«Ein Konkurs ist keine Schande»

Bernhard Kunz ist seit 30 Jahren Liquidator – und dabei oft auch ein bisschen Seelsorger. Er sagt, er habe den vielfältigsten Beruf der Welt.

«Wenn jemand im Alter vor dem Ruin steht und sein Lebenswerk zerschlagen sieht, braucht es sehr viel Betreuung»: Liquidator Bernhard Kunz in seinem Geschäft in Zürich.

«Wenn jemand im Alter vor dem Ruin steht und sein Lebenswerk zerschlagen sieht, braucht es sehr viel Betreuung»: Liquidator Bernhard Kunz in seinem Geschäft in Zürich. Bild: Simon Tanner

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Herr Kunz, was ist Ihr Rezept gegen schlechte Montagslaune?
Ich gehe mit meinen Hunden Gassi. Hilfreich ist auch Autosuggestion. Dabei wiederholt man – frei nachÉmile Coué – mehrmals den Satz: «Es geht mir mit jedem Tag in jeder Hinsicht immer besser und besser!»

Wo wären Sie gerade lieber als hier?
An der wärmenden Sonne.

Worauf kommt es bei Ihrem Job ganz besonders an?
Man muss fantasievoll sein und über den Markt Bescheid wissen. Der Kunde lässt sich nicht täuschen, denn er kennt die Preise. Bei Liquidationen gibt es keine Margen, deshalb können wir mit den Preisen tauchen.

Wie kommen Sie zu Ihrer Ware?
Wir akquirieren nicht, sondern werden mit der Auflösung beauftragt. Konkursamtliche Liquidationen sind aber nur ein Teil. Hauptsächlich bewahren wir Firmen vor dem Bankrott. Kommt jemand um fünf vor zwölf mit mehr Schulden als Aktiven zu uns, schätzen wir ab, wie viel Liquidität wir noch generieren können. Den Gläubigern teilen wir mit, dass das Unternehmen vor dem Konkurs steht, wir es aber davor bewahren können, wenn wir eine Nachlassdividende erwirtschaften dürfen.

Was ist das Schlimmste, was Ihnen in Ihrem Job passieren kann?
Wenn die Kosten einer Liquidation den Betrag übersteigen, den wir erwirtschaften. Zum Glück ist dies aber noch nie passiert. Wir nehmen auch Mandate an, bei denen wir kein Geld verdienen, hauptsächlich aus ethischen Gründen.

Ist es Ihr Traumjob?
Es ist der vielfältigste Job der Welt. Jeden Tag einen anderen Arbeitsweg, Einblick in sämtliche Branchen. Von der Boutique für Damenmode zur Maschinenfabrik, vom Möbelschreiner zum Treuhandbüro. Nur Sexshops und Waffengeschäfte machen wir nicht.

Haben Sie Mitleid mit Ihren Mandanten?
Das kommt vor. In solchen Momenten ist man seelsorgerisch gefragt. Wenn jemand im Alter vor dem Ruin steht und sein Lebenswerk zerschlagen sieht, braucht es sehr viel Betreuung. Man muss diesen Leuten erklären, dass es keine Schande ist, was gerade passiert. Insbesondere wenn anstatt eines Konkurses, wo die Gläubiger leer ausgehen, dank der Liquidation ein Teil der Ansprüche befriedigt werden kann.

Greifen Sie sich vor der Liquidation die besten Stücke?
Nie. Ich trage ja nicht einmal eine Uhr. Das liegt auch am Naturell meiner Frau und mir. Wir wollen möglichst keine Ware horten.

Was war das teuerste Objekt, das Sie je verscherbelt haben?
Ein altes, grosses Karussell. Das habe ich auf einer Fahrt zwischen Zürich und Bern am Telefon verauktioniert. Für 100'000 Franken ging es an eine Sammlergesellschaft.

Welche Anekdote werden Sie noch im Altersheim erzählen?
Einmal war ich in eine Polstermöbelfabrik eingeladen. Bei der Empfangsdame musste ich mich als Herr Meier vorstellen. Das Personal wusste noch nicht, dass vielleicht ein Konkurs bevorsteht.

Zürich wäre eine bessere Stadt . . .
. . . wenn der Stau ein bisschen weniger wäre. Und wenn endlich ein richtiges Fussballstadion gebaut würde.

Was wollen Sie uns mit auf den Weg geben?
Zuversicht bewahren. Und sich stets darüber im Klaren sein, dass wir zu den Privilegiertesten der Welt gehören.

Erstellt: 09.01.2011, 22:16 Uhr

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