Ein Schieber für die Solidarität

Der erste Samstag im Februar ist für Sozialromantiker und Jasser heilig. Seit 25 Jahren steigt dann das Rojinegro-Turnier in Wiedikon.

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«Die Karten werden erst aufgenommen, wenn der Partner den Trumpf bestimmt oder geschoben hat», lehrt mich Gegnerin Karin zu Beginn meiner ersten Jassrunde. Und entgegnet auf mein Erstaunen hin: «Das ist nur hier so, aber es gehört zum Rojinegro-Solidaritätsjassen wie so vieles andere auch.»

Immer am ersten Samstag im Februar steigt der gleichnamige Anlass im Kulturmarkt im Zürcher Kreis 3. Jener Samstag ist für die meisten der rund 350 Spieler an den langen Tischen im Saal heilig. Karin trägt sich diesen Termin jeweils als ersten in ihre neue Agenda ein. Einige Jasser kamen einst mit ihren Eltern, als es noch ein Kinderturnier gab. Man kennt sich, ist per Du. Auf einem kleinen Tisch stehen ein Bild und eine Kerze. Sie brennt für jene Spielerin, die im letzten Jahr verstorben ist. Wen man auch fragt, sagt: «Ich komme, um alle die Freunde hier einmal im Jahr zu sehen.»

Sandinistische Tradition

Zehn Runden Schieber werden gespielt, pro Runde (acht Spiele) wird ein neuer Partner zugelost. Alle Spiele zählen einfach, gewiesen wird nicht. Drei Runden muss gespielt haben, wer eine der Spendergaben erhaschen will, unter anderem für Übernachtungen, Lebensmittelkörbe, Gutscheine für Glace, Massagen oder für eine Rechtsberatung. Das Spielgeld (fünf Runden für 50 Franken, eine Runde für 12 Franken) kommt Rojinegro zugute, der Solidaritätsbewegung für Zentralamerika.

Diesen Begriff prägte die nicaraguanische Bevölkerung während der 80er-Jahre, zu Zeiten der sandinistischen Regierung, als sie für eine bessere Wirtschaftslage regelmässig umsonst arbeitete. In Anlehnung an die roten und schwarzen Farben der Sandinisten heisst die Bewegung bis heute Rojinegro.

Mit den Einnahmen am Zürcher Jassen werden linksgerichtete Hilfsprojekte in Zentralamerika unterstützt. Dass über der Bühne ein Plakat mit der Nein-Parole zur Durchsetzungsinitiative hängt, versteht sich von selbst.

Die 700-Punkte-Marke

Bei mir am Tisch ist höchste Konzentration gefragt. Karin, Gisela und Bruno sind seit drei Runden warm, das Niveau ist hoch, das Spiel schnell. «Mit einer 700er-Runde bist du dabei, mit 800 bist du top», sagt Karin. Mir gelingt dank Bruno ein Einstand mit 747 Punkten.

Der «lange» Rolf war vor einigen Jahren ganz vorne und entsprechend auf der «Bestenliste» verewigt. Als Preis entschied er sich für den Jahreseintritt in den Jazzclub Moods. Das Abo hat er seither jährlich erneuert. Einer der Renner unter den Preisen scheint der Gutschein für die Zahnreinigung in einer Praxis an der Langstrasse zu sein. Wer einmal da war, schwört auf diesen Zahnarzt.

Leupis Leidenschaft

Durchs Mikrofon höre ich Stefan Rohners Stimme. Es ist das Zeichen zur Auslosung der Partner für die nächste Runde. Rohner hat den Anlass mitaufgebaut. Er war selbst vor 30 Jahren als politischer Aktivist in Zentralamerika unterwegs. Im Kafi Tintenfisch in Wipkingen haben Rohner und sein Team von Freiwilligen vor 25 Jahren klein angefangen. Seit über zehn Jahren sind sie im Kulturmarkt – und wollen nicht mehr weg. Rohner sagt: «Viel mehr Spieler mag es nicht leiden, darum machen wir kaum Werbung.»

Mich verschlägts wieder an denselben Tisch. Heinz und ich gewinnen zwar, bleiben aber knapp unter 700 Punkten, ergo sind wir nicht wirklich gut. Filmemacher Paul Riniker geht es ähnlich. Doch er sagt: «Mir gefällt die Atmosphäre hier. Man ist tolerant, alles ist perfekt organisiert. Das genügt.»

Seit Jahren ist er dabei, ebenso die Jazzpianistin Irène Schweizer oder das St. Galler Stadtoriginal Albert Nufer. Ums Spiel geht es Stadtrat Daniel Leupi (Grüne). «Da niemand von meiner Familie gern jasst, komme ich hierher», sagt er.

Meine dritte Runde ist nicht mehr der Rede wert. Mir bleibt am Schluss Rang 275. Doch der Preis dafür kann sich sehen lassen: eine Bluse von Designer und Schauspieler Joel Basman, die zwar etwas gross ist, aber einst 730 Franken gekostet hat. Ob einst Ladenhüter oder nicht, sie gefällt.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 07.02.2016, 16:12 Uhr

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