Ein Klick in längst vergangene Zeiten

Das Zürcher Stadtarchiv stellt seine Fotoperlen ins Netz. In thematischen Bildergalerien sind ab heute historische Aufnahmen für alle zugänglich.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Städtische Strassenbahn» steht in dicken Lettern auf dem Tram. Der Chauffeur blickt aus der offenen Türe auf das Auto, das sich in die Bahn verkeilt hat. Hinter dem Steuer des Unfallautos sitzt ein Mann mit Zylinder. Dutzende Schaulustige in eleganten Anzügen mit Melone, Filz- oder Strohhut auf dem Kopf – darunter auch ein Polizist im Messingknopf-Zweireiher – beobachten aufmerksam, wie die beiden Fahrzeuge wieder auseinandermanövriert werden, die an jenem Freitag, dem 5. März 1920, mitten auf dem Zürcher Central ineinandergeprallt sind.

Das historische Bild stammt aus dem Archivbestand des Erkennungsdienstes der Zürcher Stadtpolizei. Es ist eines von vielen Bildern, die das Stadtarchiv seit heute Mittwoch der Öffentlichkeit online zur Verfügung stellt. «Wir digitalisieren die historischen Aufnahmen schon lange und archivieren sie auf unserer Datenbank», sagt Stadtarchivarin Anna Pia Maissen. Um diese zu nutzen, brauche man allerdings ein gewisses Know-how. «Wir wollten das ändern, damit möglichst viele Leute selbstständig auf die Bilder zugreifen können.» So sei die Idee dieser neuen Datenbank entstanden, welche das Stadtarchiv nun allen zugänglich gemacht hat. Auch die Nutzung der Bilder wird vereinfacht. Neu können sie über ein Onlineformular bestellt werden.

Unfallbilder vermitteln topografische Geschichte

Faszinierend an den historischen Bilddokumenten ist nicht nur die festgehaltene Szene selbst, sondern auch das Drumherum. So herrschte 1920 am Central, wo heute sechs Tram- und zwei Buslinien sowie unzählige Autos und Fussgänger passieren, fast so was wie lauschige Stille. Eine bescheidene Haltestelle und ein kleines Häuschen stehen im Schatten grosser Bäume am Rand des gepflasterten Platzes, ein gusseisernes Gitter schliesst ihn auf der einen Seite ab, ein Gebäude mit Erkern und Terrassen auf der anderen. Nur die riesige Steinmauer, die noch heute das Central und die Weinbergstrasse flankiert, war schon da – inklusive Werbetafel. Allerdings damals mit einer anderen Botschaft.

«Die Unfallbilder der Stadtpolizei vermitteln topografische Geschichte», sagt Maissen. Sie zeigen also die geographischen Gegebenheiten verschiedener Stadtkreise, bevor sie hinter Häuserzeilen verschwanden. Und der Umstand, dass es damals sehr viel mehr Zwischenfälle auf Zürichs Strassen gab, beschert dem Stadtarchiv eine ganze Fülle solcher Zeitdokumente. «Man musste damals keine Autoprüfung machen, sondern einfach bestätigen, dass man fahren kann. Die ersten Schilder zur Regelung des Verkehrs wurden nicht vom Staat, sondern vom Automobilclub aufgestellt», so die Stadtarchivarin.

Als Nächstes kommt das Schauspielhaus

Die Einblicke in längst vergangene Zeiten erstaunen und verblüffen auch in den anderen beiden thematischen Fotogalerien, die das Stadtarchiv heute publiziert hat. Neben den Unfallbildern aus vier Jahrzehnten sind fotografische Schätze aus der Forstwirtschaft im Sihlwald um die vorletzte Jahrhundertwende sowie Bilder aus dem Firmenarchiv des Industrieunternehmens Escher Wyss zu sehen.

«Wir werden laufend weitere historische Fotografien in Form solcher Themenblöcke veröffentlichen», sagt Maissen. Als Nächstes sei eine Übersicht mit Bildern von Theateraufführungen aus dem letzten Jahrhundert geplant. Das Stadtarchiv verwaltet seit 1938/39 das gesamte Archivmaterial des Schauspielhauses. Dieses soll nun ebenfalls einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. «Ein Grossteil der Fotos wurde während der Generalproben gemacht und danach an die Presse abgegeben. Darunter auch Uraufführungen von Brecht-Stücken.»

Zum Start der Onlinebildergalerie eröffnet das Stadtarchiv heute Mittwoch, 9. März 2016, im Parterre des Hauses Neumarkt 4 in Zürich die Ausstellung «Magie der Industrie: Die Fotografien der Firma Escher Wyss» mit den schönsten Aufnahmen aus dem Escher-Wyss-Archiv.

Erstellt: 09.03.2016, 14:55 Uhr

Artikel zum Thema

Die Geheimsprache der Zürcher Wappen

Die Altstadt links und rechts der Limmat ist voll mit Wappen. Geschichten von Reichsvögten, Rittern und sogar von Ketzern verbergen sich dahinter. Mehr...

Der geplatzte Traum vom «Züri-Turm»

Attraktion oder Ungetüm: Das Projekt für einen 165 Meter hohen Aussichtsturm in Zürich sorgte vor über 50 Jahren für heftige Kontroversen um den Ortsbildschutz – fast wie derzeit der Hafenkran. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...