Ein Ort der Berührung

Eröffnungsfeier des Erweiterungsbaus im Landesmuseum hat stundenlang gedauert. Alle waren bester Laune – nur Petrus spielte nicht immer mit.

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Das Fest für die Eröffnung des Landesmuseums 1898 dauerte drei Tage. Die Einweihung des Erweiterungsbaus wurde am vergangenen Wochenende 26 Stunden lang gefeiert – dafür durchgehend. Und es war ein Riesenerfolg. Die Organisatoren schätzen die Zahl der Besucherinnen und Besucher auf rund 10 000. Im Innern des Museums herrschte Grossandrang. Führungen und Vorstellungen waren ausgebucht, Schwingen, Armbrustschiessen, Märli-stunde, Turmbesteigung, Yoga-Lektionen oder einfach eine Massage zwischendurch – alles wurde regelrecht überrannt. Wer Glück hatte, konnte sich einen Platz auf der historischen Gotthard-Postkutsche ergattern und konnte in ihr fünf Minuten durch den Platzspitzpark rollen.

Eröffnet wurden die Feierlichkeiten am Sonntagnachmittag. Die Organisatoren hatten mit einem schwülen Sommertag gerechnet und vorsichtshalber grosse Mengen an Mineralwasser verteilen lassen. Als punkt 16 Uhr Museumsratspräsident und ehemaliger Regierungsrat Markus Notter die Einweihungsfeier eröffnete, goss es jedoch in Strömen. Für die Zuschauer bedeutete das, in die eiligst verteilten Pelerinen zu schlüpfen und wenn möglich unter einem Regenschirm Zuflucht zu suchen. Für die Redner war es ein willkommener Anlass, ihre Reden mit improvisierten Sprüchen über das Wetter anzureichern. Dem Schirmherrn des Landesmuseums, SP-Bundesrat Alain Berset, gelang das am besten. Er eröffnete seine Rede mit dem Satz: «Auch Meteo Schweiz gehört zu meinem Departement. Meistens bin ich darauf stolz, heute leider nicht.»

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Markus Notter stimmte die 2000 Gäste aus 26 Kantonen locker auf die Festivitäten ein. Er wies auf die engen Platzverhältnisse hin und bemerkte: «Das Landesmuseum ist auch ein Ort der Berührung.» Als er die beiden Ex-Bundesräte Moritz Leuenberger (SP) und Christoph Blocher (SVP) begrüsste, betonte er unter allgemeinem Gelächter: «Das Landesmuseum ist auch ein Ort der Begegnung.»

Das neue Landesmuseum vereint Gegensätze – nicht nur während des stundenlangen Eröffnungsfests. Foto: Thomas Egli

Eine Eröffnung ist stets eine gute Gelegenheit für Werbung in eigener politischer Sache. Die Zürcher SP-Stadtpräsidentin Corine Mauch liess sich nicht zweimal bitten und stellte in Aussicht, dass innerhalb des Landesmuseums bald ein Zürcher Stadtmuseum errichtet werden soll. Ein Behördenreferendum von AL, GLP und SVP habe allerdings zu grossen Verzögerungen geführt. «Das Projekt ist letztes Jahr vom Volk mit 63 Prozent angenommen worden», erörterte Mauch stolz beim Apéro. Nun steht dem Stadtmuseum also nichts mehr im Wege. «Der Lotteriefonds hat die Gelder bewilligt», sagt Mauch. Damit wird es möglich, im Stadtzürcher Angebot eine Lücke zu schliessen, um die eigene Geschichte und Identität im Landesmuseum darzustellen.

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SP-Regierungsratspräsident Mario Fehr hingegen konnte den Anlass ohne politische Hintergedanken geniessen. Der erklärte Geschichtsfan, der schon als Kind mit der Schule, später als Gymnasiast, dann als Berufsschullehrer die Ruhmeshalle besucht hatte, schwärmte denn auch in den höchsten Tönen vom Neubau der Architekten Christ & Gantenbein. «Jetzt gibt es noch mehr Raum, um über Geschichte nachzudenken. Damit sind wir in der Gegenwart angekommen.» Er erinnert aber auch an frühere Rockkonzerte von Züri West und Stephan Eicher, die er im Innenhof erlebt hatte.

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Bundesrat AlainBerset hingegen nutzte die Gunst der Stunde. In seiner hervorragenden Rede legte er einen ersten Schwerpunkt auf den schwelenden Sprachenstreit in diesem Land. Der Innenminister hatte sich kürzlich auf politisch sehr dünnes Eis gewagt und mit einem bundesrätlichen Machtwort in Sachen Frühfranzösisch in der Primarschule gedroht. «In unserem mehrsprachigen Land ist die Frage, ob man sich gegenseitig wirklich – und nicht nur oberflächlich – versteht, von eminenter staatspolitischer Bedeutung», sagte Berset. «Entsprechend ernsthaft muss die Sprachdebatte geführt werden.» Das Verhältnis der Schweiz zu Europa bildete einen zweiten Eckpfeiler seiner Rede. Berset betonte, dass sich die Schweizer keine 50:50-Schweiz leisten können. «Eine gespaltene Gesellschaft lässt sich nur verhindern, wenn wir uns aktiv für unsere gemeinsame nationale Identität engagieren», sagte der Innenminister und mahnte in Bezug auf den Brexit. «Unsere kulturelle Vielfalt, die direkte Demokratie und der Föderalismus funktionieren nur, solange der soziale und regionale Ausgleich gewährleistet bleibt.»

Die Standesweibel der 26 Kantone bildeten einen farbigen Höhepunkt an der Feier. Nur: Was ist überhaupt ein Weibel? «Wir sind Dienstleister für die Regierung und das kantonale Parlament», sagt Anita Imfeld-Mutter , die Standesweibelin von Luzern . (Übrigens: Rund ein Viertel der Weibel sind heute Weibelinnen.) Normalerweise stehen sie wie ein Butler in einem herrschaftlichen Haus im Hintergrund. An Anlässen wie der Eröffnung des Landesmuseums haben sie ihren grossen Auftritt. In ihren farbigen Gewändern, mit Zepter und Zweispitz auf dem Kopf fallen sie auf und geniessen ihren Auftritt. «Bei offiziellen Anlässen sind wir stets dabei», sagt Anita Imfeld-Mutter.

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Etwas wehmütig erinnerte Bundesrat Berset daran, dass bei der Eröffnungsfeier des Landesmuseums im Jahr 1898 der Bundesrat drei Tage lang in Zürich weilte und hier üppig bewirtschaftet wurde. Am Sonntag mussten sich die geladenen Gäste mit Bratwürsten aus den 26 Kantonen begnügen. Berset scherzte: «Dagegen wird nicht einmal SVP-Finanzminister Ueli Maurer etwas einzuwenden haben.»

Erstellt: 01.08.2016, 21:28 Uhr

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