Ein Altersheim mit eigener Kinderkrippe

Im Seniorama Burstwiese gaben zwei Jahre lang Baumaschinen den Ton an. Am Samstag feierten die Bewohner das Ende einer intensiven Bauzeit. Fritz Moser erinnert sich.

Burstwiese-Bewohner Fritz Moser mit dem jüngsten Besucher Luca vor dem Eingang des Senioramas im Kreis 3.

Burstwiese-Bewohner Fritz Moser mit dem jüngsten Besucher Luca vor dem Eingang des Senioramas im Kreis 3. Bild: Peter Lauth

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Fritz Moser sitzt im neu gestalteten Entree des Seniorama Burstwiese in Wiedikon, wo die Luft von süssem Zuckerwatteduft geschwängert ist. Heute ist Tag der offenen Tür – der Umbau ist geschafft. Zwei Jahre hat er gedauert. Auch Seniorama-Bewohner Fritz Moser ist froh. Mit seinen 84 Lenzen ist er der Jüngste der 131 Senioren. An Mosers blauem Lumber steckt ein grünes Schleifchen. «Das Erkennungszeichen für den heutigen Tag», sagt der ehemalige Prokurist schmunzelnd, «und um das Mittagessen nicht selber bezahlen zu müssen.» Das ist auch nötig, denn viele Gäste sind am Samstag ins Seniorama gekommen, um ihren Gwunder zu stillen.

«Ruhe war an einem anderen Ort»

Fritz Moser hat die strube Zeit der Umbauphase miterlebt. Im Dezember werden es fünf Jahre her sein, seit der gebürtige Berner mit seiner Frau in ein Zweier-Apartment eingezogen ist. Seit den 40er-Jahren lebte Moser mit seiner Familie in Wiedikon; seine Frau ist im Frühling gestorben. Nach einem Unfall im Bad war sie an der Hüfte operiert worden, und als sie dann endgültig pflegebedürftig wurde, musste sie aus dem gemeinsamen Apartment in eine betreute Wohngruppe umziehen. Wegen ihrer fortschreitenden Demenz konnte Fritz Moser kaum mehr mit ihr kommunizieren, und auch seine Rücken- und Knieprobleme machten die täglichen Besuche nicht leichter.

Dem geplanten Umbau schaute das Ehepaar mit Bangen entgegen. Die begleitete Wohngruppe wurde während der geplanten einjährigen Umbauphase ins Bombach nach Höngg «evakuiert». Da der Umbau doppelt so lange dauerte, kam Frau Moser aber bereits zurück, als im Seniorama noch die Baumaschinen den Ton angaben. Und der war laut, erinnert sich Moser. «Die Ruhe war an einem anderen Ort, immer wurde irgendwo gehämmert oder gebohrt», formuliert es der geistig rüstige Senior. Man habe sich im Seniorenheim zwar redlich Mühe gegeben und habe den Lärm und Staub «grosso modo mit Würde und Geduld ertragen».

Für die, die nicht mobil waren, sei es am schlimmsten gewesen. Moser ist mit seiner Frau oft nachmittagelang auf dem Kirchplatz gesessen. Dem Pfarrer habe er jeweils zum Scherz gesagt, er wolle hier nur seine Kirchensteuer absitzen. Die Heimleitung habe sich grosse Mühe gegeben, es den alten Leuten so erträglich wie möglich zu machen, räumt Moser ein. Zum Zmittag gabs immer gratis Getränke und Kaffee. Und auch ein paar Ausflüge mehr standen auf dem Programm. Doch das alles sei halt nur ein Tropfen auf einen heissen Stein gewesen. «Aber trotzdem, im Nachhinein betrachtet, hat sich der Umbau trotz den vielen damit verbundenen Unannehmlichkeiten gelohnt», meint er versöhnlich.

Gelungen findet den Umbau auch Heimleiter Walter Weber. «Unser Haus bietet heute eine hohe Wohn- und Lebensqualität», freut sich der umtriebige Mann, der an diesem Samstag nicht viel Zeit und um 14 Uhr bereits die dritte Hausführung hinter sich gebracht hat. Der absolute Hit sei aber der Aktivitätenparcours durchs Haus, der nicht nur am Samstag, sondern während des ganzen Jahres für die Heimbewohner angeboten wird. Denn, ist Walter Weber überzeugt, «die Begegnung untereinander ist auch ausserhalb des Speisesaales wichtig». Sagts und muss auch gleich wieder weg, die nächste Musikansage steht auf dem Programm.

Jung und Alt begegnen sich

In der neuen Cafeteria spielt ein Handörgeler, und im Speisesaal versucht ein jonglierender Clown, die Aufmerksamkeit der 300 Gäste auf sich zu ziehen, was ihm trotz Ganzkörpereinsatz nicht ganz gelingt. Erst später wird er vor den Kindern der Kinderkrippe Chiselstei, die der Verein Altersheime Wiedikon vor einem Jahr gegründet hat und die im Gebäude einquartiert ist, auf mehr Resonanz stossen.

Krippenleiterin Edith Weber ist von den Begegnungsmöglichkeiten zwischen Jung und Alt begeistert. «Wenn wir mit den Kindern im Garten spielen, schauen uns viele Bewohner vom Balkon aus zu», sagt Edith Weber nicht ohne Stolz. «Das ist für sie wie Fernsehen.» Und immer wieder sehe sie ein Lächeln über die Gesichter der alten Menschen huschen, wenn sich die Kleinen an den Fensterscheiben die Nasen plattdrücken und den vorbei spazierenden Senioren winken. Nie, hätte sie gedacht, dass die Alten soviel Freude an den Kindern haben würden. Auch Fritz Moser kann diesen Eindruck bestätigen: «Die Kinder sind eine Erheiterung fürs Heim.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.10.2008, 22:15 Uhr

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