Ein Mann der Veränderung

Der New Yorker Starjournalist Nicholas Lemann kommt nach Zürich.

Sein Auftritt ist bescheiden: US-Journalist Nicholas Lemann. Foto: PD

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Wer ihn gelesen hat und dann auf ihn persönlich trifft, staunt. Der Gegensatz zwischen Nicholas Lemanns publizistischem Auftritt und seiner persönlichen Ausstrahlung ist faszinierend. Morgen Dienstag tritt Lemann am «Tages-Anzeiger»-Forum im Zürcher Schiffbau vor 300 geladenen Gästen auf.

Sein journalistischer Palmarès beeindruckt. Als langjähriger Mitarbeiter des einflussreichen US-Magazins «The New Yorker» beschreibt und kommentiert er die Grossen und Mächtigen: Hillary Clinton, Dick Cheney und die Bush-Familie, Dilma Rousseff. Zuweilen tut er das in furchteinflössender Ausführlichkeit. Sein Porträt der amerikanischen Chef-Notenbankerin Janet Yellen umfasst 16 eng beschriebene Seiten. Das hat Gewicht, in jeder Hinsicht.

An ihm selber fällt auf, wie wenig er auffällt. Die unvermeidliche Krawatte ist etwas unordentlich geknöpft, die Frisur über der hohen Stirn ist pflegeleicht, das Auftreten ist bescheiden. Und dann die Stimme: Sie ist leise, suchend und überrascht mit der hohen Tonlage. In einem Woody-Allen-Film könnte er als leicht zur Schusseligkeit neigender Upper-West-Side-Intellektueller auftreten. Es sind genau diese Äusserlichkeiten, die Politiker und Wirtschaftsleute zu ihm Vertrauen fassen lassen – was wiederum seine Porträts so erhellend und lesenswert macht.

Aufgewachsen ist Lemann im tiefen Süden, weit abseits des linksliberalen Ostküstenmilieus. 1955 in New Orleans in eine Bücher liebende jüdische Familie geboren, fand er mit 17 Jahren in den Journalismus. Die Lokalzeitung zahlte kaum Honorare, stellte ihrem jungen Mitarbeiter aber eine Bedingung: Lemann musste das Blatt austragen helfen. Ein glänzender Studienabschluss in Harvard öffnete die Türen zu bedeutenden Blättern wie der «Washington Post» und in höchste politische Zirkel. Für den «New Yorker» schrieb er ab 1999 aus der Hauptstadt.

2003 kam die Zäsur: Die Columbia-Universität holte ihn, um ihre renommierte, aber angejahrte Journalistenschule ins digitale Heute zu führen. Lemann krempelte die Studiengänge um. Die angehenden Reporter mussten plötzlich nicht allein an ihren Sätzen feilen, sondern auch an Computeralgorithmen und Datenbankabfragen.

In Zürich wird er zu einem Thema sprechen, das ihn umtreibt, seit er vor vier Jahren den damaligen republikanischen Präsidentschaftskandidaten Mitt Romney als «Transformation Man» beschrieb: der nachlassende Einfluss von fixen Institutionen und die zunehmende Bedeutung des stetigen Wandels – verkörpert im Werdegang Romneys. Er blieb im Gegensatz zu seinem Vater nicht lebenslang Manager in ein und derselben Firma, sondern jonglierte mit vielen Unternehmen, um sie im immer temporeicheren wirtschaftlichen Veränderungsprozess fit zu halten. Eigentlich beschreibt Lemann so auch seine eigene Branche ganz gut.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2016, 19:07 Uhr

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