterbaum hoch kam, wo zuoberst die Geschenke lagen, holte er aus dem Keller etwas Harz», erzählt sie. «Dann hat er mir ein paar Tropfen auf die Fusssohlen gestrichen – und bald war auch ich zuoberst auf dem Baum.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.04.2013, 10:44 Uhr

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