Drecksarbeit in der Fabrik

Die Industrialisierung brachte der Stadt Zürich Wohlstand. Doch die Anfänge waren für die Arbeiter hart: Sie schufteten zu tiefen Löhnen und unter misslichen Umständen.

Hart und ungesund: Die Fabrikarbeiter wurden in den Anfängen der Industrialisierung nicht alt. Werkhalle von Sulzer zwischen 1900 und 1920. Foto: Paul Senn (Sozialarchiv Zürich)

Hart und ungesund: Die Fabrikarbeiter wurden in den Anfängen der Industrialisierung nicht alt. Werkhalle von Sulzer zwischen 1900 und 1920. Foto: Paul Senn (Sozialarchiv Zürich)

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Der Startschuss ins Maschinenindustriezeitalter fällt 1805 am Neumühlequai. Hans Caspar Escher und Salomon Wyss nehmen ihre mechanische Baumwollspinnerei Escher, Wyss & Cie. in Betrieb. Heimarbeit wird zunehmend durch die Fabrikarbeit abgelöst. Schon nach wenigen Jahren verlagern Escher und Wyss die Haupttätigkeit von der Spinnerei auf den einträglicheren Maschinenbau. Das Repertoire wird bald um Motoren erweitert, 1836 fährt der erste Dampfer auf dem Zürichsee – mit einer Maschine von Escher, Wyss & Cie.

Die grossen Umwälzungen bringen neben technischen Errungenschaften auch Leid mit sich. Kinderarbeit, Hungersnöte, Arbeitskämpfe, Massenarmut und Alkoholprobleme bestimmen in ­Zürich und Umgebung den Alltag. Der Staat hält die Armenfürsorge klein und überlässt die Aufgabe privaten Armenvereinen. Die «eigenthümlichen socialen Misstände», welche der moderne Grossbetrieb geschaffen habe, seien in der Schweiz ebenso vorhanden, wie in anderen Ländern, schreibt der Nationalökonom Victor Böhmert 1873 in einem Bericht. Arbeiter bezeichnen ihr Tun als geisttötend und einförmig. Der Arbeitsrhythmus wird durch die Maschine und den Betriebsablauf bestimmt. Als Anhängsel der Maschine sei der Mensch selber zur Maschine geworden, schreibt Jakob Tanner in seinem Buch «Fabrikmahlzeit». Mit ihrem Lohn fristen viele Arbeiter ein bescheidenes Leben.

Geringe Lebenserwartung

Fabrikarbeiter sterben im 19. Jahrhundert früher als andere Werktätige. Wer die schlechteren Maschinen in seiner Spinnerei reinige, werde selten älter als 38 Jahre alt, diktiert der Patron einer Spinnerei im Kanton Zürich in Böhmers Aufzeichnungen. Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein 20-Jähriger 60 Jahre alt wird, liegt 1880 bei weniger als 50 Prozent.

Wer in gefährlichen Fabrikbetrieben tätig ist, geht oftmals ein tödliches Risiko ein. In diese Kategorie fallen die Zündholzfabriken. In Albisrieden produzieren die Gebrüder Kaspar und Heinrich Gassmann um 1850 Zündholzstäbchen. 30 Angestellte im Alter zwischen 9 und 16 Jahren tauchen rohe Hölzer in die aus Phosphor bestehende Zündmasse. Dabei atmen sie giftige Phosphordämpfe ein. «Von den Arbeitern in Zündholzfabriken leiden Einzelne an Nekrosis des Ober- und Unterkiefers», schreibt Böhmer. In den Zündholzfabriken bestünden unter den «gesundheitsgefährlichen und mit wirklichen Giftstoffen arbeitenden Fabriken» wohl die grössten Missstände. Böhmer fordert deshalb, die Räume «genau zu ventiliren» und «Minderjährige unter 16 Jahren» besser gar nicht mehr in solchen Betrieben zu beschäftigen. Die übermässige Kinderarbeit sei eine «bedenkliche Schattenseite des modernen Fabrikwesens». Auch in anderen Fabriken sind die Missstände offensichtlich: Arbeiter in Baumwollfabriken, «Chlorhäusern» und Rosshaarfabriken leiden unter chronischer Entzündung der Lunge, Druckarbeiter, die sich mit arsenhaltigen ­Farben beschäftigen, sind oft krankhaft mager und von Geschwüren befallen.

Unzufriedenheit der Arbeiter

Die Zahl der Stadtzürcher Fabriken in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts lässt sich nur schätzen. Es dürften weit mehr als hundert gewesen sein. Sie entwickeln sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig. Alleine Escher, Wyss & Cie beschäftigt 1873 mehr als 1300 Angestellte und Arbeiter.

In den Fabriken wächst die Unzufriedenheit. Arbeiter fordern mehr Lohn, weniger lange Arbeitszeiten und einen besseren Schutz ihrer Gesundheit. Die Angestellten stehen sechs Tage in der Woche während mindestens zwölf Stunden an den Maschinen. Bezahlbare Wohnungen sind Mangelware, nicht zuletzt, weil die Bevölkerung der Stadt stark ­gewachsen ist. Lebten 1860 noch 51 616 Personen in Zürich, sind es 1870 bereits 66 201. Einige Fabrikbesitzer stellen ihren Arbeitern deshalb preiswerte Wohnungen zur Verfügung. Oder sie kaufen grosse Mengen an Kartoffeln, Reis, Kaffee und Seife, die sie den Mitarbeitern günstiger oder zu Selbstkostenpreisen abgeben, so etwa Escher, Wyss & Cie oder J. J. Rieter & Co. in Winterthur. Gleichgültige, nur auf ihren eigenen Vorteil bedachte Patrons ziehen den Zorn der Arbeiter auf sich.

Die Arbeitgeber ihrerseits beklagen sich darüber, dass sich das frühere Vertrauens- in ein Misstrauensverhältnis zu verwandeln drohe. In den Spinnereien ist die Fluktuation sehr gross, in einem Jahr kündigt teils mehr als die Hälfte der Belegschaft. Die Verheirateten seien «meist brave, sesshafte Leute, die Ledigen dagegen verlumpen den Lohn, die jungen Burschen mit Trinken und Liederlichkeit, die Mädchen mit Putz», klagt ein Spinnereibesitzer.

Vor allem auch dank Böhmers Aufzeichnungen verbessert sich 1877 die Situation für die Werktätigen. Gegen den Widerstand vieler Industrieller erlässt die Schweiz in diesem Jahr ein innovatives Fabrikgesetz, dem das Volk knapp zustimmt. Das Gesetz begrenzt den Arbeitstag auf elf Stunden, verbietet Nacht- und Sonntagsarbeit sowie die Beschäf­tigung von Kindern unter 14 Jahren im ­Industriesektor. Fabrikbesitzer müssen Richtlinien zum Schutz der Arbeiter einhalten und sind bei Unfällen haftbar. Fabrikinspektoren schauen den Patrons auf die Finger.

Damit zählt die Schweiz beim Arbeitsschutz zu den Pionieren. Im Bereich des Jugendschutzes war die Stadt Zürich noch früher aktiv und verfasste 1779 das «Mandat wegen dem Rastgeben». Es verbot die Lohnarbeit für schulpflichtige Kinder bis zum neunten Altersjahr. 1815 und 1837 wurden diese Bestimmungen in Zürich verschärft und das Mindest­alter auf zwölf Jahre hinaufgesetzt.

Das neue Fabrikgesetz bringt für einige Fabrikangestellte nicht den gewünschten Erfolg. An einer Versammlung im Oktober 1880 beklagen sie sich lautstark darüber, dass viele Fabriken noch keine Verordnung erlassen haben oder diese nicht befolgen. Die Industriellen ihrerseits versuchen vergeblich, das Gesetz zu revidieren und abzuschwächen. Dennoch wurden die Löhne der Arbeiter besser. Nachdem die Reallöhne bereits Ende 1860 langsam angestiegen sind, verzeichnen sie zwischen 1870 und 1890 einen markanten Zuwachs.

Innerhalb weniger Jahrzehnte hatte sich die Schweiz als eine der führenden Industrienationen etabliert und holt 1873 an der Weltausstellung in Wien prozentual die meisten Auszeichnungen. Der Aufschwung manifestiert sich auch im Zürcher Stadtbild. Neue Fabriken und die stetig wachsende Bevölkerung brauchen Platz.

1876 gründet Peter Emil Huber-Werdmüller die Maschinenfabrik Oerlikon (MFO), die Geburtsstädte der Schweizer Elektroindustrie. Das einstige Direktionsgebäude steht immer noch beim Bahnhof Oerlikon. 1893 steigt die Bevölkerung der Stadt Zürich auf 120 000 Bewohner an, weil elf Gemeinden Teil der Stadt werden. Vier Jahre später eröffnete die Zürcher Börse, um den Kapitalbedarf der wachsenden Textil- und ­Maschinenindustrie zu decken. Die Zahl der Fabriken steigt in der Schweiz zwischen 1888 und 1895 von 3776 auf 4994.

Ende des 19. Jahrhunderts braucht die Industrie immer mehr Arbeiter, die sie zunehmend im Ausland findet. Bald heisst es, die Ausländer nähmen den Schweizern die Arbeit weg. Dazu schreiben die Verfasser der Schweizerischen Fabrikstatistik 1901: «Das Überhandnehmen der Fremden erscheint uns als eine für unsere einheimische Bevölkerung ganz bedenkliche Tatsache.» Wie komme es, dass Schweizer arbeitslos seien und Tausende Fremde in den ­Fabriken ihren Verdienst haben? Der Schweizer sei leider oft zu wählerisch, überliessen «diese oder jene Arbeit dem Italiener, weil man findet, sie sei zu ­anstrengend oder zu unappetitlich».

Strenge Fabrikinspektoren

Im Jahr 1918 gibt es Hoffnung für Arbeiter in gefährlichen Betrieben. Die neu geschaffene Suva weitet den Versicherungsschutz auf Berufskrankheiten aus. In diese Kategorie gehören Schädigungen durch Substanzen wie das Phosphor bei der Zündholzherstellung oder das Bleiweiss im Malergewerbe. Und die für Zürich zuständigen Fabrikinspektoren berichten im gleichen Jahr, dass sich die Arbeiter «im Allgemeinen dem Inspektor viel freier äussern», als früher. Noch ein letztes Mal schreiben sie eine Unfallstatistik, fortan übernimmt das die Suva: Zwischen Januar 1917 und März 1918 notieren sie 45 tödliche Unfälle in der Schweiz. Sie loben die verbesserten Einrichtungen wie elektrische Heizungen und Lüftungsanlagen in Textilfabriken.

Der Inspektionsbericht hält auch fest, welche Prävention Fabriken betreiben: Eine Seidenspinnerei stellt einen Kessel mit heissem Wasser hin und legt Tannen- und Föhrenzweige darüber zum «ausdämpfen». In einer anderen Fabrik lässt man mit Salzsäure gefüllte Schalen «sich in die Luft verflüchtigen». Der ­Besitzer einer Holzwarenfabrik will den Inspektoren weismachen, dass «der Holzstaub die Schleimhäute bedecke und die Arbeiter so vor der Berührung mit Krankheitserregern schütze».

Kinderarbeit ist auch 1918 noch verbreitet. Das Verbot sei «oft übertreten worden», notieren die Inspektoren. Bedeutende Fortschritte attestieren sie bei den Ferien. «Sie sind bald etwas Selbstverständliches geworden.» Damit die Arbeiter wirklich ihre Ferien beziehen, zahle eine grosse Nahrungsmittelfabrik ihren Arbeitern den Lohn zum Voraus.

Erstellt: 26.12.2014, 19:39 Uhr

Serie

Verschwundene Fabriken

Noch vor wenigen Jahrzehnten war die Stadt Zürich ein wichtiger Industriestandort. Dutzende von grösseren und kleineren Fabriken prägten das Stadtbild. Der TA blickt in einer sechsteiligen Serie zurück auf diese Epoche: Von den Anfängen der Massen­produktion bis hin zur Deindustrialisierung.

Bildstrecke

Zürichs verschwundene Fabriken

Zürichs verschwundene Fabriken Die Stadt war Anfang des 20. Jahrhunderts ein bedeutender Industriestandort.

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