Die vergessene Exklave auf dem Uetliberg

Auf dem Zürcher Hausberg gab es einst eine geografische Kuriosität, die nur noch wenigen bekannt ist.

Eine Postkarte von 1929 zeigt die touristische Infrastruktur des Uetlibergs. Die Albisrieder Exklave befand sich dort, wo das Hotel Uetliberg stand. Bild: ETH-Archiv

Eine Postkarte von 1929 zeigt die touristische Infrastruktur des Uetlibergs. Die Albisrieder Exklave befand sich dort, wo das Hotel Uetliberg stand. Bild: ETH-Archiv

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Rund 30 Fussballfelder gross war die Albisrieder Exklave auf dem Uetliberg. Das Gebiet lag unterhalb des Plateaus des Uto Kulm, dort, wo heute der Sendeturm steht, und umfasste auch das Land mit der heutigen SZU-Station Uetliberg. Mit «Gemeinde Albisrieden» oder «Gemeindebann Albisrieden» ist das praktisch ganz von Zürcher Stadtgebiet umschlossene Gebiet auf alten Karten beschriftet. Die geografische Kuriosität gehört zu den eher wenig bekannten Kapiteln in der bewegten Geschichte des Zürcher Hausbergs.

Dem Kloster abgekauft

Albisrieden besass das Landstück auf dem Uetliberg von Mitte des 15. Jahrhunderts bis zur zweiten Zürcher Eingemeindung im Jahr 1934. Damals gingen die Dörfer Albisrieden, Affoltern, Altstetten, Höngg, Oerlikon, Schwamendingen, Seebach und Witikon in Gross-Zürich auf.

«Wegen dieser Exklave ist für die Albisrieder der Uetliberg immer ein Stück weit ihr Berg gewesen», sagt Hans Amstad, Orts-Chronist und Präsident des Ortsmuseums Albisrieden. Er verweist auf eine Schrift, die der Lokalhistoriker Emil Lipp 1970 verfasste. Demnach hatten die Albisrieder das Gebiet auf dem Uetliberg 1464 vom Frauenkloster Oetenbach gekauft – «um hundertundfünfzehn Pfund guter Zürcher Pfennigen». Lipp stöberte im Stadtarchiv sogar den Kaufbrief auf – eine Urkunde aus Pergament.

Wald und Weideland

Das von Albisrieden abgetrennte Gebiet nutzten die Bauern der Gemeinde jahrhundertelang als Wald und Weideland, was immer mal wieder zu Streit führte. Wegen fehlender Grenzsteine kam es etwa 1578 zu Klagen der Lehens- und Zinsherren der Güter von Sellenbüren. Albisrieden wurde verpflichtet, wegen des Weideviehs Zäune zu erstellen. Ende des 18. Jahrhunderts erhielten alle Dorfbewohner das Recht, Vieh auf die Weide des Uetlibergs zu treiben. Dieser Weidgang wurde erst 1825 abgeschafft, als immer weniger Albisrieder überhaupt noch Vieh besassen.

Auch die Nutzung des Waldes war von Bedeutung. In einem Prozess zwischen der Gemeinde und der Holzkorporation Albisrieden 1841/42 ging es um die Frage, wem die Weide und der Wald auf dem Uetliberg gehören sollen. Das Obergericht entschied zugunsten der Gemeinde.

Wald als begehrte Ressource

Laut dem Historiker Martin Illi, der sich seit Jahren mit der Geschichte des Kantons und der Stadt Zürich befasst, war der Wald während Jahrhunderten eine begehrte Ressource. «Es gab einen eigentlichen Run der Gemeinden Stallikon, Uitikon, Wiedikon und Albisrieden, alle versuchten, auf dem Uetliberg Wald zu ergattern.» Für die Stalliker und Uitiker sei es am einfachsten gewesen, weil das Terrain weniger steil und einfacher zu bewirtschaften war. Wiedikon konnte sich auch ein kleines Stück ergattern, sodass der Albisrieder Zipfel isoliert war. Das Wiediker Stück ging dann bei der ersten Eingemeindung 1893 an die Stadt Zürich, mit der zweiten Eingemeindung fiel alles an die Stadt.

Laut Illi erwarben die Gemeinden in der frühen Neuzeit Wald und Wiesen, um den Gemeindehaushalt zu finanzieren und die Holzversorgung – Brennholz, Bauholz für die Bürger, Rebstecken, Hagpfähle, Schindeln – sicherzustellen. Daneben wurden die Wälder auch als Weide und für die Schweinemast genutzt. Der Historiker erinnert daran, dass es bis Ende des 19. Jahrhunderts keine Einkommenssteuern gab. Die Gemeinden konnten nur Geld aus bescheidenen Vermögenssteuern beziehen, den grössten Teil der Gemeindeausgaben erwirtschafteten sie mit dem Erlös aus den Gemeindegütern wie eben dem Wald.

Lange keine stabilen Grenzen

Dass es zu einer Exklave wie im Fall Albisrieden kam, hängt auch mit den instabilen Gemeindegrenzen im 18. und 19. Jahrhundert zusammen. «Heute meint man, dass geschlossene Gemeindegebiete normal seien, aber die Regel ist anders, die Grenzverläufe waren sehr kompliziert und historisch gewachsen», sagt Illi. Grenzen von Kirchgemeinden, Landvogteien und Gemeinden seien lange überhaupt nicht deckungsgleich gewesen. 1798 mit der Helvetik und bei der Kantonsgründung 1803 habe man sich damit beholfen, die Grenzen der Kirchgemeinden zu übernehmen – es waren die stabilsten und am besten dokumentierten Grenzen. Daneben gab es aber weiterhin Höfe und Weiler, bei denen es nicht klar war, zu welcher politischen Gemeinde sie gehörten.

Grand Hotel und Freiluftschule

Und wie ging es mit der Albisrieder Exklave auf dem Uetliberg weiter? 1839 pachtete der Wirt Friedrich Beyel, der auf dem Uto Kulm das erste Gasthaus erbaute, das Land. Er pflanzte Hafer und Runkelrüben für seine Esel an, die er für den Gäste- und Esswarentransport benutzte. «Wohl um den Gasthausbetrieb attraktiv zu gestalten, hat Beyer an seine Gäste auch Eselsmilch abgegeben», schreibt Lokalhistoriker Lipp. 1872 kaufte der Gastwirt Kaspar Fürst das Land und baute darauf das Grand Hotel Uetliberg. Dieses musste allerdings nach dem 1. Weltkrieg wieder schliessen, weil Gäste ausblieben und niemand mehr investieren wollte. 1927 kaufte die Stadt das stillgelegte Hotel und richtete eine Freiluftschule ein. 1943 musste das verlotterte Gebäude jedoch abgebrochen werden.

Lokalstolz hält sich in Grenzen

In Albisrieden trauert man dem verlorenen Stück Uetliberg heute kaum mehr nach, wie Hans Amstad vom Ortsmuseum versichert. «Die meisten wissen das gar nicht.» Rufe nach einer Rückforderung habe er jedenfalls noch nie vernommen. «Heute leben wir in der Stadt Zürich. Da ist das nicht mehr so wichtig», sagt Amstad.

Erstellt: 01.10.2019, 17:00 Uhr

Exklaven auch anderswo

Der Albisrieder Spickel auf dem Uetliberg war nicht die einzige Exklave dieser Art im Kanton Zürich. Interessanterweise gab es auch auf dem Gemeindegebiet von Albisrieden selber bis zur ersten Zürcher Eingemeindung 1893 eine Exklave: Ein Landstück im Gebiet des heutigen Schulhauses Letzi gehörte bis dann zur Gemeinde Aussersihl. Auch im Zürcher Weinland besassen etwa die Gemeinden Andelfingen und Dorf noch bis weit ins 20. Jahrhundert grössere Waldstücke auf dem Gebiet ihrer Nachbargemeinden. Im Fall Dorf kam es erst bei der Melioration in den 1950er Jahren zu einer Grenzbereinigung. Auch die Gemeinde Bachenbülach besass bis in den 1970er Jahren ein grösseres Stück Land im Klotener Ried, das dann im Rahmen einer Grenzbereinigung zu Oberglatt kam. Noch heute besteht die rund 20 Hektaren grosse Exklave Heusberg, die zwei Kilometer von ihrer Stammgemeinde Mönchaltorf entfernt liegt. Ebenfalls bis heute existiert in Glattfelden die Exklave Neuhus, wo es derzeit Diskussionen um einen Anschluss an Eglisau gibt. (mth)

Artikel zum Thema

Was Sie noch nicht über den Uetliberg wussten

Verunglückte Bergsteiger, Botellóns und ein am 1. August eröffneter Prunkpalast, der als Brennholz endete: Den Zürcher Hausberg umranken viele Geschichten. Mehr...

Polizei rettet zwei US-Teenager am Uetliberg

Zwei Touristinnen sind am Dienstagnachmittag am Zürcher Hausberg in Not geraten. Sie konnten im unwegsamen Gelände weder vor noch zurück. Mehr...

Fry erhöht Eintrittspreis für den Aussichtsturm

Wer auf den Uetliberg-Turm beim Uto Kulm steigen will, musste bisher zwei Franken Eintritt zahlen. Doch das ist dem Hotelier nicht genug. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...