Dolder Grand läuft noch nicht rund

Das renovierte Zürcher Luxushotel The Dolder Grand empfängt seit sechs Monaten Gäste. Den hohen Ansprüchen wird es bislang nicht gerecht.

Exklusiv und edel: Die Empfangshalle des Hotels Dolder Grand.

Exklusiv und edel: Die Empfangshalle des Hotels Dolder Grand. Bild: Keystone

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Jörg Arnold ist Präsident des Zürcher Hotelier-Verbands. Wenn man ihn fragt, wie es seiner Meinung nach ums Dolder Grand bestellt sei, sagt er, dieses habe den Anspruch noch nicht eingelöst, zu den zehn besten Hotels der Welt zu gehören. Da stehe «sicherlich noch viel Arbeit an». Insbesondere seien «enorme Anstrengungen gegen innen notwendig, damit das Haus eine Seele erhält». Guglielmo Brentel ist Präsident des nationalen Verbands Hotelleriesuisse. Er sagt, ein Hotel zu führen bedeute nicht nur, ein Gebäude zu managen: «Ein Hotel braucht eine Seele.» Daran müsse das Dolder noch arbeiten, «und das braucht Zeit». Zwei Fachleute, eine Meinung. Wir wollten uns selber ein Bild machen, wie es um die Seele des Dolders steht.

Samstag, 27. September, 16.15 Uhr: Wir fahren vor, übergeben einem Angestellten die Wagenschlüssel und checken ein. Es sind kaum andere Gäste zu sehen; wir werden herzlich begrüsst. Ein junger Basler in dezenter Dolder-Uniform zeigt uns den Wellnessbereich (Spa) und dann die Nr. 2311, das preiswerteste Doppelzimmer für 850 Franken, exklusive Frühstück (56 Franken).

Teurer als alle andern

Wir wissen, dass wir im teuersten Haus auf dem Platz Zürich abgestiegen sind. Die andern Spitzenhotels bieten Doppelzimmer für 700 Franken an (Splügenschloss), 720 Franken (Widder), 730 Franken (Park Hyatt), 780 Franken (Savoy Baur en Ville) und 820 Franken (Baur au Lac). Dafür hoffen wir auf perfekte Dienstleistungen, angenehme Atmosphäre und eine gewisse Grosszügigkeit.

Zuerst wollen wir ins Spa, um ein wenig zu baden, zu faulenzen und den Sonnenuntergang im Sprudelbecken mit Blick auf die Stadt zu geniessen. Den vorgewärmten Frotteemänteln, in die wir uns im Zimmer hüllen, liegt ein Zettel bei. Etwas konsterniert lesen wir: «Diesen Bademantel bieten wir Ihnen gerne für die Dauer Ihres Aufenthaltes im Dolder Grand an. Sämtliche Bademäntel in Zimmern und Suiten sind durch einen integrierten Chip gegen Verlust gesichert.»

Im 4000 Quadratmeter grossen Spa halten sich zwischen 17 und 18 Uhr noch vier weitere Gäste auf. Der Shop ist ohne Kunden, ebenso das kleine Café. Dafür ist abends «The Restaurant» mit seinen 65 Plätzen ausgebucht, und dies seit Wochen. Dort kocht der Deutsche Heiko Nieder, der im «Orquivit» in Bonn 17 «Gault Millau»-Punkte hatte. Seine Küche zieht viele Gäste aus der Stadt an.

Rabatt beim Schnaps

Im Garden Restaurant im Untergeschoss dagegen, wo wir essen, bleiben 107 der insgesamt 137 Plätze frei. Weil auf drei Gäste eine Bedienung kommt, ist der Nachschenk-Rhythmus hoch. Das Essen ist gut, nur der Williams zum Espresso hat arge Verspätung. Schliesslich bringt die Serviererin ein Glas, das statt bis zur 2- nicht ganz bis zur 1-Zentiliter-Marke gefüllt ist. Charmant sagt sie, man habe im ganzen Haus gesucht, aber keinen Williams mehr gefunden ausser diesen kleinen Rest. Sie setze deshalb nur den halben Preis auf die Rechnung (wo der Bodensatz mit 8 Franken erscheint).

Im Foyer vor dem Garden Restaurant riecht es nach Teppichshampoo, oben in der Steinhalle und in der Lobby trifft man nach wie vor fast keinen Menschen. Einzig im benachbarten Ballroom geht es lebendig zu und her. Dort feiert der Golfclub Dolder sein hundertjähriges Bestehen.

Um 22.30 Uhr fragen wir die junge Concierge aus Deutschland, ob sie uns (die wir beide über 50 sind) in der Stadt ein Jazzlokal empfehlen könnte. Spontan fällt ihr nichts ein, doch sie googelt, unterstützt von einem englischsprachigen Kollegen. Schliesslich legt sie uns den hippen Klub Saint Germain im Bally-Haus an der Bahnhofstrasse ans Herz, dazu das Kaufleuten und das Moods im Schiffbau, für welches wir uns schliesslich entscheiden. Dort spielen die Game Boys für ein Publikum zwischen 18 und 26, so dass wir uns ein wenig deplatziert vorkommen.

Seelenlos und etwas steril

Das Doppelzimmer hingegen lässt keine Wünsche offen, auch wenn die Bedienung der Hauselektronik anspruchsvoll ist. Das Frühstück nehmen wir um 10 Uhr wiederum im Garden Restaurant ein. Dort sitzen 13 weitere Gäste, verstreut an den Tischen. Es gibt kein Buffet; man wird à la carte bedient. Die hübsch aufgeschnittenen Früchte für (zusätzliche) 17 Franken sind unreif, kommen direkt aus dem Eisschrank und entwickeln entsprechend wenig Aroma. Bei zwei der sechs Mini-Konfitürengläschen ist das Papiersiegel zerrissen und der Inhalt angebrochen. Die Bedienung hat das übersehen.

20 Stunden Aufenthalt im Dolder Grand zeigen: Das Haus hat gewisse Probleme; es wirkt unterkühlt, museal und noch etwas steril, man könnte auch sagen: seelenlos. Dies obwohl die ausschliesslich jungen, gut aussehenden Angestellten äusserst freundlich und zuvorkommend sind. Dass sich ein kritischer Gesamteindruck ergibt, mag mit der bescheidenen Auslastung zu tun haben: mehr Gäste bedeuten in aller Regel auch mehr Leben und Wärme. Aber ist das die ganze Wahrheit?

Hotelier-Präsident Arnold sagt, das Dolder müsse sich nach den grossen Eröffnungsschlagzeilen nun «mit positiven Kundenbewertungen und umfassenden Verkaufsaktivitäten» ins Gespräch bringen. Sein Kollege Brentel hält es für erschwerend, dass das Dolder keiner Kette angehöre und deshalb nicht von Synergien profitieren könne: «Das Management muss sich alles selber erarbeiten, und da zählt die Erfahrung.»

Doch gerade daran fehle es, sagen Branchenkenner. Direktor Thomas Schmid (42) habe noch nie einen vergleichbaren Betrieb geführt, geschweige denn eine Neueröffnung begleitet. Der Financier und Hauptaktionär Urs Schwarzenbach (60), der sich die Renovation des Dolders eine halbe Milliarde Franken hat kosten lassen, sei ebenfalls kein Hotelier. Beide zahlten nun Lehrgeld. Ein Indiz für die internen Schwierigkeiten seien die vielen Personalwechsel bis hinauf ins Kader. Als Beleg für die geschäftliche Unerfahrenheit werten sie die Tatsache, dass The Restaurant montags und dienstags geschlossen bleibt: «So etwas kann sich ein Tophotel gegenüber seinen Gästen nicht erlauben.»

Weit entfernt von den Top Ten

Manche Experten können sich vorstellen, dass sich die Geduld des Besitzers mit dem jungen Direktor allmählich erschöpft. Einer sagt: «Es kratzt am Ego, wenn einer ein Hotel mit so viel Geld erneuert und das Interesse der Kundschaft trotzdem unter den Erwartungen bleibt.»

Anderseits hat das Wirtschaftsmagazin «Bilanz» das Dolder kürzlich zum besten Zürcher Stadthotel erkoren. Weltweit figuriert es allerdings nicht unter den 75 erstklassierten Häusern. Damit ist es vom eigenen Anspruch, unter den Top Ten zu sein, weit entfernt. Eine Lösung wäre die Anbindung an eine internationale Kette. Es sei kein Geheimnis, dass Four Seasons mit seinen weltweit über 80 Luxushotels ein nobles Standbein in Zürich suche, heisst es in der Branche.

Am Sonntag checken wir um 11 Uhr aus. Wir zahlen 1366 Franken - inklusive 35 Franken Parkgebühr für den Wagen.

Wenig Gäste in der Lobby: Im Dolder Grand herrscht zuweilen eine sterile Atmosphäre vor.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.09.2008, 06:50 Uhr

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