Analyse

Dieser Platz hat mehr verdient

Am 23. September geht es bei der Vorlage zum Sechseläutenplatz nicht um Verkehrspolitik. Sondern darum, dem vielleicht bedeutendsten Ort Zürichs wieder Leben einzuhauchen.

Schlechte Visitenkarte für Zürich: Der Sechseläutenplatz im momentanen Zustand.

Schlechte Visitenkarte für Zürich: Der Sechseläutenplatz im momentanen Zustand. Bild: Nicola Pitaro

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Der Sechseläutenplatz, wie er sich heute präsentiert, erinnert an eine osteuropäische Metropole nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Da steht seit Monaten ein modernes Café inmitten einer öden Brache. Man könnte meinen, dass der Stadt auf halbem Weg das Geld ausgegangen sei. Zwar behagt niemandem das Unfertige, doch streiten sich alle darüber, wie der vor Jahrzehnten angestossene Aufwertungsprozess enden soll. Übernächsten Sonntag stimmen wir darüber ab.

Was zur Debatte steht, ist nicht ganz klar. Das Reizwort heisst Spurabbau. Die Stadt sagt: problemlos ohne Stau machbar und sowieso nicht Gegenstand des Urnengangs. Die Gegner beschwören Verkehrschaostheorien.

Klar ist hingegen, was auf dem Spiel steht: die überfällige Beseitigung des unbefriedigenden Status quo zwischen Bellevue und Opernhaus. Die Stadt möchte rund 17 Millionen Franken in die Neugestaltung des «grössten innerstädtischen Platzes der Schweiz» investieren. Als Belag ist Valser Quarzit vorgesehen, ein Naturstein, der sich auf dem Berner Bundesplatz bewährt hat. Auf gekiesten Inseln will man insgesamt 51 Tulpenbäume und Roteichen pflanzen, es soll ein Wasserspiel geben und zahlreiche Leuchten, die auch in der Nacht zum Verweilen einladen.

Die Gegner sind sich uneinig

Die Gegner der Vorlage setzen sich aus jenen Parteien zusammen, die im Gemeinderat das Behördenreferendum ergriffen haben: SVP, FDP, SD. Ihre Argumente unterscheiden sich jedoch ziemlich stark. Der SVP sind die Kosten für die Neugestaltung zu hoch. Viel lieber wäre ihr eine einfache Wiese mit ein paar Stauden und Stühlen drauf.

Der FDP wiederum gefällt der geplante Platz, sie stört sich aber an den 300 Quadratmetern, die das Utoquai überlappen. Ausgerechnet dort, wo sich heute eine zweite Abbiegespur in die Schoeckstrasse befindet. Reflexartig warnte sie vor einem Verkehrskollaps im Seefeld. In letzter Zeit war dann nur noch von einem «verkehrspolitischen Blindflug» die Rede. Für Sciencefiction halten die Bürgerlichen einen Film von Tiefbauvorsteherin Ruth Genner (Grüne), welcher die bescheidene Nutzung der angezählten Abbiegespur zur Stosszeit zum Thema hat. 1050 Autos biegen darin in einer Spitzenstunde auf die Quaibrücke ein, jedoch nur 350 in die Schoeckstrasse.

Die Weichen sind gestellt

«Alles getürkt», monierte FDP-Präsident Michael Baumer. Der Ursprung des befürchteten Übels sei sowieso weiter hinten im Seefeld zu suchen. Dort, wo eine Lichtsignalanlage die Verkehrsmenge vor der Quaibrücke dosiert. Man wisse ausserdem nicht, wie sich das Verkehrsaufkommen in den nächsten Jahren entwickeln werde. Das mag wohl stimmen. Was wir aber wissen, ist, wohin die Reise gehen soll: Richtung 2000-Watt-Gesellschaft. Und weil mehr Autos einer solchen zuwiderlaufen, sagte eine Mehrheit der stimmberechtigten Zürcherinnen und Zürcher ebenfalls Ja zur Städteinitiative, die eine markante Abnahme des motorisierten Individualverkehrs fordert. Weshalb es angesichts dieser Weichenstellung in Zukunft eine Strasse brauchen sollte, die bereits heute überflüssig ist, bleibt ein Rätsel.

Schliesslich die Schweizer Demokraten. Sie möchten alles so belassen, wie es ist. Man weiss ja nie, wann so ein Acker wieder von Nutzen sein könnte (letztmals während der Anbauschlacht, 1940). Zürich müsse sich nicht mit Europa oder der Welt messen. Es sei klein, fein – und es solle so bleiben.

So spiessig wie die Angst der Gegner vor dem grösseren Wurf ist der peinliche Vergleich der Befürworter mit dem Markusplatz in Venedig, den man zu übertrumpfen hofft. Es braucht weder falsche Bescheidenheit noch Grössenwahn. Der Sechseläutenplatz sollte schlicht seinem urbanen Potenzial entsprechend genutzt werden können.

Schluss mit Mondlandschaft

75'000 Fahrgäste steigen jeden Tag am Bellevue ein und aus. Nochmals fast so viele sind es beim Bahnhof Stadelhofen. Tausende arbeiten in der Gegend, gehen einkaufen oder nur eine Bratwurst essen. Viele Touristen beginnen hier mit dem Sightseeing. Insgesamt sind es 200'000 Menschen, die heute täglich der vielleicht prominentesten Brache der Schweiz entlangflanieren. Die Visitenkarte von Zürich ist eine mit Baumaterial verstellte und von Pfützen beherrschte Mondlandschaft.

Es gibt keine andere freie Fläche in Zürich, in die es sich mehr lohnt zu investieren. Weil am Ende alle profitieren. Auch die Velofahrer, deren Situation sich dank dem Weg rund um den Sechseläutenplatz endlich drastisch verbessern würde.

Was schon vor über 20 Jahren angedacht wurde, steht kurz vor der Vollendung: die Aufwertung eines für Zürich historisch und städteplanerisch bedeutenden Ortes. Bereits sichtbar ist das Café. Es wäre unverständlich, wenn dieser überfällige Prozess nun via Urnenentscheid auf halbem Weg gestoppt würde.

Erstellt: 14.09.2012, 10:52 Uhr

Alt-Stadträtin Kathrin Martelli (FDP) ist Mitglied der Komitees «Ja zum Sechseläutenplatz» (Bild: Keystone )

«Der Sechseläutenplatz liegt mir wirklich am Herzen»

Mit Kathrin Martelli sprach Peter Aeschlimann

Weshalb machen Sie sich für den neuen Sechseläutenplatz stark?
Es leben immer mehr Menschen in Zürich. Deshalb sind unverstellte Erholungsräume so wichtig.

Ihre Partei befürchtet mehr Stau.
So was kann man leicht behaupten. Kanton und Stadt haben die Situation seriös abgeklärt und kamen zu einem anderen Schluss: Der Spurabbau verursacht keine grösseren Probleme. Als Seefelderin wäre ich ja direkt davon betroffen.

An der Delegiertenversammlung haben die FDP-Mitglieder geschlossen Nein gestimmt. Hat man Sie zurückgepfiffen?
Nein, ich wurde nicht kontaktiert. Ich habe in der Zeitung gelesen, was man von meinem Engagement hält. Das ändert aber nichts an meiner Haltung. Meinungsverschiedenheiten kommen in den besten Parteien vor. Ausserdem haben die Zürcherinnen und Zürcher bereits überdeutlich Ja gesagt zum Gestaltungsplan, auch viele Freisinnige waren dafür.

Also haben Sie nicht vor, aus der FDP auszutreten?
Nein.

Werden Sie sich auch künftig in die Zürcher Lokalpolitik einmischen?
Ich bin sehr zurückhaltend. Aber diese Sache liegt mir wirklich am Herzen. Falls dies bei einem künftigen Projekt erneut so sein wird, werde ich meine Meinung wieder kundtun. Vielleicht läge ich dann sogar auf Parteilinie.

Wie lautet Ihre Meinung zum Kongresszentrum?
Ich bin immer noch traurig, dass nicht am See gebaut wurde. Der Standort Geroldareal scheint mir aber ebenfalls geeignet.

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