«Diese Männer leben isoliert, frustriert, ohne Perspektive und Wertschätzung»

Thomas Kunz steuert die Unterbringung von Asylsuchenden in Zürich. Er ist mit vielen Ängsten konfrontiert. Die meisten hält er für unberechtigt.

In der Asylunterkunft Juch in Zürich-Altstetten: Ein Asylsuchender aus Tunesien in seinem Zimmer.

In der Asylunterkunft Juch in Zürich-Altstetten: Ein Asylsuchender aus Tunesien in seinem Zimmer. Bild: Dominique Meienberg

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Tag für Tag hört man von Asylbewerbern, die stehlen und mit Messern aufeinander losgehen. Weshalb können sie nicht anständig sein? Sie suchen ja das Glück in der Schweiz.
Sie sprechen die jungen Männer aus Nordafrika an. Die meisten sind 20 bis 30 Jahre alt. Unter ihnen kommt es bei übermässigem Alkoholkonsum gehäuft zu Schlägereien. Ein Teil von ihnen ist kriminell, meistens geht es um Diebstahl. Diese Männer leben in der Schweiz isoliert, frustriert, ohne Perspektive und Wertschätzung. Einige haben nur eine rudimentäre Schulbildung, andere waren in ihrem Heimatland im Gefängnis. Sie kamen nur dank der politischen Umwälzung frei. Dass sie sich hier so aufführen, geht natürlich nicht.

Was machen Sie dagegen?
Wenn in unseren Einrichtungen etwas Aussergewöhnliches passiert, wird mir das von den Leitungsverantwortlichen umgehend gemeldet. In 80 Prozent der Fälle handelt es sich um grobe Schlägereien unter Landsleuten. Das Personal in der betreffenden Unterkunft kann dann das Problem entweder selbst lösen, oder es holt die Unterstützung der Polizei. Viele kriminelle Asylsuchende kommen vom Land in die Stadt, weil hier mehr zu holen ist. Gegen dieses Phänomen erzielen regelmässige eigene und auch polizeiliche Kontrollen eine gewisse Wirkung.

Wenn sie in der Stadt schneller kriminell werden, wäre dann eine Unterbringung in den Bergen besser, wie es die FDP vorgeschlagen hat?
Hier muss man genau hinsehen: Die weitaus meisten Asylsuchenden sind nicht kriminell. Bei ihnen – insbesondere bei den vorläufig Aufgenommenen und bei den anerkannten Flüchtlingen – geht es um die Integration. Selbstverständlich behindert es die Integration, abgesondert vom Rest der Bevölkerung in Kollektivunterkünften zu leben. Verhält sich jemand kriminell, muss er von der Justiz gleich behandelt werden wie alle anderen. Dann gehört er je nach Delikt nicht in ein Internierungslager, sondern hinter Gitter.

Trotzdem gibt es Gemeinden wie Birmensdorf, die explizit keine Nordafrikaner mehr einquartieren wollen. Haben Sie auch so etwas wie Wunschasylanten?
Nein. Wir fragen: Was haben wir für Unterkunftsmöglichkeiten? Sind gerade in einer Zivilschutzanlage Plätze frei, eignen sich diese sicher nicht für Familien mit Kindern. Dort platzieren wir Einzelpersonen. Wir achten auf einen guten Mix bezüglich Alter, Geschlecht und Herkunft, der auch die zur Verfügung stehenden Wohnformen berücksichtigt.

Wo auch immer Sie neue Unterkünfte finden, kommt ein Aufschrei aus der Bevölkerung. Wie jüngst in Seebach, wo Quartierbewohner monierten, nicht frühzeitig über das geplante Asylheim im Zihlacker informiert worden zu sein.
Zuerst zum Regelfall: Die meisten Asylsuchenden in der Stadt Zürich wohnen in gewöhnlichen Zimmern und Wohnungen. In diesen Liegenschaften haben wir nur wenig Probleme. Eine andere Geschichte sind grössere Unterkünfte mit hundert oder mehr Bewohnern. Hier informieren wir der guten Ordnung halber die Bevölkerung im Voraus. Diese Informationen sollen dazu beitragen, die Nutzung oder den Bau einer Liegenschaft gut über die Bühne zu bringen. Natürlich wollen wir eine Nachbarschaft nicht unnötig aufschrecken und einen Wirbel für nichts provozieren, wenn wir eine neue Unterkunft planen und noch gar nicht wissen, ob das Vorhaben realisiert werden kann. Wir informieren erst dann, wenn die nötigen Abklärungen gemacht sind und der Eröffnung einer Unterkunft formal nichts mehr im Wege steht.

So oder so: In der Bevölkerung geht die Angst um, wenn in ihrem Quartier Asylsuchende einziehen.
Ich nehme diese Ängste sehr ernst. Ernst, indem wir mit den Leuten in Kontakt treten. Ob die Ängste berechtigt sind, ist eine andere Frage. Da habe ich den Eindruck, dass sich die Bilder im Kopf der Leute nicht mit der Wirklichkeit decken. Zwischen Vorstellung und Realität klafft eine grosse Lücke. Es ist schlicht nicht so, dass jeder Asylbewerber Frauen attackiert oder als Taschendieb unterwegs ist.

Bürgerliche Politiker werfen Ihnen vor, Sie seien ein Schönredner.
Ich bin kein Gutmensch, meine Realität ist nicht geschönt. Natürlich gibt es Asylsuchende, die kriminell sind, sogar solche, die als Kriminaltouristen kommen und sich als Asylsuchende tarnen. Aber im Umfeld von Asylunterkünften gibt es keine erhöhte Kriminalität. Für Leute, die an der Realität wirklich interessiert sind, organisiert unsere Organisation gern unangemeldete Besuche vor Ort zu beliebigen Tages- und Nachtzeiten. Im Übrigen scheinen gewisse Kreise nicht akzeptieren zu wollen, dass Bund, Kantone und Gemeinden im Asylwesen gesetzliche Vorgaben erfüllen – Vorgaben, die an der Urne so entschieden wurden.

Wieso sind die Asylbewerber derart in Verruf geraten?
Hier spielt der gleiche Mechanismus, den wir von der Debatte um die IV- und Sozialhilfebetrüger kennen. Die grosse Mehrheit der Asylsuchenden verhält sich korrekt. Nur eine kleine Minderheit tut dies nicht. Und dann wird nur über die Fehlbaren gesprochen.

Die Sozialdetektive sind heute politisch breit akzeptiert und arbeiten erfolgreich. Die Asyldebatte jedoch tritt an Ort.
Sie ist sogar insgesamt viel mühsamer geworden. Punktuelle Fortschritte sehe ich nur bei der besseren Integration der vorläufig Aufgenommenen, die unter Bundesrat Christoph Blocher ihren Anfang genommen hat, und beim allgemein anerkannten Grundsatz einer notwendigen Verfahrensbeschleunigung.

Ist Zürich asylfeindlicher geworden?
Nicht Zürich im Speziellen. Auffallend sind die Zahlen: Als ich mich 1999 als Direktor der Asyl Organisation Zürich bewarb, stellten in der Schweiz über 47'000 Personen ein Asylgesuch. Heute sind es nur rund halb so viele.

Wie erklären Sie sich dann die giftigere Stimmung?
Damals war Krieg in Kosovo, quasi vor unserer Haustür. Dass Leute zu uns kommen, die verfolgt werden und Schutz brauchen – diese Wahrnehmung war in der Schweiz ausgeprägter als heute. Seit zwei, drei Jahren stelle ich mit Besorgnis fest: Es schwindet die Akzeptanz dafür, dass Asylsuchende in Wohngebieten untergebracht werden. Ich habe eine andere Meinung. Man soll Menschen dort wohnen lassen, wo gewohnt wird.

Ist in der Bevölkerung eine Radikalisierung im Gang?
Ich weiss es nicht. An der Zahl der Asylsuchenden kann es jedenfalls nicht liegen.

Welche Rolle spielt die Zuwanderung? Trägt sie zur Skepsis gegenüber Asylbewerbern bei?
Es findet eine problematische Vermischung statt. Der Unmut richtet sich gegen Ausländer generell. Ein Teil der Bevölkerung kann oder will nicht mehr unterscheiden zwischen Ausländern und Asylbewerbern. Deshalb geraten Asylbewerber völlig überproportional in die Schlagzeilen – eine klassische Stellvertreterdiskussion. Ich erhalte immer wieder Rückmeldungen von Leuten, die sich über angeblich kriminelle Asylsuchende beschweren, beispielsweise weil sie gesehen haben, wie ein Mann durch ein Fenster in eine Wohnung gestiegen ist. Wenn ich dann diese Leute frage, woher sie wissen, dass es ein Asylsuchender war, heisst es meist: Wir können das nicht beweisen, aber er sah so aus wie einer.

Warum ist es im rot-grünen Zürich nicht möglich, die Asyldebatte zu versachlichen?
Immerhin wird die Diskussion in der Stadt Zürich weniger vergiftet geführt als anderswo. Es gibt auch keinen Grund für Polemik. Wir bringen derzeit knapp 1800 Asylsuchende unter, viele davon in Wohnungen. Der Normalfall ist, dass davon niemand etwas bemerkt und auch nichts vorfällt. So wie jetzt im Personalhaus Triemli, wo rund 80 Asylsuchende untergebracht sind. Im Atlantis zum Beispiel gibt es heute mehr Klagen wegen Lärms von Studenten als damals vor zwei Jahren mit Asylsuchenden.

Auffallend ist, dass die grösseren Unterkünfte am Stadtrand liegen. Betroffene Quartiere fühlen sich als «Abfallkübel» Zürichs. Warum gibt es keine Unterkunft etwa beim Paradeplatz oder im Seefeld?
Die Verteilung der Unterkünfte erfolgt nicht nach politischen Überlegungen. Wir müssen die Asylsuchenden dort unterbringen, wo es Platz hat – und bezahlbar ist. Die Mietpreise am Paradeplatz sind schlicht zu hoch. Wir können keine flächendeckende Gerechtigkeit schaffen.

Asylsuchende leben auch in Wohnungen der Stadt. Gleichzeitig gibt es in Zürich kaum mehr bezahlbare Wohnungen für Normalverdienende – ein explosiver Mix?
Die Stadt Zürich besitzt rund 10 000 Wohnungen. Potenzial für Missmut sähe ich nur, wenn die Stadt Mietern kündigen würde, um Asylsuchende zu platzieren. Das ist aber nicht der Fall. Asylsuchende kommen in Wohnungen, die leer stehen. Sie sind die klassischen Zwischennutzer.

Nebst Wohnungen und Unterkünften gibt es eine weitere Option: Hotels. Wurden schon Asylsuchende darin untergebracht?
Ja, aber nur in absoluten Ausnahmefällen, denn das ist viel zu teuer. Wir haben auch schon leer stehende ehemalige Hotels gemietet, etwa das Atlantis. Im Grundsatz gilt: Für Asylunterkünfte kommen Hotels höchstens infrage, wenn sie vor dem Abbruch oder dem Umbau stehen und daher eine Zwischennutzung möglich ist.

Das ist Ihr Glück.
Heute besteht eine starke Tendenz, dass jeder Wohnraum vermietet wird, bis der Bagger kommt und eine Grossüberbauung errichtet wird. Davon profitieren wir zuweilen. Wir erhalten sogar Anfragen von Spekulanten, die eine Villa am Zürichberg gekauft haben und dort später Eigentumswohnungen erstellen. Sie verlangen aber Wucherzinsen. Da können wir nicht mitmachen.

Und doch sind Sie dringend auf Wohnraum angewiesen.
Ja, wir sind permanent auf der Suche. Wir müssen ja nicht nur neue Asylbewerberinnen und -bewerber platzieren. Zwischennutzungen haben den Nachteil, dass ständig Verträge auslaufen. Im Triemli etwa können wir nur ein Jahr bleiben, in Leutschenbach müssen wir in wenigen Jahren weg. Auch diese Personen müssen dann wieder ein Dach über dem Kopf haben.

Wie gross ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Kanton den Verteilschlüssel heraufsetzt?
Während des Kosovokriegs mussten die Gemeinden Asylsuchende im Umfang von 1,1 Prozent ihrer Bevölkerung aufnehmen. Heute sind es 0,5 Prozent. So, wie es jetzt läuft, sollten wir durchkommen. 90 Personen müssen wir dieses Jahr noch aufnehmen, dann ist das aktuelle Soll erfüllt.

Sobald der Regierungsrat den Schlüssel erhöht, müsste die Stadt vermehrt eigene Wohnungen zur Verfügung stellen. Richtig?
Das lässt sich nicht 1:1 so sagen. Aber es ist sicher so, dass die Stadt Zürich den Gesetzesauftrag ernst nimmt und die zugewiesenen Asylsuchenden aufnimmt und versorgt.

Ist mitunter dieses Pflichtbewusstsein ein Grund dafür, weshalb die Schweiz als attraktives Asylland gilt?
Sämtliche Verschärfungen im Asylrecht haben bislang keine abschreckende Wirkung entfaltet. Es würde auch nichts bringen, den Asylsuchenden statt Sozialhilfe künftig nur noch Nothilfe, also nur noch 8 statt 12 Franken pro Tag, zu gewähren. Viele Flüchtlinge setzen ihr Leben aufs Spiel, wenn sie versuchen, auf einem überfüllten Fischerboot übers Mittelmeer zu kommen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie dies nicht mehr täten, nur weil sie in der Schweiz ein bisschen weniger Taggeld erhielten.

Was schlagen Sie vor?
Wir müssen die Asylverfahren beschleunigen – hier liegt ein wichtiger, politisch akzeptierter Schlüssel zur Lösung des Problems. Sinnvoll ist auch der Vorschlag des Bundes, die sogenannten Dublin-Fälle nicht mehr auf die Kantone zu verteilen, sondern in Bundeszentren unterzubringen.

Sie mühen sich seit zwölf Jahren in Ihrem Amt ab. Wann werfen Sie den Bettel hin?
(Lacht) Ich habe es nicht vor. Ich muss mich auch nicht abmühen, auch wenn es unangenehme Momente gibt, wie die Informationsveranstaltung in Seebach von vorletzter Woche zeigte, als ich von den Zuhörern ausgebuht wurde. Meine Arbeit gefällt mir, nicht zuletzt, weil sie auch schöne Erlebnisse bereithält. Es macht mir zum Beispiel Freude zu sehen, wie viele erfolgreiche berufliche Laufbahnen Kinder von Flüchtlingen in Zürich machen.

Erstellt: 12.06.2012, 07:32 Uhr

Thomas Kunz
Der promovierte Sozialpädagoge leitet die Asyl Organisation Zürich (AOZ), eine selbstständige öffentlich-rechtliche Anstalt der Stadt. (Bild: PD)

Asylsuchende in Zürich

Derzeit sind 1800 Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene in der Stadt Zürich untergebracht, das sind 300 Personen mehr als vor einem Jahr. Fast jede Woche weist die Platzierungsstelle des kantonalen Sozialamtes der Stadt weitere Asylsuchende zu. Analysiert man den heutigen Bestand der Asylsuchenden in Zürich nach Herkunftsnationen, steht Somalia an der Spitze, gefolgt von Sri Lanka, Eritrea und dem Irak.

Wie alle anderen Gemeinden im Kanton ist die Stadt verpflichtet, sozialhilfeabhängige Asylsuchende und vorläufig Aufgenommene unterzubringen. Gemäss Beschluss der Sicherheitsdirektion liegt die Aufnahmequote zurzeit bei 0,5 Prozent der Wohnbevölkerung, dies entspricht für Zürich insgesamt 1880 Personen. Bis die kantonale Vorgabe erreicht ist, können der Stadt noch 80 Asylbewerber zugeteilt werden. Weil die Zürcher Bevölkerung weiter wächst, erhöht sich auch das Kontingent von Jahr zu Jahr. Ändern kann sich die kommunale Aufnahmequote auch aus einem anderen Grund: Würde die Zahl der Asylgesuche weiter stark ansteigen, müsste der Kanton die Quote heraufsetzen. Sie war früher schon einmal doppelt so hoch: Zur Zeit des Kosovokriegs Ende der 90er-Jahre betrug sie 1,1 Prozent. (sit/sth)

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