Die singende Lok vom Hauptbahnhof

Der Railjet nach Wien spielt bei der Abfahrt im Zürcher Hauptbahnhof jeweils eine Tonleiter. Die Musik ist technisch bedingt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

12.40 Uhr beim Ausgang Sihlpost am HB vor der Europaallee. Beim ersten Hinhören wirkt es, als finde auf einem der nahen Perrons ein klassisches Konzert statt. Etwa fünfzehn Sekunden lang ist eine deutlich vernehmbare, sauber gespielte und rhythmisch korrekte Tonfolge zu vernehmen. Doch bald stellt sich heraus: Da spielt gar kein Orchester, für die Musik sorgt ein Zug auf Gleis 9. Genauer: die rote Lokomotive des Railjet der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB), der um 12.40 Uhr den Zürcher HB in Richtung Wien verlässt.

«Beim Anfahren der Lokomotive aus dem Stillstand hört man ein Geräusch, das an das Durchspielen einer Tonleiter auf einem Tenorsaxophon erinnert», bestätigt ÖBB-Sprecher René Zumtobel. Es handelt sich um eine akustische Besonderheit der Siemens-Elektrolok des Typs Taurus, lateinisch für Stier, den die ÖBB auf der Linie Zürich–Salzburg–Wien einsetzen.

Die Stromrichter sinds

Das kuriose Hörerlebnis bietet sich am HB mehrmals pro Tag, insgesamt fahren täglich fünf Railjets von Zürich in die österreichische Hauptstadt. Allerdings hängt es vom jeweiligen Loktyp ab, ob die Tonleiter zu hören ist. Nur die Taurus-­Modelle erzeugen das Geräusch. Laut Zumtobel ist also nicht garantiert, dass man bei jeder Abfahrt in den Genuss der Lok-Musik kommt. «Dafür verlangen wir ja auch keinen Eintritt», meint er trocken.

Für das Tonleiter-Geräusch beim Anfahren sind technische Gründe verantwortlich. Die Töne entstehen durch die Steuerung der sogenannten Stromrichter, erklärt Zumtobel. Diese sorgen dafür, dass der Strom, der von der Oberleitung in die Lok kommt, so um­gewandelt wird, dass er für die Dreh­strom­motoren der Taurus-Lok geeignet ist. «Das hörbare Geräusch ist dabei die doppelte Taktfrequenz der Puls­wechsel­richter, die stufenweise angehoben wird. Die Frequenz ändert sich dabei in Ganz- und Halbtonschritten über zwei Oktaven.»

Technisch wäre es auch möglich, andere Melodien abzuspielen, so Zumtobel weiter. Aber man habe die Frequenzen mit Absicht auf eine Tonleiter abgestimmt, weil diese für das menschliche Ohr angenehm klingt. «Lieber eine Tonleiter als ein lautstarker Marsch.»

«Wann spielt ihr wieder?»

Die Reaktionen auf das Anfahrgeräusch sind vorab positiv, versichert der ÖBB-Sprecher. «Einige Leute erkundigen sich bei uns: ‹Wann spielt ihr denn wieder?›» Auch bei den SBB sind bisher keine negativen Reaktionen bekannt, wie Sprecherin Lea Meyer sagt. Der Railjet sei der einzige Zug in Zürich, der so tönt. Zwar geben auch S-Bahn-Züge beim Anfahren jeweils ein summendes Geräusch von sich, allerdings deutlich leiser und ohne Melodie.

Die Konzert-Lok vom Zürcher Hauptbahnhof hat es inzwischen auch auf Youtube geschafft. Dort kursieren mehrere Videos von der Abfahrt des Railjet aus dem HB. Fans reagieren teils euphorisch, teils mit flapsigen Sprüchen: «Tolle Lok mit Musik», heisst es etwa, «Daumen hoch!». Oder aber: «Da müsste mal der Klavierstimmer her.» Und: «Schon recht gut, nur am hohen C sollte der Ösi noch etwas üben.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2015, 19:25 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Zyklon Idai: Ein Mädchen beobachtet sichtlich geschockt, wie Menschen aus der Stadt Buzi in Mosambik nach ihrer Rettung am Hafen in Beira an Land gehen. (22. März 2019)
(Bild: Andrew Renneisen/Getty Images) Mehr...