Ein Pavillon aus Karton und Carbon

Der japanische Architekt Shigeru Ban hat auf der Terrasse der Villa Wesendonck im Rieterpark einen Sommerbau erstellt. Er gleicht einem Treibhaus und wird im Herbst wie ein Zelt abgebrochen.

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Die einen Säulen sind aus Stein, ihr Schaft ist mit Kannelüren versehen. Die andern Säulen sind glatt und aus Karton. Sie tragen unverkennbar Shigeru Bans Handschrift, der die Leichtigkeit der Architektur wie kaum ein anderer versteht. Er hat für das Museum Rietberg auf der Terrasse der Villa Wesendonck einen Sommerpavillon entworfen. An der gestrigen Medienkonferenz machte der japanische Stararchitekt als Erstes auf die unterschiedliche Dicke der Kartonsäulen aufmerksam – die dünneren lassen sich in die dickeren schieben. Der Pavillon steht nämlich nur auf Zeit. Er wird im Winterhalbjahr abgebaut und soll dann möglichst wenig Platz beanspruchen.

Das Gebilde erinnert mit seinen aufklappbaren Fenstern aus Polycarbonat an ein Treibhaus – was wiederum bestens zum Standort passt. Der Sommerpavillon befindet sich nämlich an dem Ort, an dem Richard Wagner 1857/58 Gast der Familie des Seidenkaufmanns Otto Wesendonck war – und ein Liebesdrama mit der jungen Hausherrin und Poetin Matilde Wesendonck (1828 bis 1902) durchlebte, das er in der Oper «Tristan und Isolde» verarbeitete. Im Vorfeld dazu vertonte er fünf Gedichte Matilde Wesendoncks – darunter «Im Treibhaus». Die diesjährigen Festspiele Zürich stehen unter dem Titel «Treibhaus Wagner». Sie sind mehrfach im Sommerpavillon auf dem «Grünen Hügel», wie Wagner den Rieterpark nannte, zu Gast. Sie starten am kommenden Freitag und dauern einen Monat.

Der Pavillon wurde innert weniger als sieben Monaten erstellt. «Rekordverdächtig für ein Bauwerk in Zürich», sagt Albert Lutz, der Direktor des Museums Rietberg. Obwohl der Bau alles andere als von der Stange ist. Zwar ist Karton als Baumaterial nicht zuletzt durch Shigeru Ban mittlerweile erprobt, das Fachwerk aus Carbon aber, welches das Zeltdach trägt, gilt als Weltneuheit. Das ultraleichte und kostspielige Material wurde bisher vor allem im Flugzeugbau oder in der Formel 1 verwendet. Ban verwendet es hier erstmals, weil der Pavillon als temporärer Bau nicht nur handlich, sondern auch möglichst leicht sein soll.

Laut Josef Kurath, Professor an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften, war es äusserst spannend, dieses hoch technisierte Material im Baubereich einzusetzen. Die verwendeten Carbonfasern sind zehnmal stärker auf Zug belastbar als der rund fünfmal schwerere normale Baustahl. Shigeru Ban sagt: «Mich faszinierte über die Funktionalität hinaus der Kontrast zwischen der historischen Villa und dem Hightechmaterial.»

Mehr als Provisorien

Shigeru Ban hat im Zusammenhang mit dem verheerenden Erdbeben im japanischen Kobe 1995 das Voluntary Architects’ Network gegründet, eine Katastrophenhilfe zum schnellen Aufbau temporärer Häuser, Schulen und Kirchen. Doch wehrte er sich gestern gegen den Stempel, ein Architekt für Provisorien zu sein. Manche seiner Provisorien blieben über Jahre hinweg stehen – und er baue auch herkömmliche Gebäude. So wird in den kommenden Wochen am Stauffacher der von ihm gebaute Hauptsitz von Tamedia bezogen. Auch die TARedaktion wird künftig dort arbeiten.

Der Sommerpavillon wird während der Festspiele abends zum Schauplatz verschiedener Theateraufführungen, Konzerte und Lesungen. Er kann aber künftig auch von Privaten oder Firmen gemietet werden. Tagsüber ist er als Café für alle offen. Vorgesehen ist, dass der Pavillon künftig während der Sommermonate zur Dépendance des Museumscafés wird. Das Museum will daher nächstes Jahr ein Baugesuch für einen Saisonbetrieb eingeben.

Erstellt: 11.06.2013, 07:39 Uhr

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