Diese Architektur hat Manieren

Gute Bauwerke nehmen Rücksicht auf ihre Umgebung. Beim Zürcher Hochschulquartier gelingt dies – und mehr als das.

Ein Visualisierungskonzept zeigt die ersten Gebäude des neuen Hochschulquartiers an der Rämistrasse in Zürich. Video: Stadt Zürich

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Hamburg hat die Elbphilharmonie, Bilbao hat das Guggenheim-Museum, Basel hat immerhin den Roche-Turm und Luzern das KKL. Derweil fehlen in Zürich die herausragenden Architektur-Ikonen. Und das wird bis auf weiteres so bleiben: Auch im Hochschulquartier, der städteplanerisch aktuell interessantesten Baustelle der Schweiz, wird keine Spektakel-Architektur entstehen. Davon zeugen die Entwürfe der Basler Büros Herzog & de Meuron sowie Christ & Gantenbein für die erste und wichtigste Etappe des Grossprojekts, die am Dienstag vorgestellt wurden und nun im Lichthof der Uni Zürich ausgestellt sind.

Zürich bleibt also eine Ikonen-Leerstelle. Auch die Kunsthaus-Erweiterung von David Chipperfield, die derzeit am Heimplatz entsteht, wird kein neues Wahrzeichen der Stadt werden. Ist das zu bedauern? Die Antwort gibt einer, der vor bald hundert Jahren einen Städtebau-Klassiker geschrieben hat – ein Werk über «gute und schlechte Manieren in der Architektur»: Trystan Edwards. Als Brite hat er Stilbewusstsein und Understatement quasi in den Genen. Das spiegelt sich in seiner Überzeugung: Häuser, so hielt Edwards sinngemäss fest, sollten so anständig und empathisch sein wie Menschen. Wer also beim Entwerfen und Bauen ausschere, wer ohne Rücksicht auf die Umgebung, die Leute und den «Common Sense» das Extravagante suche, der zeige schlechte Manieren.

Bilder: Das neue Hochschulquartier

Mit Blick auf Zürichs Ikonen-Absenz heisst das: Die Stadt ist nicht zu bedauern. Im Gegenteil. Dass am Zürichberg kein Renommierpalast entstehen soll, drückt weder fehlenden Mut noch Unvermögen aus – mit der Elbphilharmonie oder dem Roche-Turm haben Herzog & de Meuron bewiesen, dass sie Marken setzen können. Vielmehr zeugen die ausgewählten Projekte von guten Manieren in der hohen Kunst des Städtebaus.

«Dass am Zürichberg kein Renommierpalast entstehen soll, drückt weder fehlenden Mut noch Unvermögen aus.»

Zürichs Zentrum braucht keine Exzentrik – hier muss die Architektur nicht aus dem Rahmen fallen, sondern in den Rahmen passen. Die historische Altstadt mit Sakralbauten und Zunfthäusern, der See und das Alpenpanorama stiften Identität. Die engen Gässchen und Plätzchen zwischen den Häuserreihen vermitteln Geborgenheit. Die Altstadt, an die das Uniquartier angrenzt, ist für viele Einheimische das Sinnbild von Heimat.

Die Architekten haben dieses Umfeld als Auftrag zur Selbstbeschränkung interpretiert. Herzog & de Meuron wollten sich mit dem Forum UZH auf dem Wässerwies-Areal kein Denkmal setzen. Das Projekt steht vielmehr im Dialog zu den alten Denkstätten. Das zeugt vom Vertrauen ins Bestehende. Zwar steht der Denk- und Bildungsplatz Zürich im globalen Wettbewerb – gleichwohl kamen Architekten und Stadtplaner zum Schluss, dass die Stadt deswegen keinen architektonischen «Leuchtturm» braucht, der das Hochschulquartier spektakulär inszeniert. Zürich hat die Kuppeln von Universität und ETH – und damit bereits heute ein starkes Symbol für den Stellenwert, den Bildung und Forschung in dieser Stadt haben.

Anstand ist eine Tugend, Rücksicht ebenfalls – im Leben wie in der Architektur. Doch mit Tugend allein wird Zürich keine erfolgreiche Zukunft erleben. Neben dem Anstand braucht es auch Ambition, neben der Rücksicht auch Weitsicht. Beeindruckend an den beiden ausgewählten Hochschulquartierprojekten ist, dass sie diesen Anspruch einlösen: dass, indem ein erheblicher Teil des Raumprogramms unter den Boden verlegt wird – die geplanten Bauten markant unter den politisch sensiblen Maximalbauhöhen liegen. Dass – indem das Forum UZH weg von der Rämistrasse zurückversetzt wird – ein Platz geschaffen wird, wo eigentlich gar kein Raum dazu vorhanden ist: Das ist Ausdruck von hochklassiger, ambitionierter und intelligenter Baukunst.

Am Zürichberg entsteht Hoffnungsvolles

Der neue Platz an der Rämistrasse zeigt geradezu exemplarisch, was entstehen kann, wenn Rück- und Weitsicht verbunden werden: Die Menschen erhalten Raum und Luft und damit das, was in verdichteten Städten der Inbegriff von Lebensqualität ist. Zudem bekommen in einer Zeit, in der sich die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem verschieben, in der Arbeiten oder Einkaufen jederzeit und überall möglich sind, Plätze und Pärke eine noch wichtigere Rolle. Es sind Orte, die Raum bieten für Begegnungen, Ideen, Erholung.

Auch wenn noch politische und juristische Hürden zu nehmen sind: Am Zürichberg entsteht Hoffnungsvolles. Die Stadt drängt die Zukunftsthemen Bildung, Forschung und Gesundheit nicht an ihre Ränder. Sie investiert im Herzen Zürichs. Zu wünschen ist, dass die Stadt auch bei der Erschliessung des Quartiers gross denkt. Ein paar neue Fuss- und Velowege oder eine Rolltreppe können die Pendlerströme nicht bewältigen. Auch hier ist Weitsicht gefragt. Die Architekten haben ihre Aufgabe so bravourös umgesetzt, weil sie unter dem Boden nach Lösungen gesucht haben. Auch die Verkehrsplaner sollten dort suchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2019, 20:13 Uhr

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