Ein Haus schwimmt nach Hause

Nach aufwendiger Restauration in Nuolen am Obersee ist das 100-jährige Clubhaus des Zürcher Yacht Club wieder am General-Guisan-Quai verankert.

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«Ist das die Panta Rhei?», fragen sich am Freitagnachmittag die Flaneure am Seebecken. «Ist die schon wieder kaputt?» Was da mitten auf dem See angefahren kommt, ist genauso klobig wie die Panta Rhei. Und mit 410 Tonnen noch schwerer. Das eigenartige Gefährt wird begleitet von Segeljachten und Oldtimern, von der Seepolizei und weiteren Ämtern. Wie ein gefährlicher Schwertransport. Kaum ist die Flotte unterschiedlichster Boote genug nahe am General-Guisan-Quai, wird klar: «Es ist zurück.»

Es, das ist «unser Herz und unsere Seele», sagt der sichtlich gerührte Beat Müller, Präsident des vornehmen Zürcher Yacht Club. Der ZYC ist der zweit­älteste Schweizer Jachtclub. Und vor allem der einzige Segelclub mit einem schwimmenden Clubhaus. Vor 100 Jahren wurde das Holzhaus in aufwendiger Arbeit im Stile der damaligen Schiffarchitektur gebaut und an dicken Ketten vor dem General-Guisan-Quai verankert – demonstrativ an allerbester Lage.

1936 wurde ein zweites Geschoss aufgesetzt und ein Mast für die Schweizer Flagge und die gesamte Flaggengala aus dem internationalen Signalcode. Nach 100 Jahren waren die Verankerungsketten im Wasser durchgerostet, und die Schwimmkörper aus Beton leckten. «Wir mussten immer wieder, auch mitten in der Nacht, nach einem Wasseralarm in die Schwimmer hineinklettern, um sie auszupumpen», erinnert sich ZYC-An­lagenchef und Architekt Oliver Winkler.

Die Angst vor dem Absaufen

Im letzten Mai begann das mit 2,5 Millionen budgetierte Renovationsprojekt. Die Ketten wurden gekappt und das Clubhaus in den Kibag-Hafen nach Nuolen geschleppt. Die Ingenieure hatten Alternativrouten durch untiefes Wasser ausgetüftelt, falls der Schwimmkörper im dümmsten Moment wieder lecken sollte. «Damit wir unser Clubhaus nicht in 150 Meter Tiefe vor Herrliberg ver­lieren», wie Winkler damals fürchtete.

In Nuolen wurden neue Schwimmkörper gegossen, die so gross sind wie die Parkgarage eines Wohnblocks. «Wir haben rostfreien Chromstahl und riss­armen Beton verwendet», sagt Bauingenieur Kaspar Hammer, Chef der Emch + Berger AG. «Der Kunde hat eine Lebensdauer von 100 Jahren verlangt.»

Bei der kompletten Renovation in Nuolen haben die Schreiner den Originalcharakter des zweistöckigen Holzhauses erhalten. Am altehrwürdigen Täfer kleben viel Patina und Erinnerungen an Olympische Spiele und fünf Weltmeistertitel der ZYC-Segler. Die Türen des Clubhauses blieben für fremde Augen gestern noch verschlossen. «Es braucht noch ein paar Wochen Fein­tuning», sagt Präsident Müller.

«Grosses ist halt doch möglich»

Das 410-Tonnen-Gefährt verliess Nuolen um 7 Uhr, gestossen von einem 250-PS-Schlepper der Kibag. Heikel war die enge Passage durch den Hurdemer Durchstich. «Da haben wir mit zwei Motor-Weidlingen etwas gezogen und justiert», sagt Norbert Schlauri, Chef der Wasserbau-Firma Willy Stäubli AG.

Das Anlegemanöver bei drei Windstärken Seitenwind ist besonders knifflig. Die beiden Weidling-Schiffsführer manövrieren den Betonkoloss so geschickt, dass ihn der Wind direkt an seinen Platz treibt. Die acht Ketten, die das Floss auch bei Sturm halten müssen, sind vorbereitet. Nun müssen noch Wasser, Gas, Strom und Kanalisation angeschlossen werden. Besonders freut sich Präsident Beat Müller, dass keine einzige Einsprache gegen das Projekt eingegangen war. «Das zeigt, dass in Zürich grossartige Projekte halt doch möglich sind.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2016, 20:38 Uhr

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