Ein Basler berichtet vom Sechseläuten

Sorry, Zürich: Der Böögg brauchte ewig, bis er explodierte. Das muss die Schuld des Gastkantons sein.

Die Böögg-Verbrennung im Schnelldurchlauf. Video: Lea Blum

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Du meine Güte! Warum sagt einem das niemand? Warum tönt es am TV so viel leiser? Und, unter uns, warum ist das überhaupt nötig? Es läuft die Minute 16 der Bööggverbrennung mitten auf dem grössten Platz dieser schönen und wichtigen Stadt, es ist mein erstes Mal vor Ort, und ich hoffe inständig, dass niemand gesehen hat, wie ich vor Schreck zusammengezuckt bin wie ein in flagranti erwischter Ladendieb. Das ist so laut!

Wenn der FC Zürich ins Joggeli kommt, tönt es ähnlich. Die nehmen für ihre Ausflüge nach Basel immer die extragrossen Böller mit, die mit dem dumpfen Knall, die einem das Gefühl geben, selbst ein für die Ewigkeit gebautes Stadion wie der St.-Jakob-Park würde kläglich in sich zusammenfallen, wenn die Zürcher auch nur noch einen dieser Knaller zünden.

Als es in Minute 17 und 19 noch einmal so kracht, wird mir klar: FCZ-Ultras und Böögg-Bauer müssen die gleichen Quellen haben.

So viel Basel aufs Mal

Dabei hatte der Tag so lieblich und knallerfrei begonnen, auf dem Lindenhof hoch über Zürich, wo es aussah wie an einem milden Fasnachtsdienstagnachmittag in Basel. Die Larven auf der Trommel zur Pause deponiert, das Piccolo in der Brusttasche (bevor es zum Quell grösserer Irritationen des Zürcher Publikums wird), in der Hand einen halben Liter Bier, Tenü «Goschdym».

Promis erklären den Untschied zwischen Baslern und Zürchern. Videos: TA

Seit Freitag bespielt Basel-Stadt, der Gastkanton am diesjährigen Sechseläuten, den Lindenhof und zeigt sich dort als Stadt, die ... nun gut. Selbst wenn man jeden Tag frohen Herzens von Zürich wieder heim nach Basel pendelt, und, wie ich, die Stadt am Rhein sehr mag, manchmal sogar mehr als das, ist der Auftritt auf dem Lindenhof fast etwas viel Basel aufs Mal. Fasnacht, FCB, Herzog & de Meuron, Muba, Unser Bier und Basel Tattoo. Federer (ein Baselbieter übrigens), Weihnachtsmarkt, Herbstmesse, der Rhein. Basel aus dem Tourismusprospekt. «Basler Hochkultur und Alltagskunst» war das Sujet der Basler für den Besuch am Sechseläuten, und das lieferten sie. Am Freitagabend brachten sie eine weisse Fasnachtslaterne nach Zürich, am Montagabend war die Laterne bemalt und wurde den Zürchern als Gastgeschenk übergeben.

Es ist eben so eine Sache für die Basler

Scheint gut angekommen zu sein. Alles das. «Offenbar wurde unser Engagement geschätzt», sagt Regierungspräsidentin Elisabeth Ackermann kurz bevor sie den Böögg anzünden darf. Fröhlich wirkt die Basler Regierungspräsidentin, fast schon überschwänglich. Es ist eben so eine Sache für die Basler mit Zürich. Man wird gerne wahrgenommen von der wichtigsten Stadt der Schweiz, man fühlt sich manchmal etwas missverstanden und eingeschüchtert und kann nicht begreifen, warum es so viele Basler Witze über Zürich gibt, aber kaum umgekehrt.

Dabei, und das ist eine Erkenntnis aus diesem Besuch, scheinen die Unterschiede zwischen dem Basler und dem Zürcher, dem Fasnächtler und dem Zünfter zumindest, gar nicht so gross zu sein. Der eine trägt Larve, der andere kunstvolle Perücken (wahlweise wie Louis XIV oder der Mörder aus «No Country for Old Men»), beide trinken gerne in der Öffentlichkeit (Weisswein, Rotwein, Bier), beide (so meine Erfahrung) betonen ihren Dialekt bei der Ausübung ihres traditionellen Hobbys in einer Art und Weise, dass es die Grenze zur Selbstkarikatur ritzt – Hösch! Und beide marschieren gerne verkleidet zu flotter Musik durch die Stadt.

Das war übrigens die grösste Sorge der Basler Delegation (und der einladenden Zünfter): dass die Gäste an der Spitze des Umzugs zu langsam sein könnten. 105 Schritte pro Minute sind in Zürich gefragt, am Cortège an der Fasnacht kommt man mit gemächlichen 85 Schritten aus. Wahnsinn! Ging dann aber zum Glück fast alles gut (was sind schon zwanzig Minuten Verspätung?), flott marschierten die Fasnächtler voraus, flott kamen die restlichen Teilnehmer der 470-köpfigen Delegation hinterher.

Die richtigen Zünfter

Es folgten die Zünfter, die richtigen, aus Zürich. Und anders als an der Fasnacht, wo sich die Prominenten bequem und gerne unter ihrer Larve verstecken können, scheint es hier wichtig zu sein, dass man Prominenz als solche erkennt. Neben vielen anderen war Bernard Thurnheer da, Beni Huggel (einer von uns!), DJ Antoine, Walter Frey, Christoph Mörgeli, Roger Köppel. Letzterer war wieder als Araber verkleidet, das machen die bei der Zunft zum Kämbel so. Dabei malen sie sich das Gesicht orange an, was einen leicht trumpesken Look ergibt. In der Kombination mit dem Yassir-Arafat-Schal: noch speziell.

Aber wir wollen nicht abschweifen. Es war ein fröhlicher Tag, fröhlicher als die Fasnacht beispielsweise, und obwohl alles etwas länger ging (20 Minuten und 31 Sekunden brannte der Böögg), hat man die Basler in Zürich als Basler wahrgenommen (wie gesagt: wichtig) – und sogar geschätzt. Gerne wieder. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2018, 23:02 Uhr

Artikel zum Thema

Sechseläuten: Nach 20 Minuten 31 Sekunden hat es geknallt

Video Das verspricht keinen guten Sommer. Das Zürcher Sechseläuten im Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Ticker. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Dürre: Ein Teich in der Nähe der texanischen Ortschaft Commerce ist vollständig ausgetrocknet. Für die nächsten zehn Tage werden in der Region Temperaturen von mehr als 37.7 Grad erwartet. (16.Juli 2018)
(Bild: Larry W.Smith/EPA) Mehr...