Ein Globi-Buch für 9500 Franken

Das Zürcher Buchantiquariat Benz bietet 600 Originalobjekte, Zeichnungen, Skizzen und Bücher aus dem Globi-Nachlass von J. K. Schiele an, dem geistigen Vater der bekannten Figur.

Globi-Schätze im Buchantiquariat Benz: Markus und Gertrud Benz begutachten Globibücher.

Globi-Schätze im Buchantiquariat Benz: Markus und Gertrud Benz begutachten Globibücher. Bild: Sophie Stieger

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Globi-Fans und Comicsammler sind elektrisiert. Erstmalig stehen Originalvorlagen – Gouachen und Tuschzeichnungen – für die ersten 37 Globi-Bücher zum Verkauf. Sie stammen aus der Feder von Robert Lips, der gemeinsam 1932 mit dem damaligen Globus-Werbechef J. K. Schiele den Spassvogel als Werbefigur für das 25-Jahr-Jubiläum des Warenhauskonzerns Globus ins Leben rief. «Ein Warenhaus sollte sich die Sympathien der kommenden Generation rechtzeitig auf erlebnishafter Ebene sicherstellen», sagte Schiele damals. Er war der geistige und Lips der künstlerische Vater des papageienähnlichen Vogels, der allmählich zur Kultfigur wurde und 1935 seine Buchpremiere in «Globis Weltreise» erlebte.

Über 600 Objekte sind im Antiquariat Benz an der Kirchgasse erhältlich. Die günstigeren gibt es für weniger als 50 Franken, darunter Pins, kleine Holzfiguren und Karten. Das teuerste Ensemble kostet 9500 Franken und beinhaltet das Werk «Globi an der Landesausstellung» sowie verschiedene Vorlagen für Buchdeckel und Originalzeichnungen des unter Sammlern meistgesuchten Globi-Buchs aus dem Jahr 1939. Globi betrieb damals auch geistige Landesverteidigung. Die vielen zum Verkauf angebotenen raren Zeichnungen, Bücher, Entwürfe und Merchandising-Artikel stammen aus dem Nachlass von J. K. Schiele und lagern seit 1993 bei Marcus Benz.

Museen zeigen kein Interesse an Globi

Der Antiquar mit seinem Geschäft nahe dem Grossmünster hat ihn von den Töchtern des 1988 verstorbenen Ex-Globus-Werbeleiters übernommen. Ursprünglich wollte Benz die Sammlung zusammenhalten und der Öffentlichkeit zugänglich machen. «Wir haben verschiedene Institutionen kontaktiert, darunter das Landesmuseum, sowie Comic-Museen. Alle haben abgelehnt und teilweise herablassend reagiert», sagt Benz. Eine Ausstellung zum Thema Globi im Strauhof, deren Planung schon weit fortgeschritten war, sei kurzerhand aus dem Programm gekippt worden. Der etablierte Kunstbetrieb habe nach wie vor Mühe mit der Figur Globi, sagt Beat Frischknecht, der in Zürich das Globi-Archiv führt. Benz kontaktierte auch den Globi-Verlag, der heute Orell Füssli gehört, doch erhielt er nicht einmal eine Antwort auf seine Anfrage. Dabei ist die wohl berühmteste Schweizer Comicfigur ein Publikumsmagnet: Eine entsprechende Ausstellung im Gewerbemuseum Winterthur 2003 zog Massen an.

Benz entschloss sich deshalb in Absprache mit den Nachfahren von Schiele zum Verkauf der Sammlung. Benz' Frau Gertrud machte sich vor einem Jahr daran, das umfangreiche Schiele-Archiv zu erfassen. Während Monaten recherchierte sie dafür und verfasste einen originellen Katalog in der Aufmachung eines Globi-Buches: «Globi im Antiquariat». Er kostet 45 Franken und fand anlässlich der Eröffnung der Verkaufsausstellung am Mittwochabend reissenden Absatz. Unter den Gästen war neben vielen eingefleischten Globi-Fans und Comicsammlern auch Margot Schiele. Sie ist eine von fünf Töchtern des Globi-Schöpfers Schiele.

Eine Pfadfinderin namens Globi

Die 77-Jährige hat ein zwiespältiges Verhältnis zu Globi. «Ich mag den Globi überhaupt nicht und besitze kein einziges Globi-Buch», sagt sie belustigt. Die ablehnende Haltung rührt aus ihrer Kindheit. Der autoritäre Vater habe sich mehr mit Globi beschäftigt als mit seinen Kindern. «Fünf Töchter und kein Sohn, das war für ihn eine Enttäuschung. In Globi hat er seinen Sohn gefunden.» Das ganze Haus sei vollgestopft gewesen mit Globi-Material, sie hätten nur wenig Platz gehabt. Ihr Vater sei ein leidenschaftlicher Sammler gewesen und habe noch den kleinsten Papierschnitzel aufbewahrt.

Als Margot Schiele in die Pfadi eintrat, erhielt sie den Namen – Globi. «Das machte mich hässig», sagt sie. Immer sei sie als die Tochter von Globi-Vater Schiele oder die Schwester von der bekannten Textildesignerin Moik Schiele bezeichnet worden. Am schlimmsten sei es für die Kinder gewesen, wenn ein neues Globi-Buch in Planung war. Dann zitierte der viel beschäftigte Vater an seinem arbeitsfreien Sonntag ein Kind nach dem anderen zu sich, um die Entwürfe der noch textfreien Bildergeschichten zu begutachten. «Wir mussten sagen, wie die Geschichte läuft. Dadurch wollte er wissen, ob sie verständlich ist. Das war eine Tortur.»

Globi-Zeichner war immer knapp bei Kasse

Der autoritäre Stil des ehemaligen Globus-Werbechefs Schiele lässt sich auch an den zum Verkauf angebotenen Originalen ablesen. Mit dickem Rotstift schrieb er «Geht nicht!» oder «unbrauchbar» auf die Entwürfe von Robert Lips. Dass viele der Originalzeichnungen am Ende nicht dem Künstler, sondern Schiele gehörten – was ungewöhnlich ist –, hängt mit dem Lebenswandel von Lips zusammen. Der gut aussehende Zeichner, ein Lebemann und Sportler, war ständig knapp bei Kasse. Deshalb kaufte ihm Schiele die Werke ab und markierte sie auf der Rückseite mit einem grossen, roten «Bezahlt»-Stempel. Lips starb 1975, sein Grab befindet sich im Friedhof Enzbühl.

Trotz des schwierigen Verhältnisses mit Globi und ihrem Vater zollt Margot Schiele ihm heute Respekt. «Mein Vater war ein sehr kreativer Mensch. Es ist genial, was er zusammen mit Robert Lips geschaffen hat.» Dass dieses Werk nach wie vor auf sehr grosses Interesse stösst, zeigt, dass der Nachlass im Antiquariat Benz reissenden Absatz findet: Ein Grossteil der Zeichnungen, Skizzen und Bücher ist bereits mit orangen Punkten versehen. Der gestrige Verkaufsauftakt ist nicht zufällig gewählt. Am gleichen Tag ist auch mit «Globi im alten China» der neuste Globi-Band lanciert worden. Und ebenfalls kein Zufall, fällt dies mit den Neujahrsfeiern in China zusammen. Globi im Antiquariat läuft noch bis Ende März im EOS Buchantiquariat Benz an der Kirchgasse 17 in Zürich.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 19.02.2015, 14:35 Uhr

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