Drei Ideen für die Sechseläutenplatz-Debatte

Ja oder Nein zum «Freien Sechseläutenplatz»? Die Initiative stellt die richtigen Fragen, liefert aber unüberlegte Antworten.

Wem gehört der Sechseläutenplatz? Was ist erwünscht, was stört? Verdis «Aida» auf Grossleinwand, Oper für alle 2015. Foto: Dominique Meienberg

Wem gehört der Sechseläutenplatz? Was ist erwünscht, was stört? Verdis «Aida» auf Grossleinwand, Oper für alle 2015. Foto: Dominique Meienberg

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Hier wird ein Fall verhandelt, der weniger eindeutig ist als eine Fläche aus geschliffenem Valser Quarzit: der Standpunkt, dass die Stimmberechtigten der Stadt Zürich am 10. Juni die Initiative «Freier Sechseläutenplatz» ablehnen sollten. Obwohl der Gegenvorschlag genauso wenig überzeugt. Und obwohl man der Initiative zugutehalten muss, die richtigen Fragen zu stellen. Nämlich: Wem gehört der öffentliche Raum? Wer darf dort Kasse machen? Wie viel Bespassung ist zu viel? Was ist erwünscht, was stört?

Das trifft in dieser Stadt einen Nerv. Die Reaktionen fallen nicht zuletzt deshalb heftig aus, weil fast jeder das Thema kennt, ob er im Seefeld lebt oder in Seebach. Es geht im Kern um Grundsätzliches, um mehr als nur um diesen Platz, so einzigartig er ist. Was wir erleben, ist auch eine Stellvertreterdiskussion. Das muss nicht schlecht sein – man sollte das einfach im Hinterkopf behalten.

Die Initiative stellt wohl die richtigen Fragen, aber ihre Antworten überzeugen nicht. Wenn sie die Veranstaltungstage auf dem Sechse­läutenplatz von zuletzt etwa 130 auf 65 senken will, schiesst sie übers Ziel hinaus. Der Stadtrat dürfte diese Vorgabe umsetzen, indem er bei allen Veranstaltern Abstriche macht, weil ein Willkürentscheid politisch heikel wäre. Im dümmsten Fall verschwinden Weihnachtsmarkt, Filmfestival und Zirkus allesamt, weil die gekürzte Aufenthaltsdauer für keinen mehr reicht. Sollte der Stadtrat hingegen aus Traditionsgründen den Zirkus bevorzugen, bliebe der Platz im sonnigen Mai besetzt, dafür wäre er im Herbst und Winter leer, wenn die Bise sowieso alles Leben wegfegt.

Die Schummelei der Initianten

Ist es das, was die Initiative will? Diese Frage führt direkt zu ihrem zweiten Defizit: Sie drückt sich um eine Antwort, aus fadenscheinigen Gründen. Man muss kein Mathegenie sein, um zu begreifen, welche Veranstaltungen die Initianten gern vom Platz jagen möchten. Wenn man Weihnachtsmarkt und Filmfestival streicht, die zwei kommerziellen Grossanlässe ohne lange Tradition, kommt man ziemlich genau auf die geforderten 65 Tage.

Egal, wie man zu diesen Anlässen steht, lassen sich die Initianten von einem kleingeistigen Impuls leiten: Was bei der persönlichen Geschmackspolizei durchfällt, kommt auf den Scheiterhaufen. Toleranz fordern ist gut, aber nur bei den anderen – auch Linke können spiessig sein. Hinzu kommt aber noch ein unaufrichtiges, berechnendes Element: Die Initianten wissen, dass jeder Anlass im eigenen Lager Fans hat, selbst der verpönte Weihnachtsmarkt. Auf eine Mehrheit können sie nur hoffen, wenn sie offenlassen, wohin die Reise genau geht. Nur so kann sich jeder vormachen, dass das Ergebnis genau nach seinem Geschmack ausfallen wird. Tatsache ist, dass der Stadtrat die Initiative umsetzen müsste, und er täte dies wie erwähnt wohl so, dass am Ende die wenigsten richtig glücklich wären.

Ein fauler Kompromiss

Schwieriger als das Nein zur Initiative ist das Ja zum Gegenvorschlag zu begründen. Denn es handelt sich um die Karikatur eines Kompromisses: Der Platz soll an maximal 180 Tagen im Jahr belegt sein – viel mehr, als es seit der Eröffnung je der Fall war. Der Gemeinderat will eine Reserve für einen zweiten Zirkus im Herbst, wie es ihn früher gab. Hinzu kommt, dass die Initiativgegner uneinig sind, auf welchen Anlass man verzichten könnte. Also beschlossen sie, den Status quo zu zementieren. Die Architekten dieses faulen Kompromisses müssen sich vorwerfen lassen, mit dieser Haltung Unentschlossene ins Lager der Initianten zu treiben. Es gibt genau einen Grund, am 10. Juni dennoch für den Gegenvorschlag zu sein: Er ist das geringere Übel. Weil er Spielraum lässt, die Debatte nach der Abstimmung fortzuführen. Dies muss geschehen. Klar ist auch, welche Forderungen dann zur Sprache kommen müssen.

Erstens: Der Stadtrat darf die 180 Belegungstage nicht ohne triftigen Grund ausschöpfen. Es ist fraglich, ob es nur der Chancengleichheit wegen einen zweiten Zirkus braucht.

Zweitens: Der Platz sollte nicht nur sommers über meist frei sein, sondern auch in der Übergangssaison. Dann ist er am schönsten, weil es nicht so heiss ist. Das tangiert den Circus Knie. Der Stadtrat muss diesen dazu bewegen, sein Gastspiel von Mai auf April zu verlegen. Da der Standort für Knie der einträglichste ist, dürfte er nachgeben. Drittens: Der Stadtrat muss mehr Transparenz schaffen, wer warum zu welchen Konditionen auf den Platz darf. Vom Weihnachtsmarkt weiss man, dass er sich gegen deutsche Bewerber durchsetzte, weil er lokalen Läden eine Plattform bietet. Wenn man solche Kriterien kommunziert, öffentlich diskutiert und wo nötig ergänzt, schafft das Goodwill.

Es geht hier um die ganze Stadt

Umsichtig geführt, könnte die Sechseläutenplatz-Debatte die Blaupause liefern für andere Orte, die an «Eventitis» leiden: das Limmatquai, das Niederdorf, das Seebecken. Warum nicht auch dort Obergrenzen für Veranstaltungen fordern und die Kriterien diskutieren? Niemand will zurück zu Zwingli, aber nach dem Liberalisierungsschub der letzten 25 Jahre ist es Zeit, die Partystadt zu konsolidieren. Hinzu kommt noch etwas anderes: Weil Zürich wächst, sollen Zentren wie Altstetten oder Schwamendingen ausgebaut werden. Warum nicht mehr Veranstalter dorthin verweisen und so die Innenstadt entlasten? Als die Leute vom Weihnachtsmarkt wegen eines Umbaus mit ihrem «Heiligen Bimbam» nach Oerlikon ausweichen mussten, tauchte dort ein neues Publikum auf. Beide Seiten waren positiv überrascht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2018, 08:15 Uhr

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