Drei flauschige «Back-ups»

In der Schweiz ausgestorben, im Zoo Zürich wohlauf. Die drei kürzlich geborenen Fischotter sind für die Zucht der bedrohten Tiere äusserst wertvoll.

Noch in der Wurfbox: Die drei Fischotterjungen wurden am 17. Oktober geboren.

Noch in der Wurfbox: Die drei Fischotterjungen wurden am 17. Oktober geboren. Bild: Zoo Zürich (Nicole Schnyder)

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Wo ist Kopf, wo Pfote, wo Schwanz? Ein flauschiger Knäuel liegt in der Wurfbox, die durch ein Fenster einsehbar ist. Erst beim genauen Hinsehen entwirrt sich dieser Knäuel zu drei kleinen Fischottern, die verschlafen dreinschauen.

Unterdessen ist Mutter Lulu draussen auf Fischjagd. Erfolgreich. Und Vater Tom taucht und spritzt in jugendlichem Übermut. Im Fischottergehege des Zoos Zürich ist das Familienglück eingezogen. Am 17. Oktober sind dort drei Junge geboren worden – Nummer 42 bis 44 des Gesamtzürcher Otternachwuchses. Doch diese drei sind für das Europäische Erhaltungszuchtprogramm von besonderer Bedeutung.

Jagderfolg für Ottermutter Lulu. Bild: Enzo Franchini

Denn Vater Tom ist einer der wenigen Wildfänge, die im Zoo Zürich noch leben. Er wurde 2017 in Österreich als Wildtier geboren, verletzt aufgefunden und gesund gepflegt. Danach kam er in den Zoo Zürich. Die sechs Jahre ältere Lulu fand schnell Interesse an ihm. Das Resultat kuschelt sich derzeit im Stroh.

Zoodirektor Alex Rübel erzählte heute Morgen vor den Medien die wechselvolle Geschichte der 13 Otterarten, welche einst in Europa verbreitet waren. Im 19. und noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Otter als Fischräuber verschrien. Er wurde von der Eidgenossenschaft mittels Abschussprämien zur Ausrottung freigegeben.

1952 wurden diese Wassermarder aufgrund der langjährigen Bemühungen des ehemaligen Zoodirektors Heini Hediger und von Pro Natura geschützt. Trotzdem konnte der Rückgang des Fischotters nicht gestoppt werden. Bis heute ist nicht ganz klar, weshalb. Der letzte Nachweis erfolgte 1989 am Neuenburgersee.

Fischotter Tom ist ein Wildfang – im doppelten Sinn des Wortes. Bild: Enzo Franchini

Seit der Eröffnung des Zoos Zürich leben Fischotter dort. Und schon früh beteiligte der Zoo sich an wissenschaftlichen Untersuchungen dieser bedrohten Tiere. Die Studien legen nahe, dass das Verschwinden der Fischotter nicht, wie jahrelang angenommen wurde, mit Rückständen von Polychlorierten Biphenylen (PCB) in ihrer Nahrung zusammenhängt. Diese, so lautete die These, machten die Weibchen unfruchtbar.

Vielmehr hängt das Verschwinden wohl damit zusammen, dass das Nahrungsangebot in den verbauten und mit Kraftwerken überstellten Gewässern nicht mehr genügte. Das bedeutet umgekehrt, dass die laufenden Bemühungen, die Bäche, Flüsse und Seen wieder naturnaher zu gestalten, eine Wiederansiedlung der Fischotter ermöglichen könnten.

Massgeblich an diesen Forschungen beteiligt war der einstige Bereichsverantwortliche des Zoos Zürich, Hans Schmid. Er ist heute Präsident der 1997 gegründeten Stiftung Pro Lutra, die sich eben diese Wiederansiedlung des Fischotters auf die Fahnen geschrieben hat. Dass das kein einfaches Unterfangen ist, zeigt unter anderem das neue Jagdgesetz, das unterwegs ist.

Rübel spricht von einem «Ausrottungsgesetz» und wirbt vehement für das Referendum, für das im Moment Unterschriften gesammelt werden. Das Gesetz würde es erlauben, Raubtiere wie den Wolf oder den Luchs präventiv zu schiessen, wenn ein Konflikt zwischen Mensch und Tier entstehen könnte. Der Otter würde auch unter diesen Paragrafen fallen – sollte er dereinst bei uns wieder heimisch werden.

Video: Zoo (Video: Nicole Schnyder)

Sollte es zu einem Wiederansiedlungsversuch kommen, stünden die drei jungen Zoo-Otter wegen ihrer Abstammung von einem Wildfang weit oben auf der Liste. Sie sind aufgrund ihrer Gene eine Reservepopulation, quasi ein «Back-up» für den Europäischen Fischotter.

Derzeit sieht es aber eher danach aus, als ob es die Natur selber richten wird. Die Stiftung Pro Lutra stellte nämlich im Jahr 2000 fest, dass sich die Population der Fischotter in der Steiermark (A) und in Savoyen (F) erholt hat, und erwartet daher in absehbarer Zeit eine Einwanderung in die Schweiz. Bereits konnte die Anwesenheit von Fischottern an der Aare, im Hinterrhein, am Ticino, an der Rhone und am Inn nachgewiesen werden.

Verbreitung der Fischotter in der Schweiz. Grafik: Pro Lutra

Im bündnerischen Reichenau tappte ein Fischotter 2009 auf der Fischtreppe des Kraftwerkes sogar in eine Fotofalle. An der Aare und am Inn konnten 2014 beziehungsweise 2018 Junge nachgewiesen werden. Derzeit besteht also kein Bedarf für die «Halbwilden» aus dem Zoo Zürich.

Erstellt: 20.11.2019, 16:41 Uhr

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