Die kleine Frau mit dem grossen Geburtstag

Alice Schaufelberger kam vor 107 Jahren zur Welt. Dass ihr Geburtstag überhaupt gewürdigt wird, verdankt sie einem Mitbewohner.

Ihr Alter glaubt Alice Schaufelberger der vielen Arbeit zu verdanken. Foto: Sabina Bobst

Ihr Alter glaubt Alice Schaufelberger der vielen Arbeit zu verdanken. Foto: Sabina Bobst

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Auf den ersten Blick wirkt Alice Schaufelberger wie eine rüstige Rentnerin Mitte 80. Doch die zierliche Frau lebt seit über einem Jahrhundert. Am Sonntag feiert sie im Alters- und Pflegeheim Grünhalde in Seebach ihren 107. Geburtstag. In der Stadt Zürich ist nur Olga Zehnder noch älter; sie wurde im Herbst 107 Jahre alt. Doch wegen ihres Alters ein grosses Fest zu feiern, wäre nicht Schaufelbergers Art.

Nachkommen hat sie keine, dafür gute Bekannte wie Kommunikationsmann Werner Egli (90) im Rollstuhl. «Ich habe mir zum Ziel gesetzt, die älteste Seebacherin und zweitälteste Zürcherin zu würdigen», sagt er in der Cafeteria des Altersheims und zeigt den Lebenslauf, den er über seine Mitbewohnerin verfasst hat. Alice Schaufelberger sitzt ihm gegenüber. «Das haben Sie doch verdient, oder Frau Schaufelberger?» Sie zögert kurz. «Ich, die zweitälteste Zürcherin? Ich glaube es ja selbst kaum, dass ich schon so alt bin.»

Das Trauma mit der Grösse

Im aargauischen Bauerndorf Reitnau nahm Alice Schaufelbergers Leben seinen Anfang. Damals hiess sie noch ­Hunziker. Sie war das jüngste von drei Kindern. Schaufelberger, einfach aber gepflegt gekleidet und akkurat frisiert, erzählt, als hätte sie das schon zigmal ­getan. Die Pferdepostkutsche, die nach Schöftland und Aarau fuhr, war zu der Zeit die einzige Verbindung in die grosse, weite Welt.

Alice Schaufelberger war schon damals zierlich und scheu. «Ich war immer die Kleinste. Das war das Schlimmste in meiner Kindheit.» Nach der Lehre wurde sie Verkäuferin im Reformhaus Müller in Zürich. Derweil wohnte sie bei der Schwester in Uster. Die ersten Monate in der Stadt waren für das Mädchen vom Land schlimm. Ob die ersten Autos das Problem gewesen seien, will Egli wissen. «Nein, die ungewohnt vielen Leute haben mir zu schaffen gemacht.»

Dann eroberte Jakob Schaufelberger, ebenfalls im Reformhaus tätig, ihr Herz, und alles wurde besser. Während ihres Welschlandjahres in La Chaux-de-Fonds schrieben die beiden sich unzählige ­Liebesbriefe, besucht haben sie sich nie. Erst kurz vor dem Zweiten Weltkrieg ­gaben sie sich in Zürich das Jawort. An das Fest kann sie sich jedoch nicht mehr erinnern. «Irgendwie ist es manchmal so leer im Kopf.»

Drei Tage in Lugano

Bis auf ein wenig Schwindel und Schwerhörigkeit ist Schaufelberger noch bei bester Gesundheit, selbst ein Gebiss hat sie nicht. Sie lebte bis vor kurzem im Nebenhaus des Heims. Doch dann musste sie den Rücken operieren, zog ins Haupthaus und bekam einen Rollator. Sie kleidet sich jedoch noch immer selbstständig an und geht täglich draussen spazieren, nur bis ins Zentrum von Oerlikon wagt sie sich nicht mehr. Sie liest Zeitungen, die Bibel, hört Musik oder schaut fern, doch sie ermüdet schneller als ­früher. «Das ist das Alter, Frau Schaufelberger», sagt Egli, «das spüre ich auch. Trotzdem ist es unglaublich, dass sie 17 Jahre älter sind als ich.»

Alice Schaufelberger ist überzeugt, dass die harte Arbeit sie so alt hat werden lassen. Sie arbeitete auch nach dem Welschlandjahr, zurück in Zürich, in ­diversen Haushalten. Kinder hatte das Paar keine, der Mann, der wegen eines Lungenleidens nicht in den Krieg eingezogen wurde, verstarb vor 40 Jahren. Zudem hat Alice Schaufelberger immer gesund gelebt. Alkohol liess sie sich nur zum Anstossen einschenken. Und sie hat sich viel draussen bewegt. «Wir hatten kaum Geld, deshalb ging ich einfach im Wald spazieren.»

Die Welt hat sie durch die Lektüre von Reiseberichten entdeckt. Einmal verbrachte sie drei Tage mit ihrem Mann in Lugano. Der schönste Ausflug war jedoch jener nach La Chaux-de-Fonds, als sie ihrem Mann die ehemalige Arbeitsstätte zeigen konnte. «Und da haben wir sogar den Sohn der Familie, der während meiner Zeit noch ein kleiner Junge war, wieder getroffen.»

Braten und Pommes

Sie sei glücklich mit ihrem Leben, Wünsche habe sie keine mehr. Dann kramt Egli in seinen Notizen. «Vielleicht Ihr Lieblingsessen, Braten und Pommes frites?» Schaufelberger strahlt und sagt: «Ja, das wäre schön. Aber jetzt ist mein Kopf ganz leer, ich weiss nichts mehr.» Sie steht auf und stapft zackigen Schrittes davon, grüsst die Pflegerinnen und schenkt ihren Mitbewohnerinnen ein Lachen. Und einer Dame ruft sie zu: «Grüss dich und gib auf dich Acht.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.01.2015, 22:03 Uhr

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