Ein Kranballett für den Zürcher Justizpalast

Zehn Kräne und Betonpumpen bauen im alten Güterbahnhof das umstrittene PJZ auf. Das Gebäude soll doppelt so viel Volumen haben wie der Prime Tower.

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Wenn die Kräne nicht wären, würde die Baustelle zwischen Bahngleisen und Hohlstrasse wie ein riesiger Parkplatz aussehen. Die Grundstücksfläche des PJZ ist so gross wie sechs Fussballfelder – 40'000 Quadratmeter. Der Bau wird ein Volumen von 500'000 Kubikmetern haben, mehr als doppelt so viel wie der Prime Tower auf der anderen Seite der Hardbrücke. Nur ein Gebäude, das in der Schweiz erstellt wird, ist noch grösser und teurer: The Circle beim Flughafen.

Das knapp 500 Meter lange Gelände ist abgeriegelt und wird von Kameras und Bewegungsmeldern überwacht. Im Sommer war es zu einem vermutlich politisch motivierten Brandanschlag gekommen. Die Trafoanlage brannte aus. Nun stehen die Baracken, zwei Betonmischer und alle Transformatoren hinter dem Sicherheitszaun, Securitas-Leute patrouillieren, der Eingang gleicht einer Festung.

Acht Kräne stehen schon, zwei weitere werden montiert. Zehn Kranführer steigen jeden Morgen um sechs Uhr in ihr ­Kabinchen hoch. Sie haben ihren Znüni dabei und eine Nottoilette. Über Mittag bleiben sie oben. Die Kräne werden von einem Computer überwacht. «Jeder Kran hat eine Katzbegrenzung», sagt Gesamtprojektleiter Ralph Grund vom Generalunternehmer HRS. Denn theoretisch könnte ein Kran den anderen umhauen oder einer dem anderen die Last vom Haken wischen. Noch schlimmer: Die äusseren Kräne haben eine Reichweite bis auf die Letzigrabenbrücke der SBB und könnten dort den Bahnverkehr gefährden. «Ein Sicherheitsprogramm kann die Kranführer übersteuern», sagt Grund. «Drehbewegungen und maximale Ausfahrdistanzen der Laufkatzen werden vom Computer eingeschränkt.»

Bis 1000 Leute auf der Baustelle

100 Bauleute sowie 30 Elektriker und Sanitäre arbeiten heute auf der Baustelle. Nach der Aufrichte im April 2019 werden es bis 1000 Leute sein. Die Bauarbeiter sind gesichert an einem Drahtseil mit elastischem Rückholer, das wie eine lange Hundeleine funktioniert. Zwölf Meter tief ist die Baugrube. 34'000 Kubik­meter Aushub – das sind 500 gefüllte Güterwagen – wurden mit der Bahn in die Weiacher Kiesgruben transportiert.

«Solange die Temperatur nicht unter minus fünf Grad fällt, können wir problemlos betonieren», sagt Ralph Grund. Wirds noch kälter, müssen dem Beton Zusätze beigemischt und frisch betonierte Wände mit Teppichen isoliert werden. In den fünf Monaten seit der Grundsteinlegung im Juni sind drei Kellergeschosse betoniert worden.

Vergangenen Donnerstag hat das Gebäude erstmals den Rand der Baugrube erreicht. Gebaut wird das PJZ in den Ablagerungen der Limmat. Der unterste Kellerboden liegt anderthalb Meter unter dem Grundwasser. Pro Minute werden über dicke Rohre bis zu 15'000 Liter Grundwasser abgepumpt und ausserhalb der Baustelle wieder in den Limmatschotter eingespeist. Mit diesem Wasser liesse sich das 50-Meter-Becken des City-Hallenbads in zwei Stunden füllen. Später dient das Grundwasser zum Heizen des Gebäudes.

Ein gletschergrüner Palast

Justizpalast wird das Polizei- und Justizzentrum von politischen Gegnern genannt. Wie dieser vom Architektur-Urgestein Theo Hotz gezeichnete Palast beim Bezug ab 2021 aussehen wird, zeigt schon heute ein Türmchen beim Eingang. Gletschergrün soll der aus dem Walliser Steinbruch Salvan stammende Stein schimmern – Vert de Salvan. Auch das Fassadenmodell musste mit der Baueingabe geprüft werden. 120 Bundesordner umfasst die Offerteingabe. Die Bauleitung residiert in einem praktisch ungeheizten «Managementzentrum», das in den letzten beiden der einst denkmalgeschützten Sägezähnen untergebracht ist. Diese dienten über 100 Jahre lang als Verladerampen des Güterbahnhofs.

«Dieser Bau ist wohl das komplexeste Gebäude, das in der Schweiz je gebaut wurde», sagt Hans-Rudolf Blöchlinger, der im Auftrag der Zürcher Regierung oberster Projektmanager ist. Das PJZ soll ein «Kompetenzzentrum» für die Bekämpfung der Kriminalität werden und 1800 Arbeitsplätze und 300 Gefängnisplätze umfassen. Kantonspolizei, Staatsanwaltschaft, Justizvollzug, Forensisches Institut, Polizeischule und Zwangsmassnahmengericht sollen unter einem Dach zusammenarbeiten – heute sind diese Institutionen über mehr als 30 Standorte verteilt. Gewisse Pläne unterliegen der Geheimhaltung, «einige existieren aus Sicherheitsgründen nur als Papierkopien», sagt Blöchlinger.

Eine Zahl hängt für die Projektleiter als Damoklesschwert über dem Bau: 568,8 Millionen Franken. Das ist die Preislimite, die sich in zwei Volksabstimmungen und einem 15-jährigen Hickhack im Kantonsrat herausgebildet hat. Um die Limite zu erreichen, musste das Projekt verkleinert werden. Auf Seite Hardbrücke fehlen ein Büromodul und ein Gefängnismodul. Statt gletschergrünen Walliser Stein erhält die Fassade dort nur begrüntes Blech.

Seilziehen um Arbeitsplätze

Pendent ist eine SP-Motion, die 50 bis 100 Millionen Franken mehr will, um das PJZ in einem Guss fertigzustellen. Für die politische Mehrheit dürften die 568,8 Millionen jedoch eine Schallmauer sein – auch wenn der Kantonsrat entschieden hat, dass die Kantonspolizei das Kasernenareal vollständig räumen muss. Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) sagte dazu, dass sämtliche für die Strafverfolgung zuständigen Stellen ins PJZ umziehen, der Chef der Sicherheitspolizei ebenso wie die Chefin der Kriminalpolizei; auch der Kommandant werde dort ein Büro haben. Projektmanager Blöchlinger versucht nun, im PJZ Platz für weitere Teile der Polizeiverwaltung zu finden. Gelingt dies nicht, muss wohl das Immobilienamt von Baudirektor Markus Kägi (SVP) Lösungen finden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.12.2017, 21:57 Uhr

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