Ein Bett am Gleisfeld – Aktivisten besetzen den Tessinerkeller

Die Liegenschaft im Kreis 4 wurde von Hausbesetzern eingenommen. Die Architektin will das Gebäude rasch abbrechen: Der Platz wird gebraucht.

Signalwirkung: Mit diesem Schild machen die Besetzer auf sich aufmerksam.

Signalwirkung: Mit diesem Schild machen die Besetzer auf sich aufmerksam. Bild: Sabina Bobst

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Vera Gloor ist erstaunt: Die Architektin kommt gerade von einer Besprechung mit den Hausbesetzern zurück, die sich in der Liegenschaft Neufrankengasse 16 im Kreis 4 einquartiert haben. Gloor plant dort – am Standort des ehemaligen Restaurants Tessinerkeller – einen Neubau. «Die Besetzer haben das Gebäude gewissermassen auf Vorrat in Beschlag genommen», sagt sie. Sie seien einfach eingezogen, ohne sich vorher darüber zu informieren, was an der Neufrankengasse gebaut werden solle. Sie hätten sich von falschen Tatsachen leiten lassen.

Die Besetzer protestieren gemäss einem am Donnerstag veröffentlichten Communiqué gegen «Abriss auf Vorrat, Abriss für Parkplätze, Abriss für teuren Wohnraum.» Laut Gloor gehe es beim geplanten Gebäude jedoch nicht darum, Wohnraum «für die Reichen» zu schaffen. Vielmehr seien pro Etage fünf Kleinwohnungen mit je einer Gemeinschaftsküche vorgesehen – sogenannte Clusterwohnungen. Die Mietzinse würden «moderat» ausfallen.

Ungünstiger Zeitpunkt

Am Donnerstagabend sei sie noch am Ort gewesen, um die weitere Planung zu besprechen, sagt Gloor weiter. Nur eine Stunde nachdem sie das Areal verlassen habe, sei die Nachricht gekommen, dass die Liegenschaft besetzt sei. «In Zürich muss man bei einem leer stehenden Haus immer damit rechnen, dass es besetzt wird, aber der Zeitpunkt ist jetzt wirklich sehr ungünstig.» Gloor hat die Abbruchbewilligung bereits in der Tasche. Zwar soll nicht sofort mit dem Neubau begonnen werden, aber die SBB benötigen die Parzelle als Bauplatz für ihr eigenes Projekt an der Neufrankengasse. Direkt an den Gleisen wollen sie bis 2012 ein Gebäude mit 28 Wohnungen errichten lassen.

Möglicherweise ist die Besetzung nur von kurzer Dauer: Einer der Hausbesetzer wollte gestern gegenüber dem TA zum Treffen mit Gloor zwar keine Stellung nehmen, sagte aber: «Wir werden die Sache heute Abend besprechen, wenn alle wieder beisammen sind. Im Moment ist vieles unklar. Vielleicht sind wir schon bald wieder weg.»

Die Hausbesetzer greifen Gloor zudem auf persönlicher Ebene an. Von den Bahngleisen her gut sichtbar hängt ein Banner mit dem Schriftzug «Zugloorreich» am Schutzzaun. Einerseits eine Spitze gegen die Architektin, andererseits auch eine Hommage an den legendären «Zureich»-Schriftzug, der einst auf der anderen Seite des Gleisfelds prangte (siehe Box). Gloor nimmt die Stichelei gelassen: «Ja, ich habe am Zaun etwas gesehen. Das werden wir wohl abhängen müssen.» Die SBB stört das Plakat nicht weiter: «Offenbar sind die SBB eine starke Marke», stellt Mediensprecher Daniele Pallecchi fest. Vorerst werde man nichts unternehmen.

Erstellt: 15.01.2011, 06:21 Uhr

Von den Wohlgroth-Besetzern dekorierte Einfahrt in den HB (1991).

Wortspiele haben Tradition

Das Spiel mit der verfälschten Bahnhoftafel ist nicht neu: Schon in den frühen Neunzigerjahren malten die damaligen Besetzer des Wohlgroth-Areals den Schriftzug «Zureich» prominent an eine Fabrikwand – komplett mit SBB-Logo, gut sichtbar vom Gleisfeld aus. Eigentlich hatte die Oerlikon-Bührle Immobilien AG auf dem Gelände der Wohlgroth AG eine grosse Überbauung mit Büros und Wohnungen geplant. Weil der Neubau politisch umstritten war, liess die Abbruchbewilligung jedoch auf sich warten. Eine Gruppe von Aktivisten sah ihre Chance und besetzte die Liegenschaft im Mai 1991. Zeitweise wohnten über 100 Personen in der Fabrik und den nebenstehenden Häusern. Auch ein Kino, ein Konzertlokal, eine Bar und einen Bewegungsraum gab es. Im November 1993 fand die Besetzung ein abruptes Ende: Die Polizei räumte das Gelände in einem Grosseinsatz –unterstützt von Anti-Terror-Einheiten und einem Hubschrauber.

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