Ein Mahnmal für die Folgen der Sparwut

SBB und Bund müssen den Bahnhof Stadelhofen für 900 Millionen Franken ausbauen. Eine horrende Summe, die der Angst vor einem Volks-Nein geschuldet ist.

Teurer Ausbau: So soll der Bahnhof Stadelhofen künftig aussehen.

Teurer Ausbau: So soll der Bahnhof Stadelhofen künftig aussehen. Bild: Visualisierung SBB

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Am Anfang war die Angst vor einem Volks-Nein zum ambitionierten Projekt Zürcher S-Bahn: Aus diesem Grund strichen Planer und Politiker vor vierzig Jahren die Kosten für den Ausbau des Bahnhofs Stadelhofen zusammen – und behaupteten, das vierte Gleis sei nicht nötig.

Dass das eine Fehleinschätzung war, sickerte bald durch. Bereits 1987, drei Jahre vor der Eröffnung der S-Bahn, sah sich die NZZ unter dem Titel «Konsequenzen aus einem Fehlentscheid» zur maliziösen Bemerkung veranlasst, es sei von Anfang an klar gewesen, dass das vierte Gleis «vor allem für die erfahrungsgemäss nicht gerade seltenen Störungsfälle mehr als bloss wünschbar gewesen wäre.»

Der Rest ist bekannt, die Befürchtungen der NZZ bewahrheiteten sich. Mehr noch, der Bahnhof Stadelhofen ist nicht mehr nur die Achillesferse des S-Bahn-Netzes, sondern oft Auslöser für Verspätungen in der halben Schweiz. Nun müssen SBB und Bund den Bahnhof für 900 Millionen Franken ausbauen.

Der Stadelhofen wird für 900 Millionen Franken erweitert: So soll das neue unterirdische Gleis aussehen. Visualisierung: SBB

Eine horrende Summe, vor allem wenn man bedenkt, dass das gesamte S-Bahn-Netz damals rund 750 Millionen kostete – und das vierte Gleis am Stadelhofen für etwa 60 zusätzliche Millionen realisierbar gewesen wäre.

Damit ist der Stadelhofen ein Mahnmal für die Folgen von falsch verstandener Sparwut. Und er ist, leider, nicht das einzige. Ein weiteres unrühmliches Beispiel ist das Polizei- und Justizzentrum, das schon vor der Eröffnung zu klein ist. Nicht zu reden von unzähligen Bauprojekten im ganzen Kanton, bei denen sich bürgerliche Parteien noch in Zeiten der Klimakrise gegen Solaranlagen und bestmögliche energetische Standards wehren. Im Wissen darum, dass Sanierungen und Ausbauten im Nachhinein teurer sind. Und in der Hoffnung, dass es dann andere sind, welche die Fehler ausbaden müssen.

So soll das 4. Gleis an den Bahnhof Stadelhofen angebunden werden (zum Vergrössern bitte anklicken). Grafik: SBB

Ob SBB und Bund im Fall Stadelhofen ihre Lektion gelernt haben, wird sich zeigen (lesen Sie hier, was die SBB am Stadelhofen planen). So steht bereits die Frage im Raum, ob das vierte Gleis ausreicht – oder ob, wenn schon gebohrt wird, vielleicht noch ein fünftes sinnvoll wäre. Wie auch immer: Mit der geplanten Eröffnung im Jahr 2035 dauert es ohnehin schon viel zu lang, bis der Fehlentscheid von 1981 behoben wird. Danach muss der Stadelhofen wieder für fünfzig Jahre ausreichen.

Erstellt: 19.11.2019, 14:44 Uhr

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