Die wilden Jahre sind vorbei

Das neue Zürich-West besteht vor allem aus Arbeitsplätzen. Damit das Quartier lebendig bleibt, braucht es Besucher. Doch viele befürchten, diese könnten bald fernbleiben.

Hier ist auch abends noch etwas los: Partygänger auf der Geroldstrasse. Foto: Reto Oeschger

Hier ist auch abends noch etwas los: Partygänger auf der Geroldstrasse. Foto: Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zürich-West hat das gleiche Problem wie Ferienorte: Das Quartier kann sich nicht selber lebendig halten. Es braucht die Beatmung von aussen.

Auch nach 20 Jahren Totalumbau ist Zürich-West ein Ort geblieben, wo vor allem gearbeitet wird; nur haben sich die Jobs von den Industriehallen in Büros verschoben. Auf geschätzte 22'000 Arbeitsplätze und 4000 Studenten kommen gut 3100 Bewohner. Mit dieser ­Mischung ähnelt Zürich-West viel stärker der City als dem Kreis 4.

«Die meisten Bürolisten fahren am Feierabend nach Hause. Vielleicht nehmen sie noch einen Apéro, spätestens ab halb acht setzen sie sich ins Auto», sagt Christoph Gysi, Präsident der Kulturmeile Zürich-West, einer Vereinigung von Anwohnern, Gewerblern und Grund­eigentümern. Gysi glaubt nicht, dass sich Zürich-West noch zum Wohnquartier wandelt. Auch wenn künftig ein paar Hundert neue Wohnungen entstünden, die Büros blieben dominant.

Dazu kommt, dass verhältnismässig viele Luxuswohnungen in Hochhäusern entstanden sind. «Aufeinandergestapelte Einfamilienhäuser» nennt sie der Stadtforscher und ETH-Professor Christian Schmid. Deren Bewohner gingen nicht auf die Strasse, sondern direkt in die Tiefgarage. «Sie tauchen im öffentlichen Raum gar nicht auf.» Das macht ­Belebung von aussen noch nötiger.

Reicheres Publikum

Derzeit funktioniert diese Belebung, pro Tag kommen ungefähr 12'000 Besucher. Warum sie das tun, versuchte Kulturmeile Zürich-West kürzlich in einer Umfrage herauszufinden. Die rund 700 Befragten lobten dabei vor allem eins: das «Zürich-West-Feeling». Dieses entsteht durch Mischung; die Mischung aus Industriehallen, Neubauten und Parks; die Mischung aus Restaurants, Läden, Bars, Clubs und Kulturangeboten.

Das Publikum hat sich verändert in den letzten Jahren. Zürich-West reift, heute ist es mehr gepflegtes Kulturviertel als Ausgehzone. Etwas weniger Menschen strömen ins Quartier, besonders die Partyteenager bleiben fern. Dafür seien die Besucher älter, zivilisierter, zahlungskräftiger geworden, sagt Gysi. «Restaurants und Geschäfte machen so viele Einnahmen wie nie.»

Die Mischqualität, die an Zürich-West so geschätzt wird, liegt dort am höchsten, wo Zwischennutzungen fortbestehen: auf dem Gerold-Areal etwa oder im Les Halles, das Christoph Gysi 1997 gründete. Seither läuft das Restaurant. Mit seinem lottrigen Industriecharme vereint es alles, wofür 20- bis 40-Jährige aus Winterthur oder Altstetten am Bahnhof Hardbrücke aussteigen.

Doch Orte wie das Les Halles werden weniger, die «Entwicklung» ehemaliger Industriebauten schreitet voran. Kürzlich hat Allreal neben dem Schiffbau eine Backsteinhalle abgerissen. An ihrer Stelle entstehen Büros. Ein Quartier­klassiker. «Die meisten Freiräume werden zugebaut, durchgeplant, totgestylt», sagt Christian Schmid. Das Unperfekte und Überraschende gehe verloren.

Flaniert wird nicht

In den Neubaugebieten bewegen sich heute kaum Passanten. «Ausser an der Hardbrücke-Achse und der Geroldstrasse läuft wenig», sagt Schmid, der mit seinen Studierenden das Quartier detailliert untersucht hat. Die Besucher steuerten oft nur ein einziges Ziel an. «Man flaniert hier nicht durch die Strassen, dazu sind sie zu wenig attraktiv.»

So entsteht ein Teufelskreis: Wegen fehlender Laufkundschaft haben die Eigentümer Mühe, Erdgeschosse an Läden oder Restaurants zu vermieten. Stattdessen ziehen – wie am Pfingstweidpark – Büros ein. Die Strassen bleiben leer.

«Wir müssen unbedingt neue Betriebe anlocken, wenn nötig mit tiefen Erdgeschoss-Mieten», sagt Gysi. Sonst drohe das Quartier einzuschlafen: Am Abend ragen Bürotürme dunkel in den Himmel, am Boden herrscht Stille.

Viel Hoffnung setzt man auf das vor einem Jahr eröffnete Toni-Areal, Behördenvertreter loben es gerne als «Frequenzmaschine». Schmid bezeichnet die Schule dagegen als «introvertierte Anlage», der Platz rundherum werde kaum bespielt. «Da hat man viel Potenzial fahrlässig verschenkt.» Das Verständnis dafür, wie wichtig gut gestaltete Aussenräume seien, fehle.

Kein Platz für Grossanlässe

Auch die Maag-Halle macht Christoph Gysi Kummer. 2017 wird die Tonhalle dorthin ins Exil gehen, drei Jahre lang. Dadurch droht das Quartier die Ausstellungen und Märkte zu verlieren, die seit langem auf dem Maag-Areal stattfinden. «Uns fehlt eine grosse Halle für Messen und Events», sagt Gysi. Der Schiffbau sei für Fremdanlässe zu teuer, die Vermietung laufe ziemlich kompliziert. Die Puls-5-Halle lasse sich nicht beheizen.

Seine Hoffnung setzt Gysi auch auf die Stadt. Ihr gehören einige der grössten Grundstücke, deren Umnutzung noch bevorsteht: die Kehrichtverbrennungsanlage am Bahnviadukt, das Tramdepot beim Escher-Wyss-Platz, das EWZ-Areal am Pfingstweidpark. «Die grosse Halle dort wäre ein toller Ort für Konzerte oder Ausstellungen. Doch das EWZ will Kabelrollen darin lagern.»

Bei der Stadt sieht man die Entwicklung weniger negativ. Die Planungs­experten der Verwaltung setzten sich für belebte Erdgeschosse ein, sagt Günther Arber, Leiter der Stadt- und Quartierentwicklung. Bei der Überbauung des Tramdepots Escher Wyss etwa seien Gewerbeflächen und ein Restaurant vorgesehen. «Man sollte in Zürich-West aber keine flächendeckenden blühenden Landschaften erwarten», sagt Arber. Der Hochbetrieb werde sich auf einige Zentren beschränken, das funktioniere auch in anderen Quartieren so.

Die Stadt könne auch nicht all ihre Grundstücke öffnen. «Zürich wächst, auch die Versorgung der Stadt braucht mehr Flächen.» So wird ein grosser Teil der Kehrichtverbrennungsanlage weiter für die Energieversorgung und andere städtische Nutzungen gebraucht.

Man dürfe nicht zu ungeduldig sein, findet Arber. Detailhändler planten die Eröffnung neuer Filialen, was mehr Menschen anziehe. Oft reichten kleine Eingriffe, ein Café oder ein Kiosk am richtigen Ort, um eine Ecke zu beleben.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2015, 23:55 Uhr

Gerold-Areal

Ewiges Dazwischen

Auf dem Gerold-Areal spürt man bis heute, was Zürich-West einst so aufregend machte: Clubs, Ateliers, Läden, Restaurants auf engem Raum, untergebracht in alten Gewerbehäusern. Bis morgen gastiert dort der Radiosender Rundfunk FM. Lange sah es danach aus, als ob auch eine der letzten improvisierten Zonen einem Neubau weichen müsse. Die Stadt wollte auf dem Areal zwischen Bahnviadukt und Bahnhof Hardbrücke das neue Kongresszentrum eröffnen.

Der Plan scheiterte. Die Stadt, die bereits über die Hälfte des Areals gekauft hatte, konnte sich nach langen Verhandlungen nicht mit Georg Mayer-Sommer einigen, einem Recycling-Unternehmer, dem ein grosses Stück in der Mitte gehört. Ohne dieses lässt sich kein Grossprojekt umsetzen. 2013 war das Kongresszentrum Gerold beerdigt, die Arealzukunft lag wieder weit offen.

Derzeit weist alles darauf hin, dass Rosso, Helsinki, Gerolds Garten, Hive, Supermarket und alle anderen Mieter noch lange bleiben können. «Wir haben auf absehbare Zeit keine Absichten, das Areal neu zu bebauen», sagt Jürg Keller, Vizedirektor der städtischen Liegenschaftenverwaltung. Man betrachte die Grundstücke als Landreserve.

Es geht nur zusammen

Auch Georg Mayer-Sommer sieht «die Rahmenbedingungen für eine vorläufige Kontinuität der heutigen Nutzung als gegeben», wie er Tagesanzeiger.ch/Newsnet schreibt. Das jetzige Angebot spreche weite Teile der Bevölkerung an, lasse aber auch Raum für Nischenangebote. Gerade diese würden stark zum «breiten Erfolg» des Gerold-Areals beitragen.

Neu ist, dass die Stadt ihre Parzelle neben dem Bahnhof Hardbrücke ab Anfang 2016 selber bewirtschaftet. Bisher hat sie das ganze Grundstück an Georg Mayer-Sommer abgegeben, der sie an die Nutzer weitervermietete. Die Kündigung sei keine Bestrafung dafür, dass die Zusammenarbeit beim Kongresszentrum nicht klappte, sagt Jürg Keller. «Es war schon lange vorgesehen, dass wir das Grundstück direkt vermieten – wie wir das auch sonst tun.» Die Stadt will die bisherigen Verträge unverändert übernehmen. Für die Mieter ändere sich also nichts.

Die Eigentümer auf dem Gerold-Areal – dazu gehört auch die Heilsarmee – werden auch künftig kaum um eine Zusammenarbeit herumkommen. Jürg Keller: «Jeder könnte für sich selber bauen, aber es wäre viel sinnvoller, das Land gemeinsam zu entwickeln.» (bat)

Artikel zum Thema

Auf dem Pfingstweid-Areal tut sich bald was

Die erste Mitgliederversammlung des Vereins Kulturweid ist gleichzeitig der Startschuss für die Nachbarschaftsprojekte auf dem Pfingstweid-Areal in Zürich-West. Mehr...

Der Supermarket bleibt

Das traditionsreiche Partylokal hat ein vorzeitiges Weihnachtgeschenk erhalten. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Von Klischees und Ritualen

Schweigend essen und schwatzend lesen: Am Mittagstisch kommen Älpler Makronen und Städter-Klischees auf den Tisch. (Teil 3/4)

Kommentare

Blogs

Sweet Home Dieses Wochenende wird umgestellt!

Mamablog 5 Methoden gegen Nägelkauen

Paid Post

Von Klischees und Ritualen

Schweigend essen und schwatzend lesen: Am Mittagstisch kommen Älpler Makronen und Städter-Klischees auf den Tisch. (Teil 3/4)

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...