Ein «Negerdörfli» in Altstetten

Als Menschen in Zoos ausgestellt wurden: Rea Brändle erzählt die unglaubliche Geschichte von Völkerschauen, die bei weitem nicht so fern ist, wie wir das gerne hätten.

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«Negerdörfli, darfst Du nicht schreiben», ist der spontane Kommentar des Kollegen. Falsch: Negerdörfli muss man schreiben, wenn man dieser Geschichte, die Rea Brändle in der erweiterten Neuausgabe ihres Standardwerkes zu Völkerschauen fortsetzt, gerecht werden will.

Vor nunmehr fast zwanzig Jahren schrieb die Germanistin unter anderem über das Hüttendorf in Altstetten, in dem im Sommer 1925 zwecks Volksbelustigung 74 Personen aus Westafrika lebten und an Fehlernährung erkrankten oder gar starben. Damit begann die Aufarbeitung eines Stücks Kulturgeschichte, das für manche noch Zeitgeschichte ist.

Senegalesendorf auf der Flamingowiese

Erst waren es vor allem Jahrmärkte, dann Tingeltangel-Theater und Varietés, die neben dressierten Bären und der dicksten Frau der Welt Indianer-Prinzessinnen und «Riesen-Neger» zur Schau stellten. Ab den 1870er Jahren veranstalteten aber auch grössere Etablissements Völkerschauen. So etwa die Tonhalle, das Plattentheater in Zürich Fluntern, das Panotpikum am Unteren Mühlesteg oder der Zoo Zürich, wo 1930 auf der Flamingowiese ein Senegalesendorf aufgebaut wurde.

Der Schweizer Nationalcircus Knie zeigte bis 1964 auf dem Sechseläutenplatz in Seitenzelten neben Tieren auch Menschen bei ihren täglichen Verrichtungen. 1955 verkündeten die Plakate: «Afrika ruft, Sitten- und Völkerschau. Neger aus dem Sudan. Sechs Männer, drei Frauen, zwei Kinder.» Drei Jahre später: «Indianerüberfall. Drei Männer, zwei Frauen, zwei Kinder.»

Feuerländer = Menschenfresser

Rea Brändle stiess zufällig auf das Thema: Im Zusammenhang mit einer anderen Recherche entdeckte sie in einer Inventarliste des Anthropologischen Instituts der Universität Zürich die Namen von fünf Menschen aus Feuerland, die 1882 innert weniger Tage in Zürich gestorben waren. Die Geschichte dahinter erzählte sie vorerst in der WOZ. Der Artikel wurde zum ersten und bedrückendsten Kapitel ihres Buches «Wildfremd und hautnah».

Die fünf Feuerländer waren für ein Gastspiel im Plattentheater am Zürichberg auftraten. Sie starben an Syphilis, wie Mediziner später diagnostizierten. Ihr Tod fand in der Presse unter anderem folgendermassen Niederschlag: «Den Feuerländern scheint unser Klima nicht zu behagen. Bereits ist einer von der Truppe gestorben. Selbstverständlich finden die Ausstellungen doch statt, da ein solcher Fall keinen Anlass zu besonderer Trauer, wohl eher den Damen und Herren aus Patagonien einen verstärkten Appetit gibt.» (Die Limmat, 21. Febr. 1882)

Sensationslust und ehrliches Interesse

Rea Brändles Buch fand im Ausland grosse Beachtung, in Zürich aber blieb es, abgesehen von einer Ausstellung im Stadtarchiv, merkwürdig still, und es dauerte etliche Jahre, bis die Völkerschauen den Weg in die Geschichtsbücher fanden. Mag sein, dass das Thema so nahe zu nahe ging. Gerade weil die Autorin sachlich beschreibt und nicht wertet, ist man als Leser zuweilen fassungslos.

Weil sie aufzeigt, dass die Völkerschauen nicht nur Sensationslust befriedigten, sondern auch auf aufrichtiges Interesse stiessen, wird das Thema kulturhistorische relevant. Und da sie auch jene zu Worte kommen lässt, die explizit oder zwischen den Zeilen ein Unbehagen äussern, beginnt man auszuloten, wie unvoreingenommen man selbst dem Exotischen und Fremden begegnet; wo Klischées bedient und Überheblichkeit begründet wird.

Wo beginnt Rassismus?

«Mich interessieren an dem Thema vor allem die Schnittstellen», sagt Rea Brändle. «Wo kippt Gedankenlosigkeit in Rassismus über?» Oder: «Warum wollen wir das sehen, das . was ist das überhaupt? Was ist echt, was Folklore, was Betrug?» Zur Neuauflage ist es gekommen, weil das Buch seit Jahren vergriffen ist, die Nachfrage aber blieb. Zudem ist Brändle auf weiteres Material gestossen. So ist das analytisch gehaltene Kapitel zu den Völkerschauen im Circus Knie neu hinzugekommen. Zudem wurde ihr nach dem Erscheinen ihres Buches verschiedentlich Bildmaterial überreicht.

Neu – und für weitere Forschungsarbeiten sehr nützlich – ist auch der Anhang, in dem Brändle die Gastspielpläne der Völkerschauen auflistet. Dabei zeigt sich, dass diese Spektakel nicht nur in Städten wie Zürich oder Basel, sondern auch in Wädenswil oder in Töss ein Publikum fanden.

Selbst Beerdigung wurde zum Spektakel

Der Dokumentation ist zu entnehmen, dass das Hüttendorf auf der Letziwiese in Altstetten am 27. September verlassen wurde und die Bewohner nach Paris zogen. So hatte auch Paris ein «Negerdörfli». In Altstetten blieben Timbo, Bocari und Sana Bolou. Sie lagen auf dem Friedhof am Lindenplatz und waren an Beriberi gestorben, einer Vitaminmangelkrankheit, weil sie nur den bei uns üblichen geschälten Reis zu essen bekamen. Die Beerdigung von Sana hatte zu einem Volksauflauf geführt.

Rea Brändle: Wildfremd, hautnah, Rotpunktverlag, 42 Fr. Vernissage, Donnerstag, 12. Dezember, 19 Uhr im Völkerkundemuseum Zürich (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.12.2013, 10:51 Uhr

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