Die übergrosse Angst zu reden

Der 20-jährige Vibushan verstummt in vielen Momenten: Er ist Mutist. Unserer Journalistin gewährte er Einblicke in das schwierige Leben mit dieser seltenen Störung.

Vibushan am Hauptbahnhof Zürich: «Ich bilde mir ein, nichts Interessantes zu sagen zu haben.»

Vibushan am Hauptbahnhof Zürich: «Ich bilde mir ein, nichts Interessantes zu sagen zu haben.» Bild: Reto Oeschger

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Er sitzt mir gegenüber in einem Café in Zürich, ein ganz normal wirkender, etwas massiger junger Mann, auffällig gestylt mit grossen Glitzerohrsteckern und Haaren, die dank Gel kerzengerade in die Höhe stehen. Seine braunen Augen blicken irgendwohin, nur nicht zu mir, manchmal huscht ein scheues, etwas gequältes Lächeln über sein Gesicht. Dass er mich überhaupt trifft, ist keine Selbstverständlichkeit. Denn der 20-jährige Vibushan, der in Wirklichkeit anders heisst, leidet an Mutismus.

Menschen mit dieser Störung fällt es extrem schwer, in bestimmten Situationen zu reden. Sie verstummen dann regelrecht, daher der Fachbegriff. Das lateinische Wort «mutus» bedeutet stumm. Häufig reden Mutisten daheim ganz normal, aber nicht mit Fremden, oft nicht einmal mit Bekannten. Bemerkbar macht sich Mutismus schon im Vorschulalter, die Kinder gelten als extrem scheu und ängstlich; spätestens beim Schuleintritt wird die Störung für die meisten betroffenen Kinder zum Problem.

Eine ständige Qual

Wie fühlt sich das an, wenn man nicht reden kann? Was geht in einem vor? Vibushan zögert: «Es ist wie Angst . . . je länger ich mit jemandem rede, desto schwerer fällt es mir, etwas von mir preiszu­geben. Vor allem, wenn ich von mir aus etwas sagen sollte. Ich bilde mir ein, nichts Interessantes zu sagen zu haben.» Es ist ein Gefühl, das alles überdeckt. «Ich bin zu wenig interessant»: Diesen Satz sagt er auch bei unserem Treffen mehr als einmal.

Leichter fällt ihm ein Gespräch, wenn er ausgefragt wird. So wie jetzt gerade. Wohl war es Vibushan am Morgen vor unserem Gespräch dennoch nicht. Er hat mit Medikamenten nachgeholfen, um gelöster auftreten zu können. Jetzt erzählt er manchmal fast sprudelnd. Und wirkt plötzlich wieder scheu, zugeknöpft, distanziert.

Sein bisheriges Leben, das wird schnell klar, muss eine sich ständig intensivierende Qual gewesen sein. Schon als Kleinkind sprach Vibushan fast überhaupt nicht. Das fiel zunächst niemandem gross auf: «Wir redeten daheim in unserer Familie kaum. Man meldete seine Bedürfnisse an, sagte, wenn man Hunger oder Durst hatte – mehr nicht.» Auch mit anderen Kindern unterhielt sich der Junge nicht. Und im Gegenzug ignorierten ihn diese. «Obwohl ich gerne Kollegen gehabt hätte, stand Reden nie zur Debatte», erzählt Vibushan, «für mich war es normal zu schweigen.»

Dass der Junge anders war, fiel erst einer Lehrerin in der Primarschule auf. Die Frage war nur: Warum sprach Vibu­shan nicht? Und wie konnte man ihn dazu bringen, sein Schweigen aufzugeben? Niemand wusste eine Antwort. Logopädie und Spieltherapie brachten nichts. Der Bub spielte zwar brav mit. Aber ohne zu reden.

Schwer zu erkennen

Mutismus ist sehr selten; Studien gehen davon aus, dass nicht einmal einer von tausend Menschen betroffen ist. Die Störung ist nur schwer erkennbar, weil die Betroffenen in manchen Situationen ohne Probleme und völlig korrekt sprechen, in anderen verstummen. Häufig zieht der Mutismus zudem psychische Erkrankungen nach sich, etwa Depressionen oder soziale Phobie. Deshalb vergingen oft Jahre, bis Ärzte, Logopäden oder Psychologen die richtige Diagnose stellten, schreibt Boris Hartmann, einer der ganz wenigen Mutismus-Spezialisten im deutschen Sprachraum. Es sind verlorene Jahre, die sich später bitter rächen. Mutismus sollte möglichst früh behandelt werden. Je länger zugewartet wird, desto mehr schleift sich das Schweigen ein.

Bei Vibushan stiessen die Fachleute an ihre Grenzen. Und nicht nur sie. Mutter und Vater wussten nicht, wie sie mit ihrem ältesten Buben umzugehen hatten. Ohnehin hatten sie keine Kapazität für ein schwieriges Kind. Der Vater war Alkoholiker, die Mutter «sehr ungebildet», wie Vibushan sagt. Beide stammen aus Sri Lanka, er ist Tamile, sie Singhalesin. Sie gehören also jenen beiden Volksgruppen an, die sich jahrelang einen erbitterten, blutigen Bürgerkrieg lieferten. Geheiratet hatten sie nicht aus Liebe, sondern weil er per Inserat eine Frau zwecks Hochzeit gesucht hatte – und sie eine Möglichkeit, in die Schweiz zu gelangen. Zu sagen hatten die beiden in der Ehe nicht viel. Weder sich noch den drei Kindern.

Liegt hier die Ursache für Vibushans Mutismus? Lange glaubten Fachleute, das zeitweise Schweigen werde durch ein traumatisches Erlebnis verursacht. Tatsächlich gibt es solche Fälle. Mittlerweile weiss man aber, dass der Umkehrschluss nicht zulässig ist: Wer an Mutismus leidet, muss längst kein Trauma erlitten haben. Vielmehr scheint die Störung organische Ursachen zu haben, ausgelöst wohl durch eine Überreaktion des Angstzentrums im Gehirn. Sie scheint zudem vererbbar zu sein. Auch Vibushans Eltern waren möglicherweise betroffen.

Klauen. Prügeln. Nicht reden.

Solange der Vater lebte, ging Vibushan trotz allem in die Schule. Er hatte mehr Angst vor dem jähzornigen Mann, der seine Mutter immer wieder schlug, als vor der Schule, die ihm eine Qual war. Er war ein Aussenseiter: «Ich hätte so gerne Freunde gehabt. Aber ich war nicht interessant.» Also machte er Quatsch. Klaute. Prügelte. In der Primarschule reichte das, um wenigstens Aufmerksamkeit zu erregen. Dennoch waren seine Noten so gut, dass er die Aufnahmeprüfung ans Gymnasium schaffte.

Richtig abwärts ging es, als der Vater starb und Vibushan wenige Wochen später ins Gymnasium übertrat. Er hatte sich viel vorgenommen. Wollte jetzt mit Reden anfangen, in der neuen Klasse, wo ihn niemand kannte. Doch dann wurde ein Mädchen aus seiner sechsten Klasse mit ihm ins Gymi eingeteilt. Und alle Vorsätze waren dahin: «Sie durfte mich nicht anders sehen als früher.»

Dieser Gedankengang, das weiss Vibushan heute, ist typisch für Mutisten. Er hat es nachgelesen im Ratgeber «Gesichter des Schweigens» von Spezialist Boris Hartmann. Darin kommen Betroffene zu Wort, und sie schildern exakt das gleiche Verhalten: Sie kommen in eine neue Klasse, wollen endlich reden, aber dann ist da jemand, der sie nur schweigend kennt. Und dieser jemand darf nicht wissen, dass sie auch ganz anders sein könnten. Es ist eine verheerende Spirale. Jedes Mal diese Niederlage, diese Demütigung, wenn es der Betroffene wieder nicht geschafft hat zu reden. Jedes Mal ein Grund mehr, sich noch weiter zurückzuziehen.

Vibushan hat das Spiel x-fach gespielt. Mindestens sechsmal hat er in der Oberstufe die Klasse gewechselt. Hoffte immer wieder, dass es besser würde. Aber es wurde nie besser. Er schaut mich mit klarem Blick an, und murmelt leise: «Ich hätte es wohl auch nicht geschafft, wenn damals dieses Mädchen nicht in meine Klasse gekommen wäre.»

Schulleistungen sackten ab

Vibushan schwänzte immer öfter die Schule: «Ich hielt es nicht aus, Aussenseiter zu sein.» Wenn er doch hinmusste, versteckte er sich in den Pausen auf der Toilette. Oder er gab vor, Zeitung zu lesen. Seine Schulleistungen sackten dramatisch ab. Daheim übernahm er nach und nach die tyrannische Rolle des verstorbenen Vaters. Schrie herum. Kommandierte die zwei Brüder und die Mutter. Warf Gegenstände.

Und noch immer wusste niemand, was mit dem Jugendlichen los war. Vibushan selbst konnte es nicht erklären: «Es klingt blöd, jemandem zu sagen, ich kann nicht reden, wenn ich in dem Moment doch rede», sagt er. Mehrmals war er zur Abklärung und Therapie in der Integrierten Psychiatrie Winterthur (IPW). Bekam alle möglichen Diagnosen. Borderlinesyndrom. Depression. Soziale Phobie. Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Hatte neben Psychologen mit Polizei, Sozialbehörden und Familien­begleitern zu tun.

Doch das Einzige, was Vibushan half und bis heute hilft, war und ist Temesta. Ein Psychopharmakon aus der Gruppe der Benzodiazepine, das angstlösend wirkt. In der Regel wird es nur kurzzeitig verschrieben, weil es ein hohes Suchtpotenzial hat. Zum ersten Mal erhielt Vibushan das Medikament in der IPW: «Diese Woche war die Schönste in meinem Leben», sagt er heute. «Ich konnte mit allen reden.»

Vibushan schöpfte Hoffnung – doch nicht für lange. Zurück in der Schule, vereinsamte er bald wieder. Begann erneut zu schwänzen und gab dafür der Mutter Schuld. Es kam, was kommen musste: Er wurde von der Schule verwiesen. Nun war den Behörden klar, dass Vibushan nicht mehr daheimbleiben konnte.

Doch wohin mit dem Jungen? Sein Glück war, dass es da eine Nachhilfelehrerin gab, zu der er einen guten Draht hatte. Sie gehört zu den ganz wenigen Menschen, mit denen Vibushan von Anfang an geredet hat. Sie und ihre Familie erklärten sich bereit, ihn aufzunehmen: «Ich fand ihn von Anfang an einen tollen jungen Menschen, der wunderbare Texte schreibt und sehr interessiert ist an Politik.» Wusste sie, worauf sie sich einliess? Die Pflegemutter lacht, sagt: «Ich bin ein Mensch, der viel Geduld und Ausdauer hat. Sicher, manchmal ist es schwierig. Auch bei uns flogen Gläser. Anderseits: Was wird aus ihm, wenn er nicht bei uns sein kann?»

Seit 2011 lebt Vibushan nun bei ihr in Zürich. Es ist eine fragile Situation. Mit ihr redet er, doch wenn ihr Mann kommt, verzieht er sich noch immer am liebsten in sein Zimmer: «Die beiden bringen mir so viel Wohlwollen entgegen. Ich fühle mich schlecht, wenn ich schweige oder nur etwas Kurzes sage.»

Zufallsdiagnose

Erst seit einem halben Jahr weiss er, dass er nichts dafürkann. Dass sein Problem einen Namen hat und er nicht der Einzige ist. Sich mit seinen Schwierigkeiten beschäftigend, stiess er im Internet per Zufall auf den Begriff Mutismus. Es muss wie eine Offenbarung gewesen sein: «Ich wusste genau: Das ist es.» War er erleichtert? Er sieht mich etwas ratlos an, lächelt dann: «Es war vor allem eine Genugtuung. Dass all die Spezialisten nicht erkannten, was ich habe, sondern ich selbst.» Er fuhr nach Köln zu Hartmann, und der bestätigte seine Vermutung.

Und jetzt? Vibushan zuckt die Achseln. Aus Sicht Hartmanns bräuchte er eine intensive Therapie. Doch in der Schweiz gibt es keine Fachleute, die Erfahrungen mit jungen Erwachsenen wie Vibushan haben. Ohnehin fehlt dem jungen Mann die Energie für eine aufwendige Behandlung. Und: Er hat das Vertrauen in Therapeuten längst verloren. Zu oft gingen Interventionen schief. Zu viele Therapien brachten nichts. Und es gibt da doch anderes, was ihm hilft. Temesta, das ihm sein Arzt verschrieben hat. Und Alkohol. Auf Dauer ist beides keine Lösung, beides macht abhängig. Vibushan weiss das.

Seine Pflegemutter gibt die Hoffnung nicht auf, schliesslich hat er in letzter Zeit kleine, aber wichtige Fortschritte gemacht: «Es fliegen keine Gläser mehr bei uns. Und in letzter Zeit kommt er öfter aus eigenem Antrieb in die Stube.»

Dann erzählt Vibushan, dass er seit kurzem übergangsweise in eine Schule für Asylbewerber geht. Einfach, um wieder irgendwo anzuknüpfen. Und dass er am Tag zuvor vor dem Schulbesuch Temesta genommen hatte. Zum ersten Mal strahlen seine Augen: «Das ging sehr gut, es war sehr schön.» Nachdenklich fügt er an: «Ich möchte reden lernen und als normaler Mensch wahrgenommen werden. Nicht als Sonderling.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2014, 02:22 Uhr

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