Diese Adresse bleibt geheim

Alle 14 Tage stirbt eine Frau wegen häuslicher Gewalt. Trotzdem will das Frauenhaus Aargau/Solothurn seinen Standort öffentlich machen. Im Frauenhaus Zürich findet man das zu gefährlich.

Kurz bevor diese gestellte Situation eskalieren könnte.

Kurz bevor diese gestellte Situation eskalieren könnte. Bild: Keystone

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Das Frauenhaus Aargau/Solothurn plant radikale Veränderungen. Die Adresse, die bisher geheim war, soll öffentlich werden. Opfer von häuslicher Gewalt sollen sich nicht mehr verstecken müssen. Damit das Haus auch auffällt, ist ein rosa Anstrich geplant, berichtete die «NZZ am Sonntag». Zudem werden die Männer mit eingebunden.

Für das Frauenhaus Zürich Violetta kommt das Aufgeben der Geheimadresse nicht infrage. Geschäftsführerin Susan A. Peter von der Stiftung Zürcher Frauenhaus verteidigt das Sicherheitsdispositiv: «Die meisten Frauen, die zu uns kommen, flüchten nicht vor einer Ohrfeige, sondern weil sie um ihr Leben fürchten, weil sie stark traumatisiert sind. Da geht es in erster Linie darum, ihre Situation zu beruhigen, den Frauen die Angst zu nehmen, sie zu schützen. Für diese Frauen wäre es unerträglich, in einem offenen Frauenhaus zu leben.» Die Geschäftsführerin verweist auf einen weiteren Punkt: «Wo kämen wir hin, wenn die Adresse öffentlich würde und es zu einer Gefährdung der Nachbarschaft käme?»

Ein Drittel kehrt nach Hause zurück

Wenig dringt von den Frauenhäusern nach aussen. Nur spektakuläre Fälle häuslicher Gewalt kommen in die Medien, beispielsweise der Fall, als ein Mann in Zürich auf offener Strasse seine Frau mit einem Beil erschlug. In Pfäffikon ZH erschoss ein Mann seine Frau und die Leiterin des Sozialamtes – nachdem die Polizei mehrmals interveniert und wegen häuslicher Gewalt unter anderem eine Kontaktsperre ausgesprochen hatte.

Wie will das Frauenhaus Aargau/Solothurn künftig mit gewalttätigen Männern umgehen? Laut «NZZ am Sonntag» ist die Rede von einem Paradigmenwechsel. Nur die Frauen zu schützen, reiche nicht, denn ein Grossteil von ihnen kehre vom Frauenhaus direkt zum gewalttätigen Partner zurück. Die wirtschaftliche Abhängigkeit vom Mann sei zu gross.

Auch in Zürich ist das bei einem Drittel der Betroffenen der Fall, nicht nur aus finanziellen Gründen. «Die Hoffnung stirbt zuletzt», sagt Susan A. Peter. «Auch prügelnde Männer haben liebenswürdige Seiten.» Bis Frauen emotional zu einer Veränderung bereit seien und diese später auch aushielten, brauche es Zeit.

Durchschnittlich 25 Tage im Frauenhaus

«Das kommt aber häufig zu kurz», moniert Peter. «Dazu fehlt das Geld.» Die ersten 21 Tage im Frauenhaus bezahlt der Kanton. Danach werden die Gemeinden der Betroffenen zur Kasse gebeten. «Diese bezahlen immer weniger», so Peter. Die meisten Frauen halten sich durchschnittlich 25 Tage im Frauenhaus auf. «Um nachhaltig zu arbeiten, ist das zu wenig», sagt Peter.

Sie weist darauf hin, dass deswegen viele Opfer mehrmals ins Frauenhaus zurückkehrten. «Letztlich kostet das viel mehr als ein längerer Aufenthalt von Beginn weg.» Zudem erwähnt Peter den schlechten Zustand der Opfer und deren Kinder: «Diejenigen, die zu uns kommen, sind meistens in einer sehr schlechten psychischen Verfassung. In einer solchen Situation haben Männer nichts verloren.»

Susan A. Peter ist nicht nur Geschäftsleiterin der Stiftung Zürcher Frauenhaus. Sie ist auch Vorstandsmitglied der Dachorganisation der Schweizer Frauenhäuser. «Derzeit ist die Situation prekär», sagt sie. «Es gibt keine gesamtschweizerische Strategie gegen Gewalt an Frauen. Finanzielle Probleme werden weitergereicht, vom Staat an den Kanton, vom Kanton an die Gemeinde, von der Gemeinde an die Familie.» Dabei hat sich die Lage verschärft. In der Schweiz stirbt durchschnittlich alle 14 Tage eine Frau an häuslicher Gewalt. Die Stadtpolizei Zürich rückt pro Tag durchschnittlich fünfmal deswegen aus. Susan A. Peter: «Es wird weggeschaut. Doch die Politik muss das Problem endlich ernst nehmen.»

Erstellt: 12.11.2014, 11:04 Uhr

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