Ein Vegi und ein Karnivore verloren zwischen hundert Hütten

Im Wienachtsdorf beim Bellevue isst man internationales Streetfood, umgeben von White-Christmas-Nostalgie.

Das Essen ist international, die Adventsstimmung mitteleuropäisch.

Das Essen ist international, die Adventsstimmung mitteleuropäisch. Bild: Sabina Bobst

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«Was ist trostloser als ein Weihnachtsmarkt bei Tageslicht?», fragt der Vegi den Karnivoren. Und liefert die Antwort gleich selber. «Ein Weihnachtsmarkt bei Tageslicht im Regen.» An einem solchen befinden sich die zwei gerade, im Wienachtsdorf auf dem Sechseläutenplatz, bestehend aus rund 100 Holzhütten, die einladen zum «Schmökern, Shoppen, Schlemmen und Verweilen». So heisst es auf der Homepage.

Der Karnivore wollte da hin. Er sei halt Traditionalist. Wobei es auch ihm bald zu viel wird. Vom Walliser Raclette bis zum srilankesischen Kottu Roti, Dutzende Stände haben es auf die Schlemmenden abgesehen. Überfordert schlendern die zwei durch verwechselbare Häuschen und unverwechselbare Gerüche. Käse, Fritteuse, Curry, verbranntes Fleisch. Der Vegi mault: Am Ende würden sie nach Restaurant stinken, obwohl sie in keinem waren. Mit diesen Bedenken scheint er allein zu sein. Trotz Nieselregen haben sich Schlangen gebildet, die längsten vor dem griechischen Gyros- und dem tibetanischen Momo-Stand. Besonders Teenager scheinen internationales Streetfood in mitteleuropäischem Advents-Ambiente zu schätzen.

Der Karnivore – alle Traditionen vergessend – überspringt das Raclette und dockt beim peruanischen Burgerstand an. Dort bestellt er für 20 Franken 250 Gramm Fleisch, was in Burger umgerechnet einem doppelten entspricht. Der Vegi wählt den «Yemen Express», dessen Aushang Fleischfreies verspricht. Den veganen Malawach etwa, ein Fladenbrot gefüllt mit Tomaten, Aubergine und Sesampaste (14 Franken).

Die Suche nach Espresso

Und jetzt? Da alle Sitzplätze besetzt sind, zwängen sich die zwei unter das Vordach eines Schmuckstandes. Es regnet stärker. Der Vegi beisst auf Verpackungspapier, Sauce schmiert über die Finger. Der Karnivore findet seine doppelte Fleischdosis nur mässig, was den Vegi zu einer Kurzpredigt veranlasst. Wie herzlos es doch sei, Tiere zu töten, um ihnen hinterher vorzuwerfen, sie schmeckten nicht. Wobei ihn sein Malawach auch nicht restlos glücklich mache. «Dein Wallach?», fragt der Karnivore. Und lacht nicht einmal selber.

So sieht ein peruanischer Hamburger aus.

Dann wenigstens Espresso shoppen. Trotz Rumgeschmökere finden sie nur Filterkaffee (4.50 Franken ein grosser Becher). Dazu teilen sie sich christlich ein veganes Gebäck (3.50). Herzhaft im Geschmack sei dieses, und das ohne Butter, stellt der Karnivore überrascht fest. Ebenso überrascht ist er, dass seine Füsse bedenklich rasch erkalten. Wie viel gemütlicher es in einem Restaurant doch wäre, rechnet der Vegi vor. Nur könnten sie dort nicht den kreisenden Teenies zuschauen, entgegnet der Karnivore.

Diesen scheint es weder ums Schlemmen noch ums Shoppen zu gehen. Eher ums gegenseitige Beschmökern. So machen sie aus dem Wienachtsdorf eine Art Winter-Chilbi. Was, findet der Karnivore, in Anbetracht des Klimawandels ein gar nicht trostloser Ansatz sei.

Zürcher Wienachtsdorf

– Preis-Leistungs-Verhältnis
Die Preise an den Ständen erreichen teilweise fast Restaurantniveau. Ob es sich da lohnt, stehend in der Kälte zu essen, ist Geschmacksache.

– Ambiance
Trotz anspruchsvoller Wetterbedingungen lebhaft. Zürcherinnen und Zürcher scheinen sich zu jeder Jahreszeit gerne im öffentlichen Raum aufzuhalten.

– Service
Das Essen kommt hier nicht zu den Essenden, sondern umgekehrt. Wobei die Menschen hinter den Ständen bewundernswert fröhlich und motiviert wirken. Trotz vermuteter Eisfüsse.

– So kommt man mit dem ÖV hin
Der Sechseläutenplatz liegt zwischen den Knotenpunkten Bellevue und Stadelhofen.

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In dieser wöchentlichen Rubrik lesen Sie unsere Urteile über die Gerichte in Zürcher Restaurants.

Erstellt: 05.12.2019, 16:23 Uhr

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