Die stille Vorsitzende

Corine Mauch (SP) hat Freude gefunden an ihrer Rolle als Stadtpräsidentin. Den fehlenden Glamour macht sie mit Dossierkenntnis wett.

«Wir müssen in die Zukunft unserer Stadt investieren»: Corine Mauch beantwortet drei Fragen.
Video: Jan Derrer

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Corine Mauch ist angekommen im Amt. Das sagt sie selbst, und man merkt es ihren öffentlichen Auftritten an. Beim Streitgespräch mit ihrem Herausforderer Filippo Leutenegger (FDP) auf TeleZüri zum Beispiel: Da wirkte sie engagiert, locker – und streitlustig. Den bürgerlichen Standardvorwurf, sie betreibe eine ideologische Verkehrspolitik, quittierte sie mit schallendem Gelächter. «Das ist ein Blödsinn», sagte Mauch, ihr Gegner sei eben schlecht informiert.

Dass sie dossierfest ist, hört man auch vom politischen Gegner. Trotzdem verwechselt die Ratsrechte regelmässig Souveränität mit Überheblichkeit, wenn Corine Mauch am Mittwochabend im Parlament das Wort ergreift. Dabei weiss sie sich getragen von den übrigen Stadträten. Sie hat das Gremium im Griff und sorgt dafür, dass man geschlossen auftritt. Deshalb gelangte sie auch ohne Zögern an den Bezirksrat, als das Parlament im Jahr 2012 die Beiträge an die Standortförderer von Greater Zurich Area gestrichen hatte. «Das war widerrechtlich und löste in der Verwaltung einen grossen Zusatzaufwand aus», sagt Mauch. Dafür habe sie kein Verständnis. Die Aufsichtsbehörde pfiff den Gemeinderat zurück, und Mauch ging als Siegerin aus dem Geplänkel hervor.

Einigkeit herrscht darüber, dass Corine Mauch eine «Chrampferin» ist, die stets bestens vorbereitet an den Sitzungen erscheint. Der grosse Wurf sei ihr in den letzten vier Jahren trotzdem nicht gelungen, sagt der FDP-Stadtparteichef Michael Baumer, «ihr fehlt es an Glamour». Tatsächlich sorgt Corine Mauch selten für Schlagzeilen, die über die Stadtgrenzen hinausreichen. Sie ist zwar längst nicht mehr jene «graue Mauch», als die man sie kurz nach Amtsantritt im Mai 2009 kritisiert hatte, doch Markigkeit ist ihre Sache bis heute nicht.

Das liegt daran, dass ihr Vorgänger und Parteigenosse Elmar Ledergerber in kommunikativen Fragen ein Hansdampf war, der auch mal Peinlichkeiten in Kauf nahm («Ökoterror»), um seine Botschaft medienwirksam unters Volk zu bringen. Corine Mauch ist anders, leiser. Die Agrarökonomin mit dem sanften Aargauer Dialekt ist kein Stapi und keine Stadtmutter, sondern die «Vorsitzende des Stadtrats», wie sie ihre Funktion in einem Wahlkampfinserat betitelt hat. Das einzig Wilde an ihr sind ihre Locken, die sie zerzaust wie ein junger Bob Dylan trägt. Und vielleicht ihre Einstellung zum Velofahren. Das tut sie oft, aber nie mit Helm. Sie fahre vorsichtig, sagt Corine Mauch, «beim Velofahren möchte ich den Kopf durchlüften, die Freiheit geniessen». Das sei eine Angewohnheit aus ihrer Jugend.

Eine Jugend, die sie in Amerika und dem Aargau verbracht hat, ehe sie vor fast 30 Jahren nach Zürich gezogen ist, wo sie 1999 in den Gemeinderat gewählt wurde. Dort war sie Präsidentin der Rechnungsprüfungskommission und der SP-Fraktion. Als Milizpolitikerin setzte sie sich für das Erreichen der 2000-Watt-Gesellschaft ein. Ein Ziel, von dem sie persönlich weit entfernt ist. Das sei auch schwierig mit ihrem Leben als Stadtpräsidentin, sagt Corine Mauch: «Ich bin viel unterwegs, muss fliegen.» Etwa ins Königreich Bhutan im Himalaja, wo sie den Behörden einen Masterplan zur Raumgestaltung überreicht hat. Oder nach China, um dort mit den Kunmingern auf die 30-jährige Städtepartnerschaft anzustossen. Mitunter diese Weltoffenheit veranlasste Thomas Wagner, Alt-Stadtpräsident (FDP) und Präsident der Gesellschaft Schweiz–China, Mauchs Unterstützungskomitee beizutreten – der Kandidatur aus den eigenen Reihen zum Trotz. Weil die Reiserei zum Amt gehört, versucht Corine Mauch andernorts Energie zu sparen. An die Olympischen Spiele nach London fuhr sie mit dem Zug, im Winter zieht sie sich warm an und lüftet nicht stundenlang. «In meinem Elternhaus war umweltbewusstes Verhalten sehr präsent», sagt Mauch. Sie wisse, worauf es ankomme.

Das gilt auch für ihre Politik. «Jeder Franken, der in die Kultur investiert wird, ist ein nachhaltiger Franken», sagt Mauch. Ein Abbau ist unter ihr undenkbar. Zur positiven Bilanz trägt bei, dass Mauch keine schlimmen Patzer zu verantworten hat. Das dringendste Problem der grossen Zürcher Bühnen scheint der geplante McDonald’s im Pfauen zu sein. Und selbst wenn Corine Mauch in Sachen Neuausrichtung des Literaturmuseums Strauhof in der Szene kurzzeitig für Aufregung gesorgt hat, wird sie kaum Schaden davontragen. Das Wespennest ist hierfür schlicht zu klein. Mauch kennt die Untiefen in Zürichs Kulturleben – und umschifft sie gekonnt. Die Autonomie der derzeit finanziell schwer angeschlagenen Roten Fabrik in Wollishofen zu beschränken, käme ihr deshalb nie in den Sinn.

So ist Corine Mauchs Tanz auf dem Politparkett elegant, aber stets auch etwas langweilig. Das passt zu Zürich. Sie ist wie Mary Poppins: charmant, bestens organisiert und leicht zugeknöpft. Um ihre Wiederwahl muss sie sich keine Sorgen machen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.01.2014, 10:08 Uhr

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Das einzig Wilde an ihr sind die Locken – und vielleicht ihre Einstellung zum Velofahren: Corine Mauch. (Bild: Sabina Bobst und Reto Oeschger)

Politische Senkrechtstarterin

Corine Mauch wurde in Iowa City geboren und wuchs als Doppelbürgerin im Kanton Aargau auf. Ihren US-Pass hat die 53-Jährige Ende 2012 abgegeben. Mit Politik in Berührung kam Corine Mauch früh, ihre Mutter Ursula Mauch (SP) vertrat den Aargau im Nationalrat. Das Studium führte Corine Mauch nach Zürich, wo sie an der ETH das Diplom als Agrarökonomin erlangte. An der Universität Zürich studierte sie Chinawissenschaften, in Lausanne Politik- und Verwaltungswissenschaften. Ihre berufliche Laufbahn startete Mauch als Abfall- und Umweltbeauftragte in Uster, später wurde sie Projektleiterin bei den Parlamentsdiensten der Bundesversammlung. Der SP gehört Corine Mauch seit 1990 an. 1999 wurde sie in den Gemeinderat gewählt, 2009 Stadtpräsidentin, nachdem sie sich im zweiten Wahlgang gegen Kathrin Martelli (FDP) durchsetzen konnte. Corine Mauch lebt mit ihrer Lebenspartnerin, der Musikerin Juliana Müller, im Quartier Unterstrass. (pa)

«Das erste Jahr war ein Lehrjahr»

Wann und wie haben Sie den Umgang mit Geld gelernt?
Als Kind bekam ich von den Eltern ein Sackgeld. So lernte ich, wie man Geld einteilt. Später erwarb ich einen ökonomischen Abschluss an der ETH.

Zürich muss sparen. Stehen wir vor vier mageren Jahren?
Die Stadtkasse ist mitnichten ein Sanierungsfall. Die Herausforderungen sind grösser geworden, aber bewältigbar – wenn wir jetzt handeln, was wir auch tun. Wir haben für schwierige Zeiten Eigenkapital angespart und haben davon noch über 600 Millionen Franken.

Welchen Luxus leisten Sie sich, seit Sie Stadtpräsidentin sind?
Einen neuen Kleiderschrank. Als Stadtpräsidentin habe ich eine grössere Garderobe als vorher.

Was machen Sie heute besser als vor vier Jahren?
Ich kenne meine Arbeit viel besser. Die erste Stadtratssitzung, an der ich teilnahm, musste ich gleich leiten. Ein steiler Einstieg. Ich hatte eine grosse Herausforderung gesucht, war mir aber auch bewusst, dass es eine gewisse Zeit brauchen würde, um mich ins Amt einzuarbeiten. Das erste Jahr war ein Lehrjahr, heute bin ich ganz drin im Amt.

Sie sagten mal im Scherz, dass Sie es jeden Tag bereuen würden, Stadtpräsidentin geworden zu sein. Was bereuen Sie wirklich?
Nichts, ich wollte immer schon so leben, dass es für mich in der Gegenwart stimmt. Es war mir immer wichtig, nicht einem Ziel hinterherzurennen und dabei das Leben zu verpassen und dann später etwas bereuen zu müssen.

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