«Dieses Plakat überschritt die Grenze des Tolerierbaren»

Vor 28 Jahren verbot Stadtrat Hans Frick das Werbeplakat einer Jeansmarke. Es kam zu einem Skandal. Die Protagonisten erinnern sich.

Das Plakat des Anstosses und die versöhnten Gegner: Peter Marti (links) und Hans Frick.

Reto Oeschger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Im Februar 1982 sorgte ein Plakat mit einem nackten Hintern in Zürich für rote Köpfe. Hans Frick (LDU), der damalige Polizeichef, verbot den Aushang des Po-Plakats – ein einmaliger Vorgang. Auf dem kürzlich erschienenen Buch «So nicht!» über umstrittene Schweizer Plakate ist das bekannte Sujet auf dem Einband zu sehen. Erstmals haben sich die drei Hauptprotagonisten von damals – Werber Peter Marti, Polizeichef Hans Frick und das Model Sabine Frei (Name geändert) – getroffen.

Herr Marti, Sie haben nach vielen Jahren wieder Ihr bekanntes Plakat in den Händen gehalten. Was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?
Marti: Die Aufnahme finde ich nach wie vor sehr ästhetisch. Sie ist ein Teil meiner Werbekarriere. Das Plakat würde heute allerdings keinen Wirbel mehr veranstalten.

Frick: Falls es vor 28 Jahren überhaupt einen Wirbel gab, die Reaktionen waren lau.

Marti: Ich habe das anders empfunden. Die Boulevardmedien brachten die Geschichte mehrmals gross auf der Front. Das Plakat katapultierte mich auch als Person an die Öffentlichkeit. Deshalb erlebte ich alles intensiver als Herr Frick. Für ihn war das vermutlich Tagesgeschäft.

Tagesgeschäft war es offenbar nicht. Die Gewerbepolizei, die alle Plakate bewilligen musste, beanstandete praktisch nie ein Plakat.
Frick: Das ist richtig. Die Plakate mussten eigentlich nur aus gewerbepolizeilichen Gründen vorgelegt werden, damit sie etwa die geltenden Ausverkaufsbestimmungen einhielten. Die Gewerbepolizei wollte aber in dieser Sache kein Urteil fällen.

Was geschah am entscheidenden Tag, dem 4. Februar 1982?
Frick: Der damalige Chef der Gewerbepolizei war gerade auf dem Absprung in die Ferien. Ihm war der Entscheid zu heiss, und deshalb rief er mich an. Wir schauten uns das Plakat an und fanden, es überschreite die Grenze des Tolerierbaren. Deshalb verboten wir den Aushang.

Wie lange dauerte diese Diskussion?
Frick: Das weiss ich nicht mehr genau. Wir haben auf jeden Fall nicht tagelang überlegt. Am Ende habe ich allein bestimmt.

Haben Sie Ihre Frau um Rat gefragt?
Frick: Nein. Es ging bei dem Entscheid aber auch um die Würde der Frau. Das hat die Diskussion beeinflusst.

Frau Frei, Sie waren damals 22 Jahre alt, studierten Nationalökonomie und modelten nebenbei. Haben Ihre Kommilitonen gewusst, wer auf dem Plakat seine Rückseite zeigt?
Frei: Die meisten. Ich erhielt mehrheitlich positive Reaktionen und hörte keine faulen Sprüche. Mir gefällt das Bild heute noch gut. Damals wäre es mir nie in den Sinn gekommen, dass es Anstoss erregen könnte. In den vergangenen 28 Jahren hat ein grosser Wandel stattgefunden. Heute wäre ein solches Verbot undenkbar.

Was empfinden Sie heute beim Anblick des Bildes?
Frei: Ein wenig Nostalgie. Es ist ja auch mein Hintern auf dem Plakat, das gibt mir schon ein spezielles Gefühl.

Mussten Sie nach diesem Auftritt keine aufdringlichen Stalker abwimmeln?
Frei: Nein. Die Männer haben sich anständig verhalten.

Offiziell hiess es, das Plakat gefährde die Verkehrssicherheit und sei unsittlich.
Frick: Das sind natürlich schwammige Begriffe in der Gemeindeordnung. Wir haben sie zulasten des Werbers interpretiert.

Marti: In jedem Kunstmuseum hängen wunderbare Aktbilder von Malern und Fotografen. Ich kann deshalb nicht verstehen, wo wir die Würde der Frau verletzt haben sollten.

Frick: Die Leute gehen in die Museen, um Kunst zu geniessen ...

Marti: Herr Frick, unser Plakat war auch Kunst. Es ziert jetzt sogar den Umschlag eines Buches.

Herr Marti, wie haben Sie auf das Verbot reagiert?
Marti: Die Plakatgesellschaft hat uns darüber informiert. Mit dem Verbot hatte mir die Stadt auch einen Steilpass zugespielt. Wir entwarfen ein neues Plakat mit einer weissen Lücke, ohne das verbotene Sujet. Praktisch gleichzeitig kamen die Medien auf uns zu.

Waren Sie wegen des Verbots böse auf Polizeivorstand Hans Frick?
Marti: Ja, im ersten Moment. Später sah ich dieses Verbot als Chance, mehr daraus zu machen. Man muss einfach flexibel sein. Die empörten Kommentare in der Presse, in jedem «Playboy» am Kiosk sehe man mehr nackte Haut, halfen mir entsprechend.

Herr Frick, sind Sie prüde?
Frick: Ich habe meine moralischen Prinzipien. In dieser Zeit verbot ich auch den Stüzli-Sex, wo Frauen ausgenützt wurden.

Das Plakat war mit Ausnahme der Kantone Graubünden und Basel- Stadt in allen Kantonen verboten. Hat Sie dies in Ihrem Entscheid bestärkt?
Frick: Ich war überzeugt, den richtigen Entscheid getroffen zu haben. Was die anderen machten, interessierte mich nicht.

Marti: Es war aber heikel, einen solchen moralischen Entscheid zu fällen.

Frick: Ja, das war es schon. Präzedenzfälle gab es damals nicht. Über 99 Prozent der Plakate gingen bei uns anstandslos durch.

Es stand offenbar auch zur Diskussion, die Hände zu überkleben.
Marti: Ja, das musste innerhalb von 24 Stunden geschehen. Wir klebten einen Streifen mit der Aufschrift «zensuriert» auf die Plakate.

Frau Frei, wie kamen Sie zu diesem Modeljob, und wie ist das Foto entstanden?
Frei: Es gab ein Po-Casting. Ich war bei einer Modelagentur eingeschrieben. Während der Aufnahmen musste ich einen Tag auf Telefonbüchern stehen, weil der Fotograf Aufnahmen von der Bodenperspektive aus machen wollte.

Wussten Sie eigentlich, dass Sie für eine Hosenwerbung ohne Hosen vor die Kamera stehen?
Frei: Ja, ich hatte vom geplanten Plakat eine Zeichnung gesehen.

Wer war der Mann mit den manikürten Fingern?
Marti: Das weiss ich nicht mehr genau, ich glaube ein Handmodel.

Herr Marti, hat Ihnen das Plakat beruflich geholfen oder geschadet?
Marti: Jede gute Werbekampagne hilft der Werbeagentur. Durch den Medienrummel wurde sie richtig bekannt, was auch für die Jeansmarke Rifle galt, die damals nur wenigen ein Begriff war. Der Importeur geschäftete wegen des guten Produkts und natürlich auch wegen der Plakatkampagne sehr erfolgreich und verkaufte im Schweizer Markt mehr Jeans als etablierte Weltmarken. Wir machten auch ein modisches Statement. Wir können Jeans verkaufen, ohne sie zu zeigen.

In der Branche erhielten Sie den Übernamen Füdli-Marti. Haben sich Auftraggeber abgewandt?
Marti: Der Begriff Füdli-Marti klingt nicht sehr schmeichelhaft. Ich bin aber wegen dieser Geschichte zum Werber des Jahres ausgezeichnet worden. Wir haben in unserer neu gegründeten Agentur keinen Kunden verloren. Im Gegenteil, wir konnten wachsen. Sechs Jahre später habe ich mit über 100 Angestellten mit einer internationalen Agentur fusioniert.

Frau Frei, haben Sie als Model auch einen Übernamen erhalten?
Frei: Ja, aber einen charmanteren. Freunde aus dem Bündnerland gaben mir den Namen Madame du Po.

Wer hat sich damals besonders über das Plakat aufgeregt?
Marti: Ich erhielt erboste Briefe von Frauenorganisationen, aber auch von konservativen Männern. Herr Frick, Sie gehörten dem LDU an, einer als liberal geltenden Partei. Ich kann auch aus diesem Grund Ihren damaligen Entscheid nicht verstehen.

Frick: Das war ein persönlicher und kein parteipolitischer Entscheid. Viele in meiner Partei waren sicher nicht einverstanden mit mir. Aber in der Politik darf man nicht immer auf die Mehrheiten schielen. Ich wusste natürlich schon, was ich damit auslöste. So ein Verbot polarisiert.

Warum hat gerade dieses Plakat für solche Emotionen gesorgt?
Marti: Vor allem die Männerhände haben die Diskussionen ausgelöst. Viele Kritiker sahen darin grapschende Hände. Wir sahen einfach einen Mann, der seine Frau umarmt, die keine Jeans trägt. Fertig. Das war eine sinnliche Aufnahme und keine Grapsch-Geschichte.

Herr Frick, hat Ihnen das Plakat gefallen?
Frick: Ästhetisch konnte ich nichts dagegen sagen.

Marti: Das haben wir doch wunderbar fotografiert und das Bild schön bearbeitet.

Hat Sie das Verbot überrascht, oder haben Sie bewusst provoziert?
Marti: Ich empfand das Plakat nicht als Provokation. Natürlich ging man damals mit dem Thema Erotik in der Öffentlichkeit noch zurückhaltender um. Auf der Originalvorlage ist der Hintern auch nicht ganz so nah zu sehen wie nachher auf dem Plakat. Das Bild wurde auch im Quer- und nicht im Hochformat aufgenommen. Als Gestalter nahm ich mir die Freiheit und holte das Sujet näher ran. Auf diese Weise wirkte es dramatischer.

Wie hat Ihr Vater, der Schriftsteller und Pfarrer Kurt Marti, auf die Kampagne reagiert?
Marti: Ich bin in einem sehr liberalen Haus aufgewachsen. Wir haben keine streng religiöse, sondern eine philosophische Erziehung genossen. Soviel ich mich erinnern mag, hat das Plakat auch meinen Eltern gefallen. Allerdings habe ich ganz böse Briefe und sogar Morddrohungen erhalten. Unbekannte haben die Fassade unserer Agentur mit Farbbeuteln verschmiert. Diese vehemente Kritik kam aus ultrakonservativen Kreisen. Das war alles andere als lustig.

Frick: Von den Belästigungen habe ich nichts gewusst. Das war bestimmt sehr unangenehm und nicht unsere Absicht.

Herr Marti, hängt das Plakat in Ihrer Wohnung?
Marti: Ich habe kein einziges Exemplar mehr. Die verbliebenen Exemplare wurden vor Jahren bei einem Umzug entsorgt. Das ist wirklich schade, wenn ich sehe, zu welchen Preisen sie heute gehandelt werden. Einzig die Originaldruckvorlage ist mir geblieben.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.04.2010, 21:08 Uhr

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Umstrittene Staatsoberhäupter: Bewohner von Pyongyang verneigen sich zu Ehren des siebten Todestags des nordkoreanischen Dikdators Kim Il Sung vor seiner Statue und deren seines Nachfolgers Kim Jong Il. (17. Dezember 2018)
(Bild: KIM Won Jin) Mehr...