Ein Platz für Menschen, nicht für Firmen

Mit einer Initiative will eine Gruppe Linker, Grüner und Alternativer einen «freien Sechseläutenplatz» erreichen.

Der Sechseläutenplatz soll in Zukunft geschont werden. Foto: Keystone

Der Sechseläutenplatz soll in Zukunft geschont werden. Foto: Keystone

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Zürich – Eine Gruppe Frauen schlürft Latte macchiato an der Sonne, Jugendliche schiessen Selfies auf dem Valser Quarzit, und auf einer der Kiesinseln pinkelt ein Zweijähriger an den Stamm einer jungen amerikanischen Roteiche – behelfsmässig abgeschirmt von Mutter, Vater, Tante und Geschwister. Jeder zweite der pinkfarbenen, grünen und grauen Stühle auf dem Sechseläutenplatz ist besetzt an diesem kalten, aber sonnigen Freitagnachmittag.

«Sogar im Winter geniessen die Menschen diesen wunderschönen Ort», sagt Samuel Hug. Geht es nach dem Vorstandsmitglied der SP Kreis 3 und seinen Kollegen, sollen sie es noch viel öfter ­ungestört tun können: An 300 Tagen im Jahr sei der Sechseläutenplatz frei zu halten, verlangt ihre Initiative für einen freien Sechseläutenplatz. Die Idee zur Ergänzung der Polizeiverordnung hat der Stadtrat eben für gültig erklärt.

Eigentlich wollten sie erst zum Start der Unterschriftensammlung an die Öffent­lichkeit treten, doch die NZZ hat es gestern publik gemacht, zehn Tage früher als geplant, weshalb Präsident Hug, im Berufsleben Pflegefachmann bei der Spitex, kurzfristig hat freinehmen müssen, um Journalisten und Interessierten Red und Antwort zu stehen. Hug, Gemeinderat Markus Knauss (Grüne), SP-Gemeinderätin Barbara Wiesmann und SP-Kantonsratskandidatin Sibylle Marti müssen improvisieren: Unterschriftenbögen dürfen sie erst ab dem offiziellen Start am 25. Februar verteilen, Transparent oder Informationsmaterial haben sie keines, nicht einmal eine Website. Viel brauchten sie aber auch nicht, um ihre Initiative zu bewerben, sagt Knauss: «Der Platz spricht für sich.»

Dass der im vergangenen Jahr eröffnete neue Platz an mehr als 185 Tagen im Jahr eben nicht für sich sprechen kann, weil er zum Teil oder ganz mit einer Nutzung belegt ist, hat bereits viele Kritiker auf den Plan gerufen. Der berühmteste: Opernhaus-Intendant Andreas Homoki. Er ist im Herbst beim Stadtrat vorstellig geworden, auch um für ein Mitspracherecht bei der Belegung zu weibeln. Darauf hat der Chef des Tiefbauamts, Fi­lip­po Leutenegger (FDP), eingeräumt, dass «der richtige Umgang mit dem Platz noch nicht gefunden sei». Statt an den vorgesehenen 120 Tagen sei er zwischen März und Oktober nur an 97 Tagen frei gewesen. Auch Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) gelobte Besserung.

Ein Tag, 3000 Unterschriften?

Zur aktuellen Initiative möchten sich die Opernhaus-Verantwortlichen nicht äussern. Mit der kostenlosen Liveübertragung «Oper für alle» ist man selber Nutzer des Sechseläutenplatzes. Nur so viel: «Wir sind zuversichtlich, dass die Stadt für die Nutzung des Platzes einen guten und vertretbaren Weg finden wird.»

Deutlicher wird Freddy Knie. Für die Rückkehr auf den Sechseläutenplatz habe man einen enormen Aufwand betrie­ben, sagt der Zirkusdirektor. Sein Unternehmen sei neben den Zünften der wichtigste Nutzer mit den grössten Ausgaben für die Platzmiete. «Wir sind überzeugt, dass die Dauer des Gastspiels auch in Zukunft im bisherigen Rahmen möglich ist, um dem grossen Publikumsinteresse gerecht werden zu können.» Für den einen Monat zahlt Knie der Stadt über eine halbe Million Franken.

«Wir haben nichts gegen Events», stellt Mitinitiantin Sibylle Marti klar. Gegen den Zirkus oder Volksfeste wie das Züri-Fäscht sei die Initiative nicht gerichtet. Auch für das Filmfestival würden die 65 vorgesehenen Tage noch reichen. «Doch Promotionsevents und Firmenanlässe können gut auch woanders stattfinden.» Veranstaltungen sollten in der Regel unentgeltlich zugänglich sein, heisst es im zweiten Teil des Initiativtexts.

Initiant Hug zeigt sich überzeugt, die 3000 Unterschriften für die Initiative im Nu zusammenzuhaben. Sein Ansinnen ist aber zumindest in seiner Partei umstritten. Die SP-Kollegen seien je näher am Stadtrat, desto skeptischer, sagt Hug. «Man glaubt, Standortmarketing machen zu müssen. Events mit Internationaler Ausstrahlung! Aber wir wollen Freiraum für Menschen.»

Für einen Weihnachtsmarkt hätte es neben Zirkus, Sechseläuten und Filmfestival dann aber kaum mehr Platz. Davide Loss, der diesen seit einigen Jahren für die Vereinigung Bellevue-Stadelhofen organisiert, fände das äusserst schade. «Schliesslich steht der Platz der Bevölkerung während eines Weihnachtsmarkts zum allergrössten Teil frei zur Verfügung.» Er wünscht sich, dass eine differenziertere Lösung ­gefunden wird. «Abgestimmt nach Jahreszeit, Grösse und Zugänglichkeit für das Volk.» Dass der Circus Knie den Platz im Frühling wochenlang ganz belege und Eintritt verlangen dürfe, während er im Winter leer stehe, wo ihn kaum jemand besuche, sei einfach nicht durchdacht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.02.2015, 21:04 Uhr

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