Die vergessene Festung

Tief unter der Erde im Zürcher Bankenviertel verbergen sich die Überreste des ersten Millionenbaus der Stadt. Was es mit den meterhohen Gewölben auf sich hat im 3. Teil der Serie «Was hinter verschlossenen Türen steckt».

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Unter den unscheinbaren Metalldeckeln mitten im alten Botanischen Garten der Universität Zürich könnte sich eine Lagerfläche für Gartengeräte befinden oder vielleicht ein Becken voller Ersatzkies für die Wege. Doch dahinter verbirgt sich ein Gewölbe mit stattlichen Ausmassen. Ein Bauwerk von grosser historischer Relevanz.

Es ist die sogenannte Katzbastion, ein letzter Teil des alten Befestigungsrings rund um Zürich. «Oben auf dem künstlichen Hügel wurde die Artillerie der Stadt positioniert. Aus der Bastion unten verteidigten die Wachsoldaten mit Gewehren die Kanonen», erklärt Historiker Martin Illi und öffnet das Vorhängeschloss am Zugang zum Bollwerk.

Historische Gewölbe in totaler Finsternis

Nur mit vereinten Kräften lassen sich die schweren Platten anheben. Langsam wird darunter eine Treppe sichtbar, die in finstere Tiefen führt. Illi fegt ein paar Spinnweben weg, bevor er seine Stirnlampe einschaltet und hinabsteigt. «Es ist ratsam auf der rechten Seite zu gehen. Links sind die Stufen schon ausgetreten», warnt er.

Unten angelangt, befindet man sich in einem gut zwei Meter hohen Gewölbe. Einzig durch eine kleine Luke in der dicken Befestigungsmauer sickert Tageslicht hinein. Im Halbdunkel lassen sich zwei Durchgänge ausmachen, die in weitere Räume führen. Einer davon ist zugemauert. «Das wurde aus Sicherheitsgründen so gemacht», erklärt Illi. Die Wände sollten vor dem Einsturz bewahrt werden und es sollten keine Eindringlinge hinein können.

Geschossen wurde vermutlich nie

Im hinteren Bereich der Räume befindet sich eine breite Lücke in der Decke, durch die der Pulverdampf der Gewehre abziehen konnte. Doch vermutlich wurde hier nie ein Gewehr abgefeuert. Mit dem Bau des Bollwerks hatte man 1648 begonnen – unter dem Eindruck des Dreissigjährigen Krieges. «Der Verteidigungswall wurde aber erst 1675 fertiggestellt, als der Krieg längst vorbei war», so Illi.

«Die Festungsanlage hatte wohl eher Symbolcharakter. Sie stand für Macht und Reichtum.» Und teuer war sie. 1,8 Millionen Pfund musste für den ganzen Befestigungsring aufgewendet werden. Laut Illi war es «der erste Millionenbau der Stadt».

Nur Tauben kommen hierher

Heute stehen die rund 20 Quadratmeter grossen Gewölbe leer. Einzig ein paar Tauben haben sich durch die Schiessscharten in die Bastion vorgewagt, bis man Gitter an den Luken angebracht hat. Der Zugang über die Treppe bleibt weiterhin verriegelt. Ein Zutritt wäre zu gefährlich.

Illi würde es begrüssen, wenn der Überrest des barocken Befestigungsrings wieder belebt und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht würde. Der Botanische Garten der Universität verfüge auch über entsprechende Pläne: «Aber die Prioritäten mussten vorerst anders gesetzt werden – aus finanziellen Gründen.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.08.2011, 11:06 Uhr

Der Zugang zur Festung

Die Serie

«Was steckt dahinter? Was liegt darunter?» Unter diesem Motto öffnet Tagesanzeiger.ch Türen, die allen anderen verschlossen bleiben, und blickt in Gewölbe, die sonst niemand zu sehen bekommt.

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Folgendes gilt es dabei zu beachten:
- Der gewünschte Ort sollte sich im Kanton Zürich befinden.
- Die genaue Adresse, die Koordinaten müssen angegeben werden.
- Wenn möglich sollte ein Foto von der Tür oder dem Eingang zum verborgenen Ort mitgeschickt werden.
- Der Absender muss eine Telefonnummer angeben, unter der er oder sie tagsüber erreichbar ist.

In der Serie bereits erschienen sind:
«Wie die Rettungsleute auf den Einsatz warten»
«Die aussergewöhnlichste 1-Zimmer-Wohnung von Zürich».

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