Ein Promille für die Profis

Die Stadt Zürich braucht endlich ein richtiges Fussballstadion – und im besten Fall bekommen die Steuerzahler dieses sogar gratis.

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Entweder die Steuerzahler oder private Investoren bauen Fussballstadien. In Zürich scheiterte die private Lösung 2009. Nicht weil das Volk nicht mitgemacht hätte. Es stimmte dem Pentagonprojekt der Credit Suisse 2003 klar zu. Doch Rekurse aus dem Hardturmquartier gegen die sogenannte Mantelnutzung zermürbten die Grossbank.

Die logische Konsequenz nach dem Fiasko: Jetzt baut die öffentliche Hand, und zwar ohne Shoppingcenter. Stimmen die Zürcherinnen und Zürcher dieser Lösung am kommenden 22. September zu, sind sie bei weitem nicht allein. Über die Hälfte der Fussballvereine, die letztes Jahr im europäischen Clubfussball engagiert waren, spielen in Arenen, die Städte und Staaten finanziert und gebaut haben.

Fussballstadien können auch als Teil der städtischen Infrastruktur wie Schulen und Spitäler betrachtet werden. Nur dass darin nicht Lehrerinnen unsere Kinder unterrichten oder Ärzte die Kranken behandeln, sondern Profifussballer für Emotionen sorgen. Das ist zwar weniger wichtig als Bildung oder Gesundheit. Doch gemessen an der Nachfrage hat auch der Profifussball seinen Stellenwert. Nicht viele Institutionen mobilisieren jede Woche 10 000 Personen.

Günstige Integration

Die kickenden Profis sind möglicherweise überbezahlt. Tatsache aber ist, dass sie vielen Jugendlichen als Vorbilder dienen. 10 000 Mädchen und vor allem Knaben sind in der Stadt Zürich bei einem der 55 Fussballclubs lizenziert. Dass sich Vereinsstrukturen und Aktivsport positiv auf Jugendliche und ihre Freizeitaktivitäten auswirken, ist unbestritten. Im multikulturellen Zürich ist der Fussball zudem wohl das günstigste Integrationsprogramm.

Das alles treffe auch dann zu, wenn der FC Zürich und der GrasshopperClub weiterhin im Letzigrund spielten, entgegnen die Stadiongegner. Doch das ist zu kurz gegriffen. Denn unbestritten ist, dass sich der Letzigrund nur mässig für den Fussball eignet. Das Stadion wurde für die Leichtathletik gebaut. Die Fussballclubs können sich darin kaum vermarkten. Viele Zuschauer bleiben daheim, weil sie keinen Feldstecher mitnehmen mögen, um die Akteure über die Leichtathletikbahn hinweg zu verfolgen. Die zahlenden Zuschauer wollen Stimmung. Sie wollen den Rasen im Stadion riechen.

FC Basel zieht davon

Verhinderte Einnahmen, zu wenig Publikum: Mit diesen Voraussetzungen können GC und der FCZ den FC Basel oder die Berner Young Boys auf Dauer nicht mehr konkurrenzieren. Gerade die Basler haben die Weichen Richtung Erfolg früh gestellt – mit einem neuen Stadion, das die Fans begeistert. Auch in Luzern, St. Gallen oder Thun ist dies gelungen. Deutlich höhere Zuschauerzahlen belegen dies. Erhalten die Zürcher Clubs keine vergleichbare Arena, geraten sie ins Hintertreffen, was zu einer Negativspirale in der Zürcher Nachwuchsförderung führen könnte. Der Hauptkritikpunkt der Stadiongegner sind die Kosten. 216 Millionen Franken kostet das Stadion mit allem Drum und Dran, also inklusive des bereits gekauften Lands (44 Millionen), der Altlastenentsorgung (6,5 Millionen), des Parkhausabbruchs (2,6 Millionen) und der Reserven (21 Millionen). Zieht man Erschliessung, Betriebseinrichtung, Umgebungsarbeiten und Nebenkosten ab, bleiben 85 Millionen fürs Stadiongebäude. Das ist nicht wenig, aber auch nicht total überrissen. Weitere 5 Millionen kostet die Beteiligung der Stadt an der Betriebs-AG des neuen Stadions.

Anders als andere vom Staat zur Verfügung gestellte Gebäude werden die Kosten von 216 Millionen durch die erfolgsabhängige Stadionmiete und weitere Einnahmen rund um die Arena refinanziert. Im besten Fall – wenn die Clubs erfolgreich spielen und die Einnahmen etwa für die Namensrechte sprudeln – fliessen die 216 Millionen also langsam zurück an die Bauherrin.

Nicht 216, sondern 8,3 Millionen

Doch die Stadt ist vorsichtig und geht in ihrem Businessplan von einem anderen Szenario aus. Sie rechnet mit einem jährlichen Defizit von 6,3 bis 8,3 Millionen Franken. Und dieses will sie übernehmen. Kurz: Die Stimmbürger entscheiden unter dem Strich, ob sie den Zürcher Profifussball jährlich mit 8,3 Millionen Franken subventionieren wollen oder nicht, wobei es sich um den Worst Case handelt.

Bleiben wir also pessimistisch. 8,3 Millionen sind viel Geld. Man muss aber auch die Relationen sehen. Die maximale Defizitgarantie beträgt genau 1 Promille des städtischen Budgets. Für die ebenfalls wichtige Kultur budgetiert Zürich jährlich netto 104 Millionen. Allein das Schauspielhaus erhält rund 38 Millionen im Jahr, die Tonhalle 16,5 und das Theater Neumarkt 4,5 Millionen. Zudem wird das Opernhaus jährlich mit über 80 Millionen durch die kantonalen Steuerzahler subventioniert. Stadtkultur und Oper erhalten zusammen über 180 Millionen, während das Stadtzürcher Sportamt mit seinen 95 Anlagen und 3,6 Millionen Gästen mit 114 Millionen Franken auskommen muss. Es steht den Zürcherinnen und Zürchern gut an, auch mal wieder den Sport zu berücksichtigen.

Dabei müssen sie sich nicht erpresst fühlen durch die 103-Millionen-Wohnsiedlung neben dem Stadion, über die ebenfalls am 22. September abgestimmt wird und die laut Stadtrat nur bei einem Ja zum Stadion gebaut wird. Sie haben den Fünfer und das Weggli: endlich ein richtiges Fussballstadion, das den Sport zum Erlebnis macht. Und einen Block mit 154 günstigen Wohnungen für nicht weniger als 500 Menschen.

Erstellt: 10.09.2013, 07:32 Uhr

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