Drogen oder Kind

Flavia war zehn Jahre lang drogenabhängig: Sie konsumierte Heroin, Kokain und Benzodiazepine. Dann wurde sie schwanger und musste sich entscheiden: eine Therapie beginnen oder den Sohn weggeben.

«Er hat mein Leben gerettet»: Flavia mit ihrem Sohn Noah auf dem Spielplatz. Foto: Doris Fanconi

«Er hat mein Leben gerettet»: Flavia mit ihrem Sohn Noah auf dem Spielplatz. Foto: Doris Fanconi

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Ihre Kindheit sei völlig normal verlaufen, versichert Flavia*, behütet. Als Jugend­liche fing sie an zu rebellieren, kiffte viel, verspätete sich häufig, war nur schwer für die Schule zu begeistern. Auf Partys konsumierte sie hin und wieder Ecstasy. Trotzdem schloss sie die Schule ab, begann eine KV-Lehre, die sie auf Druck ihrer Eltern auch beendete, arbeitete vier Jahre in einem Büro.

Eines Abends auf einer Party hatte ihre beste Freundin Heroin bei sich. Flavia wurde neugierig, wollte es auch versuchen. Ein Freund kniete vor ihr und flehte sie an: «Flavia, versprich mir, dass du dieses Zeug nie anrührst!» Sie wusste es besser, liess es sich nicht ausreden. Heimlich, ohne dass es ihre Clique merkte, schnupfte sie Heroin. Nach zwei Monaten «war sie voll drin», ihr Körper zeigte bereits Entzugserscheinungen.

Flavia, heute 35, war damals 20. Sie wusste sofort, dass sie abhängig war.

Nur noch 42 Kilo schwer

Flavia wohnte noch bei ihren Eltern, sie wollte ihnen ihre Sucht aber nicht offenbaren und suchte sich deshalb eine eigene Wohnung. Zu Beginn hatte sie genug Geld, sich die Drogen zu besorgen, aber nach drei Monaten kündigte sie ihre Stelle. Zusätzlich zum Heroin rauchte und schnupfte Flavia jetzt auch Kokain und Benzodiazepine, eine Art Beruhigungsmittel. Ihre Wohnung wurde zu einer «Drogenhöhle», wo sie zusammen mit ihrem Freund Drogen verkaufte und konsumierte. Sie lebten völlig verwahrlost, überall waren Brandlöcher, Leute kamen und gingen, wohnten zum Teil bei ihr. Flavia wog noch 42 Kilogramm, löffelte Joghurt, ass sonst praktisch nichts. Die Nachbarn reklamierten. Sie verlor ihre Wohnung.

Drei Monate war Flavia obdachlos und schlief in einer Notschlafstelle in der Stadt Zürich. Dann wurde sie schwanger. Der Vater war ihr Freund, mit dem sie seit sieben Jahren zusammenlebte und die Drogen verkaufte. Sie war völlig erstaunt, dass sie schwanger werden konnte: «Ich war körperlich so überhaupt nicht in Ordnung. Deshalb verhütete ich auch nicht.» Sie wusste nicht, was sie mit der Schwangerschaft anfangen sollte, fühlte nichts. Bei den Kontakt- und Anlaufstellen in Zürich, wo sie regelmässig das Kokain und das ­Heroin zu sich nahm, riet man ihr, den Konsum auf zweimal täglich zu reduzieren. Während der ganzen Schwangerschaft stand sie unter Beobachtung. Flavia dachte, dass sie es locker hinkriege, in diesen Monaten clean zu werden. «Ich ging regelmässig zu den Kontrollen ins Spital und spielte heile Welt vor. Aber ich schaffte es kein einziges Mal, eine saubere Urinprobe abzugeben.»

Der Rückfall als Wendepunkt

Als ihr Sohn Noah* vor drei Jahren zur Welt kam, musste er erst einen Entzug machen. Fünf Wochen lag er auf der Neonatologie. Man stellte Flavia vor die Wahl: Entweder beginnt sie eine stationäre Therapie, oder sie muss ihr Kind weggeben. Sie wollte Noah bei sich behalten und liess sich in den Ulmenhof in Ottenbach bringen, wo ehemals drogensüchtige Mütter und Väter mit ihren Kindern leben. Die stationäre Therapie wird von Die Alternative angeboten, dem Zürcher Verein für Suchttherapie.

Die ersten acht Monate hatte Flavia Mühe, sich auf die Therapie einzulassen. Sie zog sich häufig in ihr Zimmer zurück, war von Noahs Weinen und der ganzen Situation überfordert. Es fiel ihr schwer, sich von ihrem alten Leben und den Freunden zu lösen, von ihrem Partner, der es nicht schaffte, von den Drogen loszukommen. Er liess sie und ihren gemeinsamen Sohn oft im Stich, erschien nicht zu den verabredeten Treffen. Sie machte Pro-und-Kontra-Listen, was gegen ihren Freund sprach, was für ihn, was gegen die Sucht, was dafür.

Flavia nahm nach diesen acht Monaten ein einziges Mal Kokain, aber die Wirkung war nicht die, die sie sich erhofft hatte. Statt in einem Hoch landete sie in einem Tief, weinte nur noch. Die schlimmen Albträume, die sie davor plagten, hörten allerdings abrupt auf. Nach zehn Jahren war das der Wendepunkt. «Ich brach den Kontakt zur Drogenszene komplett ab, trennte mich von meinem Freund, liess wieder Menschen in mein Leben, die ich von früher kannte und die nichts mit Drogen zu tun hatten.» Sie stellte sich darauf ein, allein­erziehende Mutter zu sein. Unterstützung bekam sie dabei von ihrer eigenen Mutter. Die Beziehung zu ihr hat sich durch die Geburt von Flavias Sohn verbessert, wurde enger.

Die Drogen beherrschen alles

Seit drei Jahren nimmt Flavia nur noch Methadon. Sie wohnt nun mit Noah in einer eigenen Wohnung, nachdem sie im Anschluss an den Ulmenhof ein Jahr in der Aussenwohngruppe Fischerhuus von Die Alternative gelebt hatte. Sie geht weiterhin zur Nachsorge, hat wieder einen Job im Büro und arbeitet zudem jede Woche ihre Strafstunden durch gemeinnützige Arbeit ab, die sie wegen zahlreicher Bussen auferlegt bekommen hat. «Diese Altlasten muss ich jetzt tragen. Aber ich bin stolz, dass ich es trotz unzähliger Krisen geschafft habe, von den Drogen wegzukommen. Ich darf jetzt einfach nicht übermütig werden.» Die zehn Jahre, in denen Flavia abhängig war, seien wie ausgeblendet. «Ich war ja nur damit beschäftigt, Stoff aufzutreiben, zu mischen, zu verkaufen und zu konsumieren. Alles andere habe ich vernachlässigt.»

Hätte sie ihren Sohn nicht bekommen, hätte sie nie mit den Drogen auf­gehört, ist sie sich sicher. «Noah hat mein Leben gerettet.» Sie weiss, dass sie die Sucht ihr Leben lang beschäftigen wird. Nur schon im Hinblick auf Noah: Ihm will sie nichts verheimlichen, ehrliche Antworten geben, wenn er fragt.

*Namen von der Redaktion geändert



Im Februar 1995 räumte die Polizei endgültig die Zürcher Drogenhölle. Die grosse
Web-Doku zur grössten sozialen Katastrophe der Schweiz. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2015, 20:45 Uhr

Stationäre Therapie zu teuer

20 Jahre Lettenschliessung

Morgen jährt sich die Lettenschliessung zum 20. Mal. Unter anderem die Schaffung von niederschwelligen Überlebenshilfeangeboten wie den Kontakt- und Anlaufstellen der Stadt Zürich habe es verhindert, dass nach der Schliessung am 15. Februar 1995 eine neue offene Szene entstanden sei, sagt Regine Hoffmann, Abteilungsleiterin Kontakt- und Anlaufstellen der Stadt Zürich. Statistisch werden die Drogenabhängigen in Zürich nicht erfasst. Hoffmann schätzt die Zahl der Klienten, die ihre Einrichtungen aufsuchen, auf 800 pro Jahr. Seit einigen Jahren bleibe dieser Wert etwa gleich. Marlies Huber, Bereichsleiterin für Beratung und Integration bei Die Alternative, bestätigt, dass die ambulanten Angebote dazu beitragen, dass Suchterkrankte kontrolliert ihre Substanzen zu sich nehmen und ein einigermassen geregeltes Leben führen können. Dies allerdings zum Nachteil von stationären Einrichtungen, die als letzte Massnahme gelten: «Es wird oft zu lange gewartet, bevor man eine stationäre Therapie anordnet. Für ein Kind von Suchterkrankten kann das fatal sein.» Zudem sei eine stationäre Einrichtung für die Gemeinde viel kostspieliger als eine ambulante Therapie, weswegen auch dem Wunsch des Betroffenen selbst nach einer stationären Behandlung vermehrt nicht entsprochen werde, bedauert Huber. (slm)

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