Ein Loblied auf die Kohlensäure

Neben grossen bekannten Fabriken rentierten in Zürich kleine innovative Betriebe. Sie fabrizierten Eisschränke, Koffer und Bettfedern. Auf ein Produkt dichtete man sogar ein Lied.

«Heil dir, du sauerer Wind, den man aus Cokes gewinnt», wurde die Kohlensäure besungen. Kohlensäurefabrik Zürich (undatierte Aufnahme). Foto: Stadt Zürich, Amt für Städtebau

«Heil dir, du sauerer Wind, den man aus Cokes gewinnt», wurde die Kohlensäure besungen. Kohlensäurefabrik Zürich (undatierte Aufnahme). Foto: Stadt Zürich, Amt für Städtebau

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Dutzende von Fabriken stellten im vergangenen Jahrhundert Alltagsgüter her. Sie verteilten sich über die ganze Stadt. Die meisten sind längst verschwunden, einige wenige gibt noch, heissen anders oder produzieren nicht mehr in Zürich. Archivmaterial solcher Fabriken existiert praktisch keines. Entsprechend schwierig ist es, Informationen über die Geschichte dieser Firmen zu finden.

Die Kühlschrankfabrik

Der Ingenieur Carl August Bauer-Ziegler gründet 1863 in Aussersihl die erste Eiskastenfabrik der Schweiz. Das Büro befindet sich an der Lagerstrasse 4, die Werkstätten an der Eisgasse 9. Bauer entwickelt eine isolierende Gefrierbox, die er mit Natureis kühlt. Dieses beschafft er sich vom gefrorenen Katzensee, den er während der Wintermonate mietet, schreibt Eugen Hermann in seinem Buch «Ein Jahrhundert Zürich und die Entwicklung seiner Firmen». Arbeiter brechen Schollen heraus, sägen sie in Stücke und bringen die Blöcke in den bei der Fabrik gelegenen Schuppen, wo sie das Jahr hindurch lagern. Die Kunden erhalten das Eis direkt ins Haus geliefert. 1875 stirbt der Firmengründer, seine ­Erben übernehmen den Betrieb.

1884 teilt sich das Unternehmen in zwei Firmen auf. Eine ist für den Eishandel zuständig. Die andere fabriziert Eiskasten für Restaurants und Kühlkeller, sie gehört einem Jakob Schneider. Nach seinem Tod 1899 führt Sohn Ernst Schneider das Geschäft erfolgreich weiter. Es ist die erste Blütezeit des Unternehmens. 1904 streiken die Eiskasten­arbeiter, im gleichen Jahr stirbt Ernst Schneider. An der Landesausstellung stellt die Firma 1914 die ersten elektrisch betriebenen Kühlschränke vor, die sie gemeinsam mit Escher-Wyss und Brown Boveri entwickelt. Eduard Imber übernimmt die Firma und richtet sie neu an der Haldenstrasse 27 ein. Die Spuren der Firma lassen sich bis in die 70er-Jahre verfolgen, dann verlieren sie sich.

Die Bettfedernfabrik

Jakob Müller ist bereits ein Fachmann für Bettfedern als er 1922 an der Juchstrasse 46 in Altstetten mit seiner eigenen Firma startet. Der gebürtige Schaffhauser hatte erkannt, dass die Nachfrage nach heimischen Bettfedern das Angebot übersteigt. Die Produktion wird von zwei Fabriken dominiert. Müller nimmt mit zehn modernen Maschinen seine Arbeit auf. Die ersten Angestellten lernt er persönlich an. Dank einer konstant hohen Qualität gelingt es dem Bauernsohn, sich einen treuen Kundenstamm aufzubauen.

Die Firma floriert, Max, Sohn des Gründers übernimmt in den 40er-Jahren die Firma mit 15 Angestellten. In den 50er-Jahren bietet sie fertige Duvets an. «Nordisch Schlafen» kommt in den 70er-Jahren in Mode. Müller verkauft seinen Betrieb 1995 an Valora, es folgt der Zusammenschluss mit der Billerbeck-Gruppe. Nach weiteren Besitzerwechseln werden die Bettwaren heute in Ungarn produziert. Die Firma führt die Marken Schlossberg, Dauny und Billerbeck in ihrem Sortiment.

Die Gasmesserfabrik

In Zürich erleuchten 1856 die ersten Gaslampen die Strassen. 22 Jahre später eröffnet François Martin Wohlgroth an der Klingenstrasse 5 die erste Gasmesser­fabrik. Wohlgroth, der einer elsässischen Familie entstammt, ist ein rast­loser Unternehmer und auch Mitbegründer der «Tribune de Lausanne et Estafette». Seine beiden Söhne übernehmen 1911 die Leitung und erweitern den Betrieb. Sie bauen die Produktion von trockenen Hochleistungsgasmessern aus, exportieren die Geräte und lassen sie im Ausland in Lizenz produzieren. Wohlgroth ist zudem im Apparatebau ­tätig und stellt neben Geräten für die Gas­industrie auch Spirometer her, mit denen sich die Lungenkapazität messen lässt. Die Fabrikanlage wird Anfang des Zweiten Weltkriegs durch einen Anbau deutlich vergrössert. Ende der 40er-Jahre beschäftigt die Firma 120 Personen. Neben der Gasmessung gewinnt die Gasdruckregelung an Bedeutung. In den 70er-Jahren wird immer weniger in Zürich produziert. Wohlgroth zieht 1989 nach Schwerzenbach. Demonstranten besetzen die leer stehende Fabrik neben dem HB-Gleisfeld. 2007 tritt Harry L. Wohlgroth in den Ruhestand, und die Firma Wohlgroth wird an die deutsche Firma Hawle verkauft und als eigenständiges Unternehmen weitergeführt.

Die Schürzenfabrik

Als die Brüder Hermann und Moise Schmuklerski ihre Wäschefabrik Hugo Schmuklerski im Jahr 1888 gründen, sind 11-Stunden-Arbeitstage die Regel. Zürich wächst um die Jahrhundertwende stark, und die Nachfrage nach Kleidern und Wäschestücken ist gross, schreibt Paul Gygax im Buch «Das Wirtschaftsleben Zürichs im Lauf der Jahrzehnte». Der erste Betrieb steht an der Rotwandstrasse im Kreis 4. An der Gewerbeausstellung 1894 auf dem alten Tonhalleplatz gewinnen sie ein Diplom für ihre Textilien. Wenig später zieht die Firma an die Werdgasse 37 und erstellt an der Weberstrasse 4 ein eigenes ­Fabrikgebäude. Der imposante Backsteinbau steht heute noch. In den 40er-Jahren beschäftigt der Betrieb, der Schürzen, Damen- und Herrenwäsche herstellt, gegen 100 Angestellte und 200 Heimarbeiterinnen. Die Textilfirma Schmuklerski ist längst Geschichte. Im Backsteinhaus ist heute neben Softwarefirmen und Architekturbüros auch eine Textilfirma eingemietet.

Die Kofferfabrik

Mit der Erfindung der Dampfmaschine wird im 19. Jahrhundert das Reisen angenehmer. Dies wirkt sich auf das Gepäck aus: Statt beschlagener Kisten und Kasten kommen elegante und leichtere Koffer zum Einsatz. J. H. Landis stellt ab 1865 in seinem Betrieb an der Kirchgasse solche Reiseartikel her. Fünf Jahre später ist der Betrieb viel zu klein, und Landis zügelt seine Werkstätte nach Oerlikon an die Affolternstrasse beim Bahnhof. Zur Fabrik mit 20 Arbeitern gehört auch eine Sägerei, um Hölzer für die Kabinen- und Überseekoffer in der gewünschten Form zu produzieren. Nachdem der Firmengründer und später auch dessen Sohn verstorben sind, übernehmen sie 1916 die Herren Vogt, Kunz und Hotz. Die Firma überlebt wirtschaftliche Krisen, den Ersten und auch den Zweiten Weltkrieg. Mit dem Aufkommen der Zivilluftfahrt eröffnet sich für das Unternehmen ein neues Geschäftsfeld – das Fluggepäcksystem Landis-Clipper wird patentiert. 1954 erstellen die In­haber einen Neubau. In der Näherei, Leimerei, Stanzerei, Leder- und Stoff­zuschneiderei arbeiten rund 200 Leute. 1972 gehen von Oerlikon aus die letzten Koffer auf Reisen.

Die Kohlensäurefabrik

Die Schweizerische Kohlensäure-Werke AG betreibt bereits seit 1883 an der Stampfenbachstrasse 17 eine Kohlen­säurefabrik, als sie 1911 an die Volkswirtschaftsdirektion des Kantons Zürich schreibt. Die Firma möchte einen neuen Betrieb an der Hardturmstrasse bauen und reicht darum «höflichst» ein Bewilligungsgesuch ein. Die Gewinnung der Kohlensäure basiere grundsätzlich auf dem gleichen Prinzip wie an der Stampfenbachstrasse, «also in der Weise, dass Coaks durch Verbrennung und Absorption in Kalilauge Kohlensäure ent­wickelt, die, sobald in gasförmiger Weise im Gasometer aufgespeichert, durch einen Kompressor verflüssigt wird in die üblichen amtlich auf 190 Atm. geprüften Stahlflaschen zum Transporte». Schmiedeeiserne Flaschen sind wegen des schnell ansteigenden Kohlensäure­konsums Mangelware.

Im Mai 1912 gewinnt die Zürcher Kohlensäurefabrik an der Schweizerischen Fachausstellung für das Gastwirtschaftsgewerbe eine «Goldene Medaille und Diplom». Sogar eine Kohlensäurehymne wird getextet: «Heil dir, du saures Gas, das strömt aus Mund und Nas’, Kohlensäure. Heil dir, du sauerer Wind, den man aus Cokes gewinnt, den uns der Hirter bringt, Kohlensäure», lautet die erste Strophe mit der Melodie der damaligen Nationalhymne «Heil dir, Helvetia». Aus der Firma geht später die Carbagas hervor, die ihren Hauptsitz in Gümligen BE hat. Neben vielen anderen Gasen produziert sie nach wie vor Kohlensäure.

Die Rechenmaschinenfabrik

Wo heute das Hotel Hyatt steht, baute Hans Walter Egli 1898 seine Rechenmaschinen der Marke Millionär. Zu den ersten Käufern der mit Schiebereinstellung und von Hand gebauten Maschinen zählt die ETH. Zwei achtstellige Zahlen lassen sich mit den Geräten in sieben Sekunden multiplizieren. In amtlichen Betrieben setzt sich die Rechenmaschine schnell durch, und der Betrieb zieht an die Seestrasse 356 in eine grössere Liegenschaft. Im Jahr 1913 folgt eine weitere technische Neuheit, die erste Staffelwalzenmaschine mit vollautomatischer Division – die Madas. Das Kürzel setzt sich zusammen aus den Anfangsbuchstaben von Multiplikation, automatische Division, Addition, Subtraktion. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte und nach dem Tod des Firmengründers 1925 erscheinen verbesserte, kleinere und leistungsfähigere Geräte. In seiner Blütezeit, den 40er-Jahren, beschäftigt das Unternehmen 250 Mitarbeiter. Als Olivetti 1959 seinen ersten elektronischen Computer vorstellt, beginnt der wirtschaftliche Abstieg der Firma Egli. Sie verschläft den Wechsel von der Mechanik zur Elektronik und stellt Ende der 60er-Jahre alle Aktivitäten ein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.01.2015, 09:02 Uhr

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