Hintergrund

Donnerwetter bei Zürich Tourismus

Neues Logo, neue Geschäftsleitung, fast alle Kaderleute weg: Seit die neue Direktorin Marlis Ackermann Zürich touristisch vermarktet, hagelt es Vorwürfe.

Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Marlis Ackermann, seit Anfang Jahr Direktorin von Zürich Tourismus, baut die Organisation radikal um. Von der Öffentlichkeit unbemerkt, haben sieben von acht langjährigen Geschäftsleitungsmitgliedern Zürich Tourismus verlassen – aus eigenen Stücken, aber auch unfreiwillig. Langjährige Kadermitarbeiter wurden von heute auf morgen fallen gelassen. Ackermann gab ihnen gerade noch ein paar Stunden Zeit, ihr Pult zu räumen. Darunter ist auch die Leiterin Freizeittourismus, die rund zehn Jahre für die Organisation arbeitete. Sie hatte ihre neue Chefin erst wenige Male zu Gesicht bekommen, als sie von dieser ins Büro zitiert wurde. Ackermann eröffnete der Touristikfachfrau, dass ihr Profil nicht mehr in die neue Organisation passe. An den Qualifikationen kann es nicht gelegen haben – die waren gut. Auch den Leiter des Kongressbüros traf der Bannstrahl der neuen Chefin.

Ackermann, die zurzeit in den Ferien weilt, begründet den Exodus schriftlich: Die Abgänge hätten sich nach einer Analyse der Fähigkeiten ergeben. «Daraus resultierten einige Änderungen, um die Organisation zu vereinfachen und die Wirksamkeit zu erhöhen.»

Tagesgeschäfte bleiben liegen

Für Daniel Egloff, Chef von Basel Tourismus, sind die Entscheidungen nur schwer nachvollziehbar: «Ein solch radikaler Schritt macht nur Sinn, wenn wirklich etwas schiefläuft und dringender Handlungsbedarf besteht.» Zürich Tourismus sei aber weit davon entfernt gewesen, die Mitarbeiter hätten einen guten Job gemacht, die Organisation habe funktioniert. Ein anderer Tourismus-experte sagt, dass der Wechsel der Führungsmannschaft in der Branche auf grosses Unverständnis gestossen sei, weil damit auf einen Schlag viel Wissen verloren gehe. Dies bestreitet Ackermann. Die Mehrheit der offenen Stellen sei durch interne Beförderungen besetzt worden. Somit sei «institutionelles Wissen» erhalten geblieben. Ausserdem habe sie dem Nachwuchs eine Chance gegeben, neue Impulse einzubringen.

Offenbar sind wegen der Veränderungen wichtige Aufgaben im Alltagsgeschäft liegen geblieben: Kürzlich besuchte eine Gruppe einflussreicher asiatischer Journalisten die Schweiz und wollte auf ihrer Reise auch die Stadt Zürich kennen lernen. Zürich Tourismus hätte die Gruppe empfangen und herumführen sollen. Doch alle entsprechenden Anfragen im Vorfeld blieben unbeantwortet liegen. Am Ende musste eine Mitarbeiterin von Schweiz Tourismus notfallmässig einspringen und die Journalisten durch die Limmatstadt führen.

Die neue Tourismusdirektorin müsse nicht zwingend über Branchenkenntnisse verfügen, sagte Elmar Ledergerber, Präsident von Zürich Tourismus, letzten Oktober gegenüber der «Hotelrevue». Doch beim Marketingchef seien solche Kenntnisse Pflicht: «Als Marketingchef wollen wir jemanden aus der Branche haben.» Seit Anfang Juli sitzt am zweitwichtigsten Hebel bei Zürich Tourismus jedoch ein weiterer Branchenneuling. Die gebürtige Deutsche Susanne Jungbluth, die seit sieben Jahren in der Schweiz lebt, arbeitete zuletzt bei der Werbeagentur Wirz.

China-Expertin für die Schweiz

Ackermanns Entscheide werfen angesichts ihrer gesteckten Ziele Fragen auf. In Interviews kündigte die Tourismusdirektorin an, einen höheren Anteil in Wachstumsmärkten wie China und Indien erzielen zu wollen. Zürich Tourismus hatte dafür eigens eine Chinesisch sprechende Mitarbeiterin, die das grosse Land bearbeitete. Doch Ackermann hatte andere Pläne mit der China-Expertin – sie musste plötzlich den Schweizer Markt bearbeiten. Die «sehr tüchtige und fachlich hervorragende junge Frau», wie sie ein Tourismusdirektor bezeichnet, verliess darauf die Organisation. Ackermann setzt auch bei den europäischen Kernmärkten andere Akzente: Ein Mitarbeiter, der bisher alleine für Italien zuständig war, deckt nun ganz Westeuropa ab.

Auch Ackermanns Aktivitäten um das kürzlich vorgestellte neue Werbelogo von Stadt und Kanton Zürich kommen bei Branchenkollegen nicht gut an. So will die Tourismusdirektorin TV-Spots auf CNN für Europa und den Mittleren Osten schalten. Das mache überhaupt keinen Sinn, weil die Araber im Frühling reisten, kritisiert ein Insider. Der Zeitpunkt sei falsch gewählt. Ein anderer Touristikfachmann bezeichnet die Pläne, in Swiss-Maschinen im grossen Stil zu werben, als «nicht effizient». Damit erreiche man nur sehr bedingt die Leute, die man gewinnen wolle.

Für Frank Bumann, Ackermanns Vorgänger, ist das neue Zürich-Logo «ein Schnellschuss par excellence». Die Aktion sei nicht zu Ende gedacht, weil für die neue Standortstrategie nach wie vor das Geld fehle. Laut Bumann braucht es dafür jährlich 4 bis 5 Millionen Franken.Er spricht sich dafür aus, dass Stadt und Kanton Zürich die eine, Zürich Tourismus die andere Hälfte der Kosten übernehmen. Doch eine Zusage für zusätzliche Finanzen fehle. Ackermann widerspricht der Kritik und verweist auf die Konkurrenz im Städtetourismus: Es sei wichtig gewesen, jetzt zu reagieren, weil der Tourismusmarkt jeden Tag härter umkämpft werde.

Fehlende Ansprechpartner

Ein Branchenkenner sieht auch Zürichs Spitzenposition im Kongresstourismus gefährdet, weil Ackermann künftig mehr Business- statt Kongresskunden nach Zürich holen will. Damit würde viel Aufbauarbeit zunichtegemacht.

Peter Vogel ist langjähriger Direktor des Hotels Comfort Inn im Kreis 1. Sein 3-Stern-Haus ist mit weiteren 14 Betrieben im Verein Zürich City Hotels vertreten. Vogel vermisst seit einigen Monaten eine direkte Ansprechperson bei Zürich Tourismus. Er bemängelt auch den Umgang mit den Kurtaxengeldern. Die rund 7 Millionen Franken tragen mehr als die Hälfte zum Gesamtbudget von Zürich Tourismus bei. Früher hätten Hoteliers in Arbeitsgruppen mitreden können, wie das Geld verwendet werden soll, seit dem Wechsel entscheide nur noch Zürich Tourismus. Die grossen personellen Veränderungen wären nicht ohne die Erlaubnis des Vorstandes von Zürich Tourismus möglich gewesen. Welche Rolle Elmar Ledergerber dabei gespielt hat, bleibt unklar. Er war telefonisch nicht erreichbar.

Doch auch positive Stimmen sind aus der Region Zürich zu hören. Die neue Strategie von Marlis Ackermann sei sicher nicht falsch, sagt Urs Raschle von Zug Tourismus. Für die Zusammenarbeit böten sich neue Chancen. Auch für Karin Stalder von Zürichsee Tourismus ist «die Zusammenarbeit gut angelaufen und entwickelt sich positiv».

Erstellt: 21.07.2011, 08:24 Uhr

Marlis Ackermann ist seit Anfang Jahr Leiterin von Zürich Tourismus. Die 46-jährige HSG-Absolventin leitete zuvor die Marketingabteilung von Feldschlösschen. (Bild: PD)

Hoteliers und Tourismusexperten kritisieren die Arbeit von Zürich Tourismus: Ein Blitz entlädt sich über Zürich. (Bild: Keystone )

Artikel zum Thema

«1000 Schweizer Hotels sind gefährdet»

Der Tourismus leidet unter dem starken Franken. Guglielmo Brentel, Präsident der Schweizer Hoteliers, warnt vor dem Aus vieler renommierter Betriebe. Investoren aus Qatar glauben derweil an den Standort Schweiz. Mehr...

«Eigenlob mit Minderwertigkeitskomplex»

«Zürich – World Class. Swiss Made.» Der neue Slogan und vor allem das Logo von Zürich Tourismus, Stadt und Kanton sorgen für Kopfschütteln. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Die Welt in Bildern

Grosszügig: Ein Mann in Istanbul füttert Möwen mit Fisch. (22. November 2019)
(Bild: Sedat Suna) Mehr...