Ein Angriff am Zürcher Lochergut und seine Folgen

Plötzlich tauchen vier junge Männer mit Kapuzen im Gesicht auf und wüten an einem Stand der LGBTI-Community. Nun geht die Angst um.

Hier war die Stimmung noch gut: Später folgte der Übergriff auf die Standaktion der LGBTI-Community beim Zürcher Lochergut. Foto: PD

Hier war die Stimmung noch gut: Später folgte der Übergriff auf die Standaktion der LGBTI-Community beim Zürcher Lochergut. Foto: PD

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es passierte am Internationalen Tag gegen Homophobie und Transphobie, mitten in Zürich. Im Grand Café Lochergut blinzeln ein paar Leute in die Nachmittagssonne, andere kaufen fürs Wochenende ein. An einem Flyer-Stand stehen junge Menschen und verteilen blau-rot-orange-grün marmorierte Kuchenstücke, Infobroschüren und gratis Umarmungen.

Die vier jungen Männer tauchen plötzlich auf. Drei von ihnen haben sich die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen. Sie sprechen kein Wort, einer zückt ein Messer, schneidet das Regenbogenbanner ab, die farbigen Wimpel. Sie schubsen die Leute weg, werfen den Tisch um und lassen die Fahne mitgehen. Nach ein paar Minuten ist der Spuk vorbei. Kuchenstücke in blau, rot orange und grün zieren das Pflaster vor dem Grand Café.

Angriff auf den Stand an der Badenerstrasse: Die vier jungen Männer tauchten plötzlich auf. (Screenshot Facebook)

Das Video von dem Vorfall von vorletzter Woche machte schnell auf Social Media die Runde. Ein Vater, der mit seinem Kind auf der Traminsel wartete, zückte das Handy und übergab das Filmmaterial danach der Gruppe, zusammengesetzt aus Mitgliedern der Vereine «Achtung Liebe», «L-Punkt» und «Z&H».

«Die Dunkelziffer bei solchen Angriffen ist hoch, Beweismaterial gibt es selten.»Simone Brander, SP-Gemeinderätin

«Wir waren überhaupt nicht auf den Angriff vorbereitet», sagt André Alder, Vorstandsmitglied des Vereins «Achtung Liebe», der sich vor allem der Sexualaufklärung widmet. Er war ein paar Minuten nach dem Angriff vor Ort – als der zweite Angriff kam: «Zwei Jugendliche kamen, einer rief, wir sollten uns verpissen.» Alder glaubt nicht, dass es sich um dieselben Angreifer gehandelt hat. Ein anderer berichtet, er sei von einem der zweiten Angreifer am T-Shirt gepackt worden: «Er drohte, er würde mich fertigmachen. Ich erwiderte nichts, dann verschwanden sie wieder.» Die Mitglieder der Gruppe haben Anzeige erstattet, zu den Ermittlungen macht die Polizei keine Angaben.

Zwei Angriffe pro Woche

Dass solche Vorfälle bekannt, sogar Videos davon öffentlich werden, ist selten. Die meisten Gewalttaten gegen LGBTI-Angehörige bleiben im Verborgenen. Wenige Tage vor dem Angriff auf offener Strasse haben Parlamentarierinnen und Parlamentarier deshalb in 13 Kantonen und in der Stadt Zürich ein Postulat eingereicht, dass die statistische Erfassung von psychischer und physischer Gewalt gegen LGBTI-Menschen verlangt. Die Zürcher SP-Gemeinderätin Simone Brander sagt: «Die Dunkelziffer bei solchen Angriffen ist hoch, Beweismaterial gibt es selten. Für zielgerichtetes Handeln braucht es eine Abschätzung der Grösse des Problems.»

«Das Problem ist sehr gross», glaubt Roman Heggli von der Schwulenorganisation Pink Cross. 2018 gingen auf der Help-line der LGBTI-Dachverbände zwei Meldungen pro Woche ein. Die grösste Zahl der Angriffe betreffen Beleidigungen und Beschimpfungen. Je 30 Personen wurden Opfer von körperlicher Gewalt oder angedrohter Gewalt. Von den 95 erfassten Vorfällen wurden nur 18 der Polizei gemeldet. In 11 der gemeldeten Fälle, habe die Polizei unsachlich reagiert, bloss vier der angezeigten Fälle wurden von der Polizei als Hassverbrechen eingestuft.

«Wir müssen uns verstecken, um nicht Opfer zu werden. Dabei haben wir das Recht, unser Glück zu leben.» Esther Schmid,
Vorstandspräsidentin der Vereinigung L-Punkt

Deswegen pocht die Community auf die statistische Erfassung. «Solange das Problem mit Hassverbrechen nicht beweisbar ist, fehlt der politische Wille, es anzugehen», sagt Heggli. In letzter Zeit würden sich die Meldungen aus Zürich häufen. Woran das liegt, darüber kann Heggli nur spekulieren. «In Zürich lebt ein grosser Teil der Community, sie ist sichtbarer», sagt er. «Andererseits ist generell eine gewisse Polarisierung der Gesellschaft festzustellen.» Die Gegner von LGBTIs würden sich wieder mehr getrauen, ihre Homo- und Transphobie öffentlich zu äussern, obwohl ein Grossteil der Zürcherinnen und Zürcher anderer Meinung sei.

«So tolerant wie es gerne wäre, ist Zürich eben doch nicht», sagt auch Esther Schmid, Vorstandspräsidentin der studentischen Vereinigung L-Punkt. «Es kommt vor, dass ich mit meiner Freundin Hand in Hand durch die Stadt gehe, und uns Dreier angeboten oder wir beschimpft werden», sagt sie. Wenn sie in gewissen Quartieren unterwegs sei, passe sie ihr Verhalten an, um dergleichen zu vermeiden. Beim Schwamendingerplatz würde sie nicht Händchenhalten. «Das ist das Schlimme, wir müssen uns verstecken, um nicht Opfer zu werden. Dabei haben wir das Recht, unser Glück zu leben.» Manchmal fühle sie sich wie eine Bürgerin zweiter Klasse.

Riccardo Ferrario, Präsident des Vereins Z&H, kennt aus dem eigenen Umfeld ein Schwulenpaar, das abends an der Hardbrücke spitalreif geprügelt wurde. «Ich glaube, solche Angriffe sind ein Ausdruck toxischer Männlichkeit. Die Angreifer wollen sich voreinander beweisen, echte Männer zu sein», sagt Ferrario. Bisher habe er sich in Zürich sicher gefühlt, nach dem Angriff am Lochergut sei er etwas paranoid. Gemäss den Zahlen von Pink Cross werden Männer ungleich häufiger Opfer von körperlichen Angriffen als Frauen. Transgender-Menschen werden häufiger im Privaten angegriffen, Homosexuelle in der Öffentlichkeit. 60 Prozent der Opfer geben an, danach unter psychischen Folgen zu leiden.

Schweiz hinter Albanien

Gegen die statistische Erhebung von Hassverbrechen gegen LGBT hat sich die Konferenz der kantonalen Polizeikommandanten (KKPKS) ausgesprochen. Die sexuelle Orientierung seien höchstpersönliche, schützenswerte Personendaten, sagt eine Sprecherin des KKPKS. «Die Tatsache, dass Polizistinnen und Polizisten diese erfragen und dokumentieren müssten, erachten wir als heikel.» Ebenfalls dagegen war auf nationaler Ebene eine bürgerliche Mehrheit. Der Zürcher SVP-Kantonsrat Benjamin Fischer sitzt im Komitee, das die Erweiterung der Rassismus-Strafnorm auf LGBTI-Straftaten bekämpft. «Sondergesetze für einzelne Minderheiten sind einer Demokratie nicht würdig», sagt er. Der Staat müsse alle schützen, dazu gäbe es aber bereits genügend Instrumente.

In der «Rainbow-Map» der Ogranisation Ilga Europe, die die Rechtslage der LGBTI-Communities international vergleicht, rangiert die Schweiz auf Platz 27 von 49, hinter Ländern wie Albanien oder Ungarn.

Erstellt: 28.05.2019, 06:48 Uhr

Was bedeutet LGBTI?

LGBT steht für englisch Lesbian, Gay, Bisexual und Transgender, also für Lesbisch, Schwul, Bisexuell und Transgender. In späteren Bezeichnungen kam ein I für Intersexuelle an die Abkürzung hinzu. Transgender ist eine Bezeichnung für Menschen, deren Geschlechtsidentität von dem Geschlecht abweicht, dem sie zu Beginn ihres Lebens zugewiesen wurden. Intersexuelle können und/oder wollen sich nicht eindeutig dem weiblichen oder männlichen Geschlecht zuordnen.

In der Abkürzung LGBTQIA+ kommen die Begriffe «Queer» und «Asexuell» hinzu. Queer ist ein eher kämpferischer Begriff und steht für all jene Dinge, Handlungen oder Personen, die von der Norm abweichen. Asexuelle Menschen fühlen sich nicht von anderen Menschen angezogen oder haben kein Verlangen nach Sex. Das + steht für die restlichen Orientierungen oder Identitäten wie etwa Pansexualität. Mit den Abkürzungen soll die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten sichtbar gemacht werden. (rar)

Artikel zum Thema

Überfall auf Zürcher LGBT-Aktivisten

Vier junge Männer haben einen Stand verwüstet von Leuten, die für Toleranz warben. Mehr...

Zürich soll ein Zeichen für LGBT-Menschen setzen

Gemeinderäte fordern farbige Zebrastreifen und schwule Ampelmännchen während des Zurich Pride Festival. Der SVP geht die Idee zu wenig weit. Mehr...

Pseudo-Schwuler verärgert LGBT-Community

Kommentar Youtube-Star Logan Paul will einen Monat schwul leben – die Gays sind dagegen. Verständlich. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Ein Märchen aus Lichtern: Zum ersten Mal findet das Internationale Chinesische Laternenfestival «Fesiluz» in Lateinamerika, Santiago de Chile statt. Es dauert bis Ende Februar 2020. (3. Dezember 2019)
(Bild: Alberto Walde) Mehr...