Kommentar

Die neue Offenheit

Die Kritik von Richard Wolff an seinen Polizisten ärgert das Korps und erschreckt die Bürgerlichen. Aber sie hat einen wichtigen Effekt.

Will die Stadtpolizei «noch besser machen»: Der Zürcher Polizeivorsteher Richard Wolff.

Will die Stadtpolizei «noch besser machen»: Der Zürcher Polizeivorsteher Richard Wolff. Bild: Ennio Leanza/Keystone

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Die Bürgerlichen in Zürich sehen ihren Angsttraum erfüllt: ein ultralinker Polizeivorsteher, der Kriminelle vor der Staatsgewalt in Schutz nimmt. Und damit das Polizeikorps erzürnt.

An einer Podiumsdiskussion haben sich Jugendliche aus den Kreisen 3 und 4 bei Richard Wolff (AL) beklagt, dass sie sich durch ständige Polizeikontrollen schikaniert fühlten. Wolff antwortete: «Sie haben recht, wenn Sie mit Respekt behandelt werden möchten.» Leider gebe es polizeiliche Diskriminierung. Die Jugendlichen sollten sich dagegen wehren. Gestern stellte sich heraus, dass drei der jungen Männer, die der TA im Rahmen des Anlasses fotografiert hatte, einen anderen Jugendlichen verprügelt hatten. Daraus lässt sich ein süffiger Wahlkampf-Vorwurf basteln: Wolff zeigt mehr Verständnis für kriminelle Jugendliche als für die eigenen Polizisten.

Das klingt gut und zielt weit daneben. Die drei Beschuldigten haben sich an der Podiumsdiskussion nicht geäussert. Im Publikum sassen rund 50 junge Menschen. Die Mehrheit von ihnen hat noch nie eine Straftat begangen. Und ärgert sich trotzdem über Polizeikontrollen. Man kann diesen Frust nicht als eigennützige Klage einiger Kleinkrimineller abtun.

Zur DNA der Zürcher AL gehört der Kampf gegen «polizeiliche Repression». Nach Wolffs Ernennung kursierte der Spruch: Ein Alternativer als Polizeichef mache so viel Sinn wie Christoph Blocher als EU-Generalsekretär. Wenn Richard Wolff die Sorgen der Jugendlichen als Erfindungen abgekanzelt hätte, hätte er seinen politischen Hintergrund verleugnet. Sich als Politiker unglaubwürdig gemacht. Und seine Wähler enttäuscht.

Polizisten arbeiten in einem heiklen Bereich. Dass dabei Fehler geschehen, lässt sich in jedem Jahresbericht der städtischen Ombudsfrau nachlesen.

Richard Wolff will die Stadtpolizei «noch besser machen». Dafür bricht er mit der Tradition der Zürcher Polizeivorsteher, sich bei Vorwürfen vor die Truppe zu stellen. Und so lange zu mauern, bis sich Fehler nicht mehr bestreiten lassen. Diese neue Kritikkultur mag einige Beamte kränken. Letztlich erleichtert Wolffs Offenheit die Arbeit der Stadtpolizisten, weil sich die Bevölkerung von deren Chef ernst genommen fühlt.

Erstellt: 05.12.2013, 10:09 Uhr

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Beat Metzler, Zürich-Redaktor.

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