Ein Albtraum für Leseratten

Rund 30 Fachreferentinnen und Fachreferenten entscheiden, welche Bücher oder Medien die Zentralbibliothek anschafft. Für sie sind Okkultismus und Finnougristik keine Fremdwörter.

«E-Medien werden immer beliebter»: Fachreferentin Mirja Lanz und Esther Baier-Kreuzer erklären, wie in der ZB Bücher angeschafft werden. Video: Reto Oeschger

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Sie üben denselben Beruf aus, doch ihre Interessen sind grundverschieden. Ihre Berufsbezeichnung heisst entsprechend unspezifisch «Fachreferent», und die Fachreferenten entscheiden, welche Bücher und elektronischen Medien die Zentralbibliothek anschafft. Es gibt rund 30 von ihnen, die meisten haben mindestens ein Studium abgeschlossen. Und sie haben einen Traumjob, denkt man sich, dürfen sie doch den lieben langen Tag lesen, was in ihrem Fachbereich Neues herausgefunden wurde. «Ein Traumjob ist es schon», sind sich Esther Baier-Kreuzer und Mirja Lanz einig. Nur kommen sie vor lauter Büchern kaum zum Lesen. Ein Traumjob und zugleich ein Albtraum für Leseratten.

Esther Baier ist gelernte Buchhändlerin, hat anschliessend Psychologie studiert und ist als Fachreferentin hauptsächlich für die Bereiche Psychologie und Psychiatrie zuständig. Mirja Lanz ist Romanistin und betreut entsprechend das Fach Französische Sprach- und Literaturwissenschaft. Sie verstehen sich als «Fürsprecherinnen ihres Faches». Beide Frauen kümmern sich aber auch noch um Gebiete, die nicht ganz so klar auf der Hand liegen – bei Esther Baier ist das die Soziale Arbeit, bei Mirja Lanz das Rätoromanische und – zusammen mit einer Kollegin – die Finnougristik.

Die Finno. . . was? Der Fachbereich Finnougrische Philologie umfasst die finnischen, estnischen, ungarischen, samischen und samojedischen Sprachen. In der Zentralbibliothek stehen rund 8000 Titel in finnischer Sprache, darunter auch Kinderbücher und Filme. Jährlich kommen etwa 150 dazu. Nirgendwo in der Schweiz gibt es einen grösseren Bestand an finnischer Literatur als in der Zentralbibliothek. Mirja Lanz ist Finnin: «Wenn ich am Schalter stehe, verabschiede ich unsere finnischen Gäste in ihrer Sprache, dann freuen sie sich.»

Sammelschwerpunkt Esoterik

Wir entdecken weiter Fachbereiche, die wir nicht auf Anhieb in einer Zürcher Wissenschafts- und Archivbibliothek erwarten würden: Parapsychologie und Okkultismus zum Beispiel. Diese Themen werden vom Fachreferenten für Theologie betreut. Esoterisches Schrifttum wird in der Zentralbibliothek gesondert gesammelt, und diese Sammlung ist eine der bedeutendsten Europas. Auch dass in der Musikabteilung der Zentralbibliothek über 100'000 gedruckte Noten und eine der grössten Wagner-Sammlungen der Welt gelagert werden, mag erstaunen. Solche Spezialgebiete haben ihren Ursprung meist in der Zusammenarbeit mit anderen Institutionen oder in Schenkungen und Nachlässen.

Die Zentralbibliothek hat im letzten Jahr rund 7 Millionen Franken für Medien ausgegeben. Je nach Gebiet haben die Fachreferenten ein Budget zwischen 1000 und 230'000 Franken zur Verfügung. Dabei heisst wenig Geld nicht unbedingt geringe Priorität. So hat etwa Mirja Lanz für den Bereich Rätoromanisch jährlich nur gerade 1000 Franken zur Verfügung, doch ist das Fach in die höchste der fünf Erwerbsstufen eingeteilt. «Das bedeutet, ich schaffe fast alles an, was in rätoromanischer Sprache herauskommt.» Recht oder Medizin dagegen sind sogenannte teure Fächer, nicht in erster Linie, weil man beim Erwerb speziell in die Tiefe geht, sondern weil dort die Buchpreise sehr hoch sind.

Die Zentralbibliothek ist eine wissenschaftliche Bibliothek und arbeitet eng mit der Hauptbibliothek und den Institutsbibliotheken der Universität Zürich zusammen. «Doch haben wir auch die Funktion einer Stadt- und Kantonsbibliothek», gibt Esther Baier zu bedenken. Als solche stelle man ein repräsentatives Angebot an populärer Literatur bereit. In ihrem Fach bedeutet das beispielsweise, dass sie einen Überblick über die Flut an Beratungsliteratur haben muss, was zuweilen durchaus erheiternd sei. Spontan fallen ihr Titel wie «Gelassen powern» oder «Lebe glücklich wie ein Hund» ein. Im Trend sei derzeit das Thema Hochsensibilität. Und Mirja Lanz schafft auch literarische Werke aus allen französischsprachigen Gebieten der Welt an. «Wenn der Literaturnobelpreis an einen französischen Autor geht, habe ich zuerst einen Schreck: Sind alle wichtigen Werke im Bestand?»

Verloren im Bauch der ZB

«Grundsätzlich hat sich unser Auftrag in den letzten Jahren kaum geändert», sagt Esther Baier. «Es hat sich aber stark geändert, wie wir diesen Auftrag erfüllen können.» So liegt der Anteil an elektronischen Medien bei Neuanschaffungen bereits bei über einem Drittel. In ihrem Bereich spielen elektronische Medien eine bedeutsame Rolle, da viele Fachzeitschriften gar nicht mehr gedruckt herausgegeben werden. Auch sind 40 Prozent der Neuerwerbungen in englischer Sprache.

Die Auswahl erfolgt meist aufgrund von Katalogen, Bibliografien und Verlagsprospekten. Doch gilt es, auch Fachzeitschriften und Tageszeitungen im Auge zu behalten. Nur am Rande entscheidet die voraussichtliche Popularität eines Mediums darüber, ob es angeschafft wird oder nicht. «Bestseller stehen bei uns nicht automatisch im Vordergrund», sagt Mirja Lanz. Ist ein Buch aber einmal aufgenommen, wird es nur noch ab-, aber nie ausgestaubt, denn die ZB hat auch einen Archivauftrag. «Wir werfen keine Bücher weg, nur weil sie nicht oft ausgeliehen werden», sagt Lanz. Ein wahrer Bücherhimmel also.

Die Fachreferenten sind nicht nur Fürsprecher, sondern auch Vermittler ihres Fachs. Viele führen Rechercheberatungen für Studierende durch, um ihnen zu zeigen, wie sie bei der Literatursuche die besten Resultate erzielen. Damit eine Themensuche überhaupt möglich ist, versehen sie die Medien mit Schlagwörtern, eine anspruchsvolle Aufgabe, denn ein falsch oder ungenau verschlagwortetes Buch kann für die Benutzerinnen und Benutzer unauffindbar sein, egal, wie gefragt es ist, denn nicht immer ist der Titel allein aussagekräftig.

Ein Monsterpaket auf dem Pult

Zur Erschliessung eines Mediums ziehen die Referentinnen manchmal Fremddaten bei, die von anderen Bibliotheken oder von Computern erfasst wurden. «Allerdings gilt es hier, kritisch hinzuschauen», sagt Esther Baier. So entdeckte sie etwa ein Buch über das Genesungspotenzial von schizophrenen Patienten unter dem Schlagwort «Wiederherstellung ‹Informatik›». Daher muss – oder darf – ein Fachreferent trotz Zeitnot ein bisschen in einem Buch lesen.

Zum Schluss eine Übung aus der Erwerbungspraxis: In der Deutschen Nationalbibliografie finden Sie ein Buch mit dem Titel «Der Nil». Interessant und relevant, oder? Stichworte? Geografie, Ökologie . . . Das alles fand auch der zuständige Fachreferent. Und staunte nicht schlecht, als ein Paket mit einer Fläche von rund 1 Quadratmeter auf seinem Pult landete. «Der Nil» entpuppte sich als ein riesiges Kinderbuch. Er hat es dann aus der eigenen Tasche bezahlt und seinen Kindern geschenkt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.11.2017, 20:49 Uhr

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100 Jahre ZB

Jubiläumsserie (8)

100 Jahre Zentralbibliothek

Mitten im Ersten Weltkrieg, im Jahr 1917, führten Stadt und Kanton Zürich ihre beiden Hauptbibliotheken zur Zentralbibliothek zusammen und beschlossen einen Neubau am Zähringerplatz in Zürich. Heute ist die ZB die grösste Stadt-, Kantons- und Universitätsbibliothek im Land. Der TA berichtet im Jubiläumsjahr regelmässig darüber, was es auf, hinter und neben den Bücherregalen zu entdecken gibt.(net)

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